Aus: Idensen, Heiko Krohn, Matthias: Connect it! Eine Navigation durch die
mPooL-Datenbank zur Ars Electronica 1989, in: Ars Electronica (Hrsg.): Im Netz
der Systeme, Berlin 1990, S.123-140
Ein
Gespenst geht um in Europa - das Gespenst des allseitig einsetzbaren Computers.
Alle subversiven Kräfte des alten Europa haben sich zu einer heiligen
Allianz gegen dieses Gespenst verbündet, der Schriftstellerverband, die
Gewerkschaften, die Grünen, die Bibliothekare, Poeten, Künstler,
Soziologen, Sprachwissenschaftler....(französische Radikale und deutsche
Hacker ausgenommen.)
Die Philosophen der Neuen Technologien haben bisher nur die Rezeptionsweisen
informationsverarbeitender Maschinen neu interpretiert - jetzt kommt es darauf
an, massenweise die PRODUKTIONSWEISEN zu verändern: Texte, Bilder,
Fakten und Fiktionen, Tabellenkalkulationen, Abenteuerspiele, elektronische
Bibliotheken und Mailboxen müssen jetzt aus dem Dornröschenschlaf
ihres technokratischen/ affirmativen und "spielerischen"
Anwendungszusammenhangs befreit werden.
Die
Losung heiß nicht mehr: "Der Autor muß Agent der Massen sein!",
sondern "Aus den Konsumgütern PRODUKTIONSMITTEL machen!"; nicht mehr "Alle
Macht der Phantasie!", sondern "Aus Projektionen Projektile machen!"; nicht
mehr "Wissen ist Macht!", sondern "Aus den faschistisch geschalteten
eindimensionalen Medienverbundnetzen benutzerkontrollierte Netzwerke mit freiem
Zugang machen!"...
Es ist ein Irrtum, zu glauben, allein das massenweise kopieren von (zumeist
schlechter) Software sei schon subversiv. Ebenso ist es fatal, die Hacker als
neue Befreiungsarmee des telematischen Zeitalters hochzustilisieren!
Wir
alle sind Hacker, Cyber-Punker, Kopisten, Simulanten, Neuromancer,
Enzyklopädisten, Kombinatoriker, Wunschmaschinen, Warhols, Ecos, Weibels,
Sonys ...
Wenn die Künstler, Philosophen, Schreibenden, Lesenden sich weiter damit
begnügen, schöne Bilder zu errechnen, über Aids und
Computerviren zu spekulieren, die automatische Seitenzählung zu
aktivieren, die Zeit mit labyrinthischen Adventures zu vertrödeln, dann
werden wir entweder so tragisch enden wie ein Romanheld oder wie ein
Intellektueller, der nächtelang vergeblich versucht, ein kombinatorisches
Basic Programm zur Permutation seines Namens aus einem Roman abzuschreiben...
Die
scharfe Monition aller dekonstruktivistischen Diskurskritiken von der
Wunschökonomie über die Lüste an den Texten und an sich selbst
bis hin zu systemtheoretischen/interdisziplinären Forschungen der
rationalistischen Wissenschaft finden einen neuartigen Kontext in den
Verknüpfungs- und Verschaltungsmöglichkeiten der neuen
Technologien:
Die Revolutionierung der Kommunikation beginnt nicht in den Schlafzimmern,
nicht auf der Straße, nicht in den Bibliotheken und nicht in den Guides
and Manuals zur Textverarbeitung, sondern direkt auf den Oberflächen der
informationsverarbeitenden Maschinen: Wer noch nicht zu einem Satelliten des
erotischen Minitels geworden ist, bzw. die Platzreservierung in "seinem"
Programmkino via Mailbox erledigt, braucht nicht traurig zu sein: die
Vernetzung fängt im Kopf an und breitet sich dann über verschiedenen
Medien aus: Papier, Tasten, Mäuse, Bildschirme, Wände, Bücher,
Telefonleitung, Bildschirm, Drucker, Papier, Buch, Wände..
Die
Konzepte für eine solche hypermedial-verknüpfte, diskontinuierliche
Ideen-Produktion und Weitergabe kompilieren wir aus der Literatur[11], der Ars Combinatoria, den historischen
CUT-UPS eines Materialismus, der aus einer Montage von Einzelmomenten
übergreifende Konstruktionen entwickelt[12] und den subkulturellen Ursprüngen der
"Computerkultur" in den 60er Jahren der USA[13], die, verbunden mit Hyper-Text Programmen, zu
Möglichkeiten vielfältig vernetzter Schreib- und
Leseoperationen führen:
1. Jede Information ist frei zugänglich und kann an jeder Stelle
verändert, ergänzt und mit anderen Informationsteilen (Textstellen
oder Bildern) verknüpft werden.
2. Die Unterscheidung zwischen Daten und Programmen ist aufgehoben: die
Aktivierung eines Wissensbausteins kann sowohl einen Suchbegriff auslösen,
als auch ein neues "Fenster" zur Eingabe eins Kommentars oder einer
Randbemerkung öffnen
3. Die Strukturen/ Zusammenhänge/ der Kontext wird beim Schreiben und
Lesen ebenso wichtig wie die einzelnen Wissensbausteine.
4. Der Unterschied zwischen Schreiben und Lesen, Abbilden und Einbilden,
Codieren und Decodieren fällt in einen Produktionsmoment zusammen.
Wir können solche nicht-linearen Produktionsweisen als Werkzeugkiste und Wunschmaschine in unseren jeweiligen Aktionsbereichen und Tätigkeitsfeldern einsetzen: Koordination zur Unterstützung kooperativer Arbeitsmethoden, Vernetzung persönlicher Herangehensweisen und Systematiken in soziale KONTEXTE. Solche Begriffs- und BeziehungsNETZE setzen wir der rationalistischen und technokratischen systemimmanenten Vollautomatisierung der Gesellschaft entgegen, in der die Subjekte auf tastendrückende Ja/Nein Experten reduziert werden. Hierbei werden sämtliche sozialen Maschinen mit Sex, Erotik, Kunst, Interesse, Leidenschaften, Glauben und Metaphysik geschmiert und der Glaube an den Rausch der Rückkopplung (FEED-BACK) wird zur Religion für das Volk.
Ein
Akt der ENTWENDUNG kann diesen fatalen Prozeß umzukehren: das
"Füttern" von Texten, Initiativen, Gruppen, Institutionen ... mit
Informationen als eine produktive /ästhetische/ kommunikative
Tätigkeit zu begreifen, kann auch den Umgang mit den
informationsverarbeitenden Maschinen revolutionieren.
Konzeptart, offene Kunstwerke mit Beteiligung, interaktive Experimente der
Medienkunst, soziale Rückkopplung frei nach Burroghs , Hyper-Text-Systeme
und kooperative Software[14] verlangen nach
einer revolutionären Kopplung:
"Gestützt
auf Simulationsinstrumente (persönliche Metamedien), stellen wir
MODELLE ALTERNATIVER WIRKLICHKEITEN her (Kunst); gestützt auf
konversationelle Netzwerke (die öffentlichen Metamedien also), können
wir aber auch die kulturellen Kontexte kontrollieren, die die Publikation und
den Empfang dieser Modelle determinieren (Politik). Die Kontrolle des Kontextes
beinhaltet die Kontrolle der Bedeutung, die Kontrolle der Bedeutung ist
identisch mit der Kontrolle der Wirklichkeit."[15]
Diesen Prozeß des Umkehrung in der gesellschaftlichen Wissenszirkulation
dürfen wir nicht den Technokraten und Systemprogrammierern
überlassen![16]
Freien Zugang zu allen Terminals, Datenbanken und Archiven!
Kostenlose öffentliche, benutzerkontrollierte Netzwerke zum Austausch von
Ideen!
Weiterführung einer umfassenden, kontextuellen elektronischen
Enzyklopädie unter Beteiligung aller..
Alles kann mit allem verbunden werden!
Everything is deeply intertwingled![17]
[11] Lesepfade für interessierte: Butor, Michel, Orte, 1966 - Okopenko, A., Lexikonroman - Jorge Luis Borges, Labyrinthe, München 1959 - Raymond Roussel, Nouvelle Impressions d´Afrique, München 1980 - Walter Abish, Abbild, Anspruch, Absicht. in: Quer durch das große Nichts, Frankfurt am Main 1983 (es 1163), S.72
Raymond Quenau, Hundertausend Milliarden Gedichte, Frankfurt am Main 1984
(2001) - Oswald Wiener, Die Verbesserung von Mitteleuropa, Roman, Reinbek bei
Hamburg 1969
[12] siehe Diderots ENZYKLOPÄDIE und
Benjamins PASSAGENWERK
[13] z.B. "Computer LIB -Dream machines" von
Ted Nelson oder Learys Behauptung, die Computer seien ohne die Drogenkultur der
60er Jahre nicht denkbar!
[14] z.B. das Projekt CYBERSYN - Computer for
the people! -, das im Rahmen des revolutionären Chile unter Allende
mithalf, durch kooperative Planung den amerikanischen Waren-Boykott zu
durchkreuzen. Nach Winograd/Flores: Erkenntnis Maschinen Verstehen. Berlin
1989, S.301
[15] Gene Youngblood, Metadesign S.80
[16] "Also wäre es angebracht, wenn
Künstler sich in die Normierungsausschüsse hineinschmuggeln
würden. ...Sie sollten offensiv werden, statt bloß zu kombinieren,
was die Normierung unter den Titeln Realität und Fiktion schon längst
vorproduziert hat. Aus dem Geplänkel könnten Schlachten werden." F.
Kittler in: Kunstforum 98, Ästhetik des Immateriellen, 2/89, S.116
[17] Motto des Xanadu-Projektes von Ted
Nelson, vgl: Computerlib-Dream Machines, Michigan 1974, Selbstverlag, S.