"Daten, Texte, Bilder, Klänge, also Botschaften aller Art, werden
digitalisiert [...]. Dabei haben die Werkzeuge zur elektronischen
Datenverarbeitung schon ihren Sonderstatus innerhalb der Gesamtheit der
menschlichen Aktivitäten verloren und sind zu einer Alltäglichkeit
geworden. "<7>
aus:
Pierre Lévy: Die Kollektive Intelligenz. Eine Anthropologie des
Cyberspace, Mannheim 1997, OT: L' intelligence collective. Pour une
anthropologie du cyberspace, Paris 1995
Experimentelle
Schreibweisen haben ebenso wie poetische Verfahren, mediale Interferenzen sowie
Konfigurationen schon immer Eingang in die (Medien-) Theorie gefunden:
Filmische Schreibweisen (im Noveau Roman), intertextuelle Theorieformen und
kollektive Schreibweisen (aus den emanzipatorischen Theorieexperimenten der
60er Jahre) Cut-Up-Techniken (aus der amerikanischen Medientheorie), die
verschlungenen Pfade des französischen Post-Strukturalismus ... bis hin zu
vernetzten online-Theorieformationen, Theorie-Performances, -Sampling-Sessions
...
Hallo, ich bin Ihr Agent. Was möchten Sie wissen?
Beispiele hypermedial vernetzter Wissensräume aus einer in Arbeit
befindlichen CD-ROM zur Erweiterung und Dekonstruktion eines Tagungsbandes
(Konfigurationen zwischen Kunst und Medien, Kassel 1997) dramatisieren den
Vortrag und werfen zusätzliche Fragen auf:
Was ist das Interface der Theorie?
Womit bildet die Theore ein/aus?
Wer spricht?
(Das Rauschen der Theorie in Netz der Systeme)
"Die Menge der in Umlauf befindlichen Botschaften war nie so groß wie heute, aber wir verfügen nur über sehr wenige Instrumente, die uns erlauben würden, die relevanten Informationen herauszufiltern und entsprechend unseren zwangsläufig subjektiven Sichtweisen und Bedürfnissen Bezüge herzustellen, uns also im Fluß der Information zurechtzufinden. Hier ist der Raum des Wissens kein protokollierbarer Gegenstand mehr, sondern wird zum Projekt. Einen Raum des Wissens errichten hieße, sich mit institutionellen, technischen und begrifflichen Instrumenten auszustatten, um Informationen "begehbar" zu machen, so daß sich jeder selbst in diesem neuen Raum lokalisieren kann und die anderen je nach seinen Interessen, Kompetenzen, Plänen, Mitteln und wechselseitigen Identitäten erkennen kann." <25>
"Welchen Zweck sollen also die neuen Kommunikationswerkzeuge erfüllen? Vom sozialen Standpunkt aus gesehen, wäre es sicher am sinnvollsten, Gruppen von Menschen bestimmte Instrumente in die Hand zu geben, mit deren Hilfe sie ihre geistigen Kräfte bündeln und eine kollektive Intelligenz, eine kollektive Einbildungskraft erschaffen können. [...] Nach diesem Ansatz wäre das größte Architekturprojekt des 21. Jahrhunderts die Konstruktion und Einrichtung des interaktiven, sich bewegenden Raums des Cyberspace." <25, 26>
"Ich bediene mich der Form der erzählenden Darstellung, um einen handlichen Führer für die bereits stattfindenden Veränderungen zu geben, um Hindernisse aufzuspüren und mögliche Richtungen für weitere Erkundungen aufzuzeigen. Ich erheben nicht den Anspruch auf historische oder wissenschaftliche Exaktheit, sondern möchte eine fruchtbare und praktische Auseinandersetzuung initiieren. "<35>
"Das
archetypische Medium Schrift hat sich schon seit jeher verschiedenster
Montage-, Misch- und Layouttechniken bedient. Ausdrucks- und
Kommunikationsformen, die sich in keinster Weise nur auf einige simple
Reproduktionen von Sprache beschränken.
Das Digitale hat demnach die Medien schon immer verfolgt, denn es ist Montage
schlechthin - eine Montage, die sich auf die allerkleinsten Fragmente der
Botschaft bezieht und in ihrer unendlichen Disponibilität für alle
Kombinationen, Mischungen und Neuanordnungen der Zeichen offen ist. [...] Das
Digitale ermöglicht es, Botschaften zu erzeugen, sie zu bearbeiten und
sogar mit ihnen zu interagieren, Informationspartikel um Informationspartikel,
Bit um Bit." <59, 60>
"Bei
der trafitionellen schriftlichen Kommunikation werden alle Mittel der Montage
im Moment der Ausarbeitung selbst eingesetzt. Sobald der Text einmal gedruckt
ist, behält er in seiner Materialität eine gewisse Stabilität -
bis sein Sinn vom Leser um- und neugestaltet wird. Der digitale Hypertext
automatisiert und materialisiert diese Leseoperationen und erweitert deren
Bedeutung ganz beträchtlich. Der für jede Reorganisation offenen
Hypertext stellt ein dynamisches Reservoir, eine Matrix dar, von der aus ein
durch den Text navigierender Leser oder 'User' sich seinen speziellen Text nach
seinen momentanen Bedürfnissen zusammenstellen kann. Datenbanken,
Expertensysteme, Kalkulationsprogramme, Hyperdokumente, interaktive
Simulationen und andere virtuelle Welten sind potentielle Texte, Bilder,
Klänge oder sogar taktile Qualitäten, die in spezifischen Situationen
auf tausend verschiedenen Arten aktualisiert werden können. Das Digitale
findet damit wieder zurück zur Sensibilität gegenüber dem
Kontext, wie sie für körpergebundene Technologien kennzeichnend ist."
<60,61>
"Dies
alles gilt nur, wenn man die Möglichkeiten der Computer voll
ausschöpft."<61>
"Bis
vor kurzem war die Arbeit des Schreibens sicherlich eines der wirksamsten aller
bislang erprobten Mittel, um kollektives Denken zu erzeugen. Das Netz der
Bibliotheken registriert die Kreativität und Erfahrung einer Unzahl von
toten und lebenden Menschen. Das über Generationen hinweg stattfindende
Lesen und Interpretieren hat den zerbrechlichen Faden des Gedächtnisses
geknüpft und schlummernde Gedanken wiedererweckt. Übersetzungen, von
einer Sprache oder einer Disziplin in die andere, verbinden getrennte
Denkräume. Aber die klassische Schrift ist von Natur aus ein statisches,
diskontinuierliches Spurensystem. Sie ist ein träger, zerstreuter, ins
Gigantische anwachsendr Körper, den der einzelne nur durch mühevolle
Recherchen, Interpretationen und In-Verbindung-Setzen gliedern und beleben
kann.
Um dem abzuhelfen, werden die virtuellen Welten der kollektiven Intelligenz
neue Formen der Schrift entwickeln: animierte Piktogramme, kinetische
Schriften, welche die Spur der Interaktionen der Navigatoren bewahren
können." <117, 118>
"Der
subtile Geist, der versucht, den trägen Körper des Buchstabens zum
Tanzen zu bringen, der angesichts toter Zeichen den Atem des Autors
herausbeschwören will. Sie ist die gewagte Rekonstruktion eines
Knotenpunktes von Gefühlen und Bildern, denen der Text entstammt. Und zu
guter Letzt die Produktion eines neuen Textes, des Textes des Interpreten. Aber
angenommen, die Zeichen lebten? Wenn das Text-Bild, der Gedanken-Raum,
unaufhaltsam im Rhythmus der kollektiven Intelligenz wachsen, wuchern, sich
wandeln würde? Wenn die undurchsichtigen, gigantischen Schichtungen des
Texte sich angesichts eines flüssigen, kontinuierlichen Milieus
auflösten, in dem der Forschungsreisende immer das Zentrum besetzt?"
<118>
"Ein
Individuum, das den Kontakt zu seinem Leben und seinen Interessen verloren hat,
das seine Kompetenzen nicht nutzen kann und von den anderen abgesondert ist,
"hat nichts zu sagen". Die Schwierigkeit besteht darin, die Menschen in Gruppen
zusammenzufassen - im emotionalen und topologischen Sinn - und sie in ein
Abenteuer zu verwickeln, in dem sie wieder Lust bekommen, zu phantasieren, zu
erforschen und gemeinsame Sinneswelten zu schaffen. Die 'direkten' und
Echtzeit-Technologien steuern zwar ihnen Teil zu diesem Unterfangen bei, aber
die dem imaginierenden Kollektiv eigene Zeit geht weit über die zerhackte,
beschleunigte, fast punktuelle Zeit der 'Interaktivität' hinaus. Das
unmittelbare, das Zappen, von dem keine Erinnerung bleibt, kann uns nicht in
Kontakt bringen mit den langen Interpretationsketten, mit der unendlichen
Geduld der Tradition. [...] Der Rhythmus des imaginierenden Kollektivs
ähnelt dem eines sehr langsamen Tanzes. Ihm liegt eine Choreographie der
Verzögerung zugrunde." <131>
"Seien
wir ehrlich: Der Raum des Wissens existiert nicht. Er ist im etymologischen
Sinn des Wortes ein U-tope, ein Nicht-Ort. Er ist nirgends verwirklicht."
<145>
"Welche
Konzepte und Technologien könnten diesen Raum des Wissens und gleichzeitig
die Identität des einzelnen in diesem Raum sichtbar machen? [...]
Kollektive Intelligenzen tauchen auf und vernetzen sich, verlagern sich und
verwandeln einander. Aus der Zirkulation , Verbindung und Metamorphose
denkender Gemeinschaften entsteht und erhält sich der Raum des Wissens.
Jede kollektive Intelligenz erzeugt eine virtuzelle Welt, in der die
Beziehungen, die sie bestimmen, die Probleme, die sie in Bewegung bringen, die
Bilder, die sie sich von ihrem Umfeld macht, ihr Gedächtnis und ihr Wissen
im allgemeinen zum Ausdruck kommt. Die Mitglieder einer kollektiven Intelligenz
produzieren, strukturieren und verändern ständig die virtuelle Welt,
die Ausdruck ihrer Gemeinschaft ist: Die kollektive Intelligenz hört nicht
auf zu lernen und zu erfinden. "<159>
"Die
Melodie, die wir im Radio hören, die auf einer Platte aufgezeichnet ist,
wurde nie so gesungen, wie wir sie hören [...] Das große Kaufhaus
des Zeichens, des Spektakels wird zu einer Über-Realität, durch die
jedes Wort, jedes Bild hindurchgehen muß, wenn es irgendeine Art von
Wirkung erzielen will. Der Auftriff der Medien löst die
Repräsentation ab: "Ich habe das im Fernsehen gesehen ...".
Das Zeichen verweist hier nicht mehr auf einen Sinn oder ein Objekt. es
fließt, strahlt, verbreitet sich, setzt sich fort, es klont und vermehrt
sich. Es ist kein durch eine Transparenz beglaubigter Repräsentant,
sondern ein Virus, das sich replizieren will [...]."<171>
18.,
Abläufen, Ära, Aufzeichnungs-, ausdehnt, bereist, bewegliches,
Bewegung, Beziehung, Bibliotheken, Buch, Crusoe, dabei, Das, das, das,
Datenbanken, der, der, der, der, derselben, des, des, Die, die, ein, ein, ein,
ein, einem, einem, einer, eines, einziger, Elektronen, Encyclopédie,
Ende, Enzyklopädie, Es, es, Forschungszentren, Gedächtnis,
Gesamtheit, geschlossenen, Gruppen, im, in, in, in, in, in, in, Institutionen,
ist, ist, Jahrhundert, keine, konnte., Laboratorien, lebendiger, markiert,
Medien, mehr, mehr, Mensch, Menschen, Menschen, Menschen,
Meßinstrumenten., Moleküle, Netz, Netz, nicht, Nicht-Menschen, oder,
oder, Pyramide, Raum, Raumes, Robinson, ruht, setzt., sich, sich, Sie, soziale,
spinnt, statische, System:, technischen, Übersetzungen, unablässig,
und, und, und, und, und, und, und, und, unter, vereinen, Verweise., Das,
vielleicht, von, Waren, weites, Wissen, Wissens, zirkuliert
(812 Zeichen, 113 Wörter)
"Das
Wissen ist keine statische Pyramide mehr, es spinnt und bereist ein weites,
bewegliches Netz von Laboratorien, Forschungszentren, Bibliotheken,
Datenbanken, Menschen, technischen Abläufen, Medien, Aufzeichnungs- und
Meßinstrumenten. Es ist ein Netz, das sich unablässig in ein und
derselben Bewegung unter Menschen und Nicht-Menschen ausdehnt und dabei
Moleküle, soziale Gruppen, Elektronen und Institutionen in Beziehung
setzt.
Das 18. Jahrhundert eines Robinson Crusoe und der Encyclopédie markiert
vielleicht das Ende einer Ära, in der ein einziger Mensch die Gesamtheit
des Wissens in sich vereinen konnte. Die Enzyklopädie des Raumes der Waren
ruht nicht mehr im Gedächtnis lebendiger Menschen oder in einem Buch oder
geschlossenen System: Sie zirkuliert in einem Raum der Übersetzungen und
Verweise." <210, 211>
"Bereits
Diderot und d'Alembert haben das architektonische Diagramm, die hierarchische
Ordnung aufgegeben, denn ihre Encyclopédie ist nach der alphabetischen
Unordnung aufgebaut. Im Sinne eines Hypertextes besteht ihre eigentliche
Ordnung in einem Netz innerer Verweise. Die enzyklopädische Bibliothek
verjagt das Buch. Und die Bibbliothek dehnt sich aus, quillt über und
versucht, sich selbst mittels Katalogen und Indexsystemen zu lokalisieren.
Zitate und Referenzen zeichnen ein Netz der Lektüren und Kreisprozesse des
Wissens, das die alten Grenzen in Frage stellt. [...] Wie kann man die
wissenschaftliche und technische Information, aber auch die Bilder eines
Museums oder eines audiovisuelen Archivs [...] klassifizieren und organisieren?
All diese ungeschickten Versuche, sich zu diesem Zwecke doch immer der
erstarrten Korpora alter Disziplinen zu bedienen, müssen zum Scheitern
verurteilt sein, wenn das Wissen lediglich an den sich bewegenden Rändern,
an den Kreuzungen, in den Interferenzen existiert und alles eine Frage des
Imports und Exports ist?" <211>
"Die
Frage ist, ob man ein Netz konstruieren kann, das frei von Kreuzungen,
Verteilern und Schnittpunkten wäre, an denen sich Parasiten niederlassen.
Wo jedes beliebige Element mit jedem anderen in Beziehung treten könnte,
ohne auf einen Vermittler angewiesen zu sein. Es gilt entschieden, eine
Philosophie ohne Verteiler zu schreiben."
(Michel Serres )