"Diskussionsbeiträge in wissenschaftlichen Zeitschriften und in
Netzdiskussionsforen[9] unterscheiden sich in
vielerlei Hinsicht. Ein besonders wichtiger Unterschied ist die Orientierung am
Diskurs: Während der Autor eines Zeitschriftenbeitrags starke
Gegenpositionen vorwegnimmt, um möglichst keinen Diskurs auf sich zu
ziehen, der die Qualität seines Beitrags oder, schlimmer noch, die
Kompetenz des Autors in Zweifel ziehen könnte, zeichnen sich gute
Beiträge in den Diskussionsforen der Netze dadurch aus, daß sie ihre
Kontrahenten pflegen, indem sie ihnen aussichtsreiche Gegenpositionen
überlassen oder gut konturierte Lücken zu füllen gestatten.
Ist im Netz ein Kontrahent gefunden [...], entsteht ein ausreichend
differenziertes Muster, das den Diskussionssog für andere Beobachter der
Debatte verstärkt. Es stoßen verläßlich weitere
Teilnehmer hinzu, die Kommentare ihrerseits kommentieren, Analysen und
Synthesen anbieten und versuchen, ein Thema in bestehende Taxinomien und
Theorien einzuordnen. [...] Auf diese Weise entsteht in länger anhaltenden
Netzdebatten ein Gesamttext, bei dem die Werkshoheit nicht mehr von einem
einzelnen Autor, sondern nur von der Gruppe der Debattenteilnehmer insgesamt
beansprucht werden kann. Der Text ist zu einem Kollektivprodukt geworden."
(Rost (1996c), 412)
[9] Im WWW-Board Interf(r)iction laufen sowohl
längerfristige Diskusionen (z.B. über Hypertext vs. Hyperbild) als
auch komprimierte verabredete 'Treffen' mit ganz bestimmten Diskussionszielen
(etwa zur Vorbereitung einer
Podiumsdiskussion zum Thema "Betriebshof Internet
URL
(Accessed 7.10.1997)
Die "Documenta-Diskursmaschine" bietet Texte aus dem
Documenta-X-Katalog als kommentierbares Diskussionsforum
an. URL ( Accessed 11.11.1997