Im 13.Jahrhundert ist die Frage nach dem Autor noch eindeutig zu beantworten:
"Es gibt vier Arten, ein Buch zu machen. Man kann Fremdes schreiben, ohne etwas hinzuzufügen oder zu verändern, dann ist man ein Schreiber (scriptor). Man kann Fremdes schreiben und etwas hinzufügen, das nicht von einem selbst kommt, dann ist man ein Kompilator (compilator). Man kann auch schreiben, was von anderen und von einem selbst kommt, aber doch hauptsächlich das eines anderen, dem man das Eigene zur Erklärung beifügt, und dann ist man ein Kommentator (commentator), aber nicht ein Autor. Man kann auch Eigenes und Fremdes schreiben, aber das Eigene als Hauptsache und das Fremde zur Bekräftigung beifügen, und dann muß man als Autor (auctor) bezeichnet werden." Illich( 91, 112)
In einer Kultur der handschriftlichen Reproduktion spielt sich der Akt des Schreibens noch ganz im auratisch abgeschlossenen, fast handwerklichen, Kompositionsraum ab, der scheinbar ganz in einem unmittelbareren Herstellungsprozeß eines Buches mit dem Schreibstift zwischen Abschreiben und Aufschreiben aufgeht.. Aber schon mit der ersten technischen Revolution der Schriftkultur, dem Aufkommen der Drucktechnik, bricht dieses Schreibkonzept zusammen: technische Vervielfältigung verändert die Materialität der Schrift und des Schriftträgers und löst die kulturtechnische Einheit von Wort, Hand und Wissensübertragung auf. Der Druck wird als gewinnorientiertes Gewerbe einerseits zum entscheidenden Paradigma gesellschaftlicher Reproduktionstechnik, während er gleichzeitig den Ort der Wissensproduktion aus der traditionellen Anbindung an die Kirche befreit.
Die
ungeheure Produktivitätsexplosion (ein Drucker druckt an einem einzigen
Tag mehr Seiten als ein Schreiber in einem Jahr abschreiben kann[nach:
Swierk72, 84]) geht mit einem Aura-Verlust einher: während sich der Akt
des Hand-Schreibens im Mittelalter als Garant für Wahrheit und
Wissensakkumulation auflöst, werden gleichzeitig die Medien der Schrift
künstlich auratisiert und mythologisiert: die Drucktechnik wird als
göttliche Kunst ("Divina ars") gefeiert - die eherne Haltbarkeit der
Druck-Geräte wird der Vergänglichkeit der reproduzierten Schrift
gegenübergestellt.
In einer Schrift zum Lob der Schreiber versucht ein benediktinischer Abt seine
Ordensbrüder von der Notwendigkeit des manuellen Abschreibens der heiligen
Bücher angesichts der heraufkommenden Reproduktionsmöglichkeiten der
Drucktechnologie zu überzeugen:
"Wer wüßte nicht, welcher Unterschied zwischen Handschrift und Druck besteht? Die Schrift, wenn sie auf Pergament geschrieben wird, vermag tausend Jahre zu überdauernd; wie lang wird aber der Druck, der ja vom Papier abhängt, Bestand haben, wenn ein Papiercodex zweihundert Jahre überdauert, ist es viel; gleichwohl glauben viele, ihre Texte dem Druck anvertrauen zu müssen. Hierüber wird die Nachwelt befinden. Selbst .wenn jetzt schon viele Bände gedruckt vorliegen, werden doch niemals so viele gedruckt sein sein, daß man nicht etwa wieder etwas zum Schreiben wird finden können, das noch nicht gedruckt ist. Schwerlich wird auch jemand alle gedruckten Bücher auffinden oder für sich erwerben können. Selbst wenn alle Werke der ganzen Welt gedruckt würden, bräuchte ein hingebungsvoller Schreiber von seinem Eifer keineswegs abzulassen; er müßte vielmehr auch den gedruckten und nützlichen Büchern Dauer verleien, indem er sie abschreibt, da sie ansonsten nicht lange bestand hätten. Erst seine Leistung erwirbt den dürftigen Werken Autorität, den wertlosen Größe und den vergänglichen Langlebigkeit. Ein begeisterter Schreiber wird jedenfalls immer etwas finden, was seiner Bemühung wert ist. Er begibt sich nicht unter die Abhängigkeit des Druckers; er ist frei und erfreut sich seiner Freiheit, indem er seine Aufgabe erfüllt. Und er sit dem Drucker keineswegs so unterlegen, daß er wegen dessen Kunst seine bemühungen aufgeben müßte." Trithemius( 1492, 63 ff)
"Wer weiß nicht, welcher Abstand zwischen (Hand)Schrift (scriptura) und Druck (impressura) besteht? Die (Hand)Schrift nämlich, auf Pergament gesetzt, kann an die tausend Jahre halten. Wie lange aber hat der Druck, diese papierene Angelegenheit (res papirea), Bestand? [...] In der Tat, wenn auch viele Bücher gedruckt sind, werden niemals so viele gedruckt, daß man nicht immer noch etwas zum Abschreiben finden könnte., was noch nicht gedruckt ist. [...] Aber auch wenn alle Bücher in der ganzen Welt gedruckt würden, dürfte der fromme Schreiber keinesfalls von seimem Eifer ablassen, sondern müßte die brauchbaren Drucke abschreiben und ihnen dadurch Dauer verschaffen, da sie sonst nicht lange Bestand haben. Dies tuend, gibt der Schreiber noch ungefestigten Schriften (scriptura mutandibus) Halt, billigen verleiht er Wert, dem Verschleiß ausgelieferten lange Dauer. [...] Er duldet nicht, wie der Drucker, von äußeren Bedingungen eingeengt zu werden. Er ist frei, und er freut sich über sein in Freiheit ausgeübtes Amt. Keineswegs ist er dem Drucker unterlegen, so daß er von seinem Eifer lassen müßte, weil jener druckt." Müller( 88, 207)
Dem
Marktgesetz der Druckkultur wird die freie Entscheidung des Schreibers in der
Auswahl der für überliefernswert gehaltenen Texte
gegenübergestellt. Viel wichtiger scheint aber das Problem der Dauer, der
Einverleibung eines mit der Hand abgeschriebenen Textes in den "Korpus" der
Manuskriptkultur zu sein: der physische Akt des Schreibens überträgt
geradezu die Stimme des Textes in den "Körper" des Codex. Das pergamentene
Manuskript wird zu einem physisch präsenten Objekt. Durch lautes Lesen
wird dem in einer Handschrift gespeicherten Text wieder eine Stimme geliehen.
Nur über die Stimme kann der Speicher einer Manuskriptes 'ausgelesen'
werden. Diese intensiv sinnlichen Qualitäten einer Handschrift bleiben in
der potentiell unendlichen Reproduktionsmöglichkeit des Druckes auf der
Strecke. Dieser Widerspruch erscheint gerade in der hier angesprochenen
Übergangsepoche des Frühdrucks so stark, daß selbst ein
erneutes Abschreiben bereits gedruckter Texte zur dauerhaften Sicherung der
Buch-Körper empfohlen wird.
Diese Schreibszene vom Beginn des Gutenberg-Zeitalters wirft ein Licht auf die
Bedingungen des Schreibens in einer Übergangsepoche, in der sich durch
verändernde Technologien des Schreibens auch das gesamte Konzept der
Wissensspeicherung und der Weitergabe kultureller Werte verändert.
"[...]die Baukunst war bis ins fünfzehnte Jahrhundert die Chronik der Menschheit; während dieses Zeitraums ist kein auch nur halbwegs bedeutsamer Gedanke in der Welt aufgetaucht, der nicht zum Bauwerk geworden wäre;[...] Und warum? Weil jeder Gedanke, sei er religiös oder philosophisch, fortbestehen will; weil die Idee, die eine Generation bewegt hat, auch die kommenden Geschlechter bewegen und ihre Spur hinterlassen will. Wie anfällig ist dagegen die Unsterblichkeit einer Handschrift. Da ist das Bauwerk als Buch weitaus sicherer und dauerhafter. Das geschriebene Wort zu vernichten, genügen eine Fackel und ein Türke. Um das erbaute Wort zu zerstören, bedarf es einer Revolution oder einer Naturkatastrophe.[...] Im fünfzehnten Jahrhunder ändert sich alles. Der menschliche Gedanke entdeckt ein Mittel, sich zu verewigen, das nicht nur dauerhafter und widerstandsfähiger ist als die Baukunst, sondern auch einfacher und handlicher. Die Baukunst ist entthront. Auf die steinernen Lettern Orpheus' folgen die bleiernen Lettern Gutenbergs: Das Buch tötet das Bauwerk." Hugo( 1979,43 ff)