von Heiko Idensen
"Telepolis ist kein klassisches Printmedium am Netz, sondern ebensosehr Journal wie Radio, Fernsehen oder Galerie und natürlich auch ein öffentlicher Raum."
heist es im Editorial des online Magazins Telepolis, das seit März 1996 kostenlos verfügbar ist für alle, die über einen Internetanschluß verfügen.
Für alle anderen hat jetzt der Bollmann Verlag mit einer gleichnahmigen Vierteljahreszeitschrift die Möglichkeit geschaffen, in die spannenden Gefilde der Netzwerkkultur hineinschnuppern zu können.
Im Editorial der Druckausgabe heißt es:
"Der Titel von Zeitschrift und online-Magazin wurde Ende 1996 im Zuge einer großem Telepolis Ausstellung in Luxenburg geprägt, er hat sich in Buchveröffentlichungen niedergeschlagen und gilt mittlerweile als vielverwandte Gegenmetapher zum überstrapazierten globalen Dorf. Telepolis, das ist die neue urbane Lebenswelt im virtuellen Raum der vernetzten Computer, die sich sowohl von den Städten löst als auch auf diese zurückwirkt. Und Telepolis ist ein Sammelplatz von Informationen, Wissen und Macht, ein neuer öffentlicher Raum. in dem und über den naturgemäß Diskussionen und Debatten geführt werden."
Aus den vielfältigen Essays, Gesprächen und Reportagen der online-Ausgabe werden somit alle drei Monatige ungefähr ein viertel ausgekoppelt, zu Schwerpunktthemen gebündelt und für den Druck aufbereitet.
Der einführende Essays von Pierre Lévy (Professor für Informations- und Kommunikationswissenschaften am Hypermedia-Department der Universität St. Denis in Paris) problematisiert sehr anschaulich die Programmatik der heraufkommenden "Cyberkultur":
"Texte zirkulieren im Cyberspace weltweit, ohne jemals durch die Hände irgendeines Verlegers oder Chefredakteurs gegangen zu sein. ... In dem Maße, wie es möglich ist, neue Ideen und Erfahrungen zu veröffentlichen, ohne diese von dem Prüfungsgremium einer Fachzeitschrift billigen zu lassen, steht das gesamte Regulierungssystem der Wissenschaft schon jetzt in Frage".
Die Vermittlungsfunktion, die die Print-Ausgabe in diesem Zusammenhang einnehmen könnte, führt zwangläufig zur Problematik der Kriterien für die Auswahl und Filterung der Texte.
Während sich die Online-Ausgabe - ganz im Sinne eines vernetzten Kultur-Begriffes - versteht als ein öffentlicher Raum - als eine Schnittfläche von Datenströmen, die aus verschiedensten Bereichen der Netzwerkkultur zusammenlaufen ... so zielt die Printausgabe auf eine kritische Diskussion und Durchdringung des Netzgeschehens:
(Zitat:)
"Führt das Online-Magazin einen anspruchsvollen Stil in die Landschaft der Webzines das sind die Web-oder Netzwerkzeitungen) ein, so besetzt die Printausgabe das weite Feld der Netzkultur für das Genre der intellektuell ambitionierten Zeitschrift".
Zunächst sprechen die tradierten Formen der Wissensvermittlung für die 'klassische' gedruckte Form: Haltbarkeit und Beständigkeit, allgemeine Verfügbarkeit oder aber eine Zitierfägkeit mit präziser Seitenabgabe ...
Nur leider ist die im Editorial geforderte "gewinnbringende Ergänzung" der unterschiedlichen medialen Ausgaben von Telepolis nicht immer optimal eingelöst:
So sind etwa die online-Adressen der einzelnen Artikel nicht aufgeführt, was ein direktes 'springen' in den online-Text (mit den entsprechenden Verzweigungen) erschwert.
Andererseits kann die Linearisierug in der Abfolge der Texte, wie sie zwangsläufig in der Druck-Version vorgenommen werden muß, wiederum für bestimmte Argumentationsstränge hilfreich sein.
"Regierungen der industriellen Welt, Ihr müden Giganten aus Fleisch und Stahl, ich komme aus dem Cyberspace, der neuen Heimat des Geistes. Im Namen der Zukunft bitte ich Euch, Vertreter einer vergangenen Zeit: Laßt uns in Ruhe! Ihr seid bei uns nicht willkommen. Wo wir uns versammeln, besitzt Ihr keine Macht mehr!"
So verkündet es der Farmer, Greatful Dead Songschreiber und Mitbegründer der "Electronic Frontier Foundation" John Perry Barlow in seiner "Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace" als Reaktion auf amerikanische Zensurgesetze. Im Netz - wie auch in telepolis online - haben sich nun einige Anmerkungen, Ergänzungen, wie auch Kritiken zu diesem pathetischen Manifest herausgebildet. Diese kontroverse Netzdiskussion findet auch in der Zeitschrift ihre Entsprechung, wird hier sogar noch deutlicher. Im sogenannten "Anti-Barlow" von Geert Lovink und Pit Schulz wird etwa die dort propagierte "freie Rede im Netz" als eine "Wildwest-Systemtheorie für die Massen" entlarvt.
Völlig untransparent erscheint insgesamt die Filterung der Texte durch die nochmalige Offline-Redaktion des Bollmann Verlags: warum fehlt etwa das Gespräch zwischen dem Netzkritiker und Netz-Moderator Geert Lovink und dem kanadischen Medientheoretiker Arthur Kroker "Data Trash: Die Theorie der virtuellen Klasse - ein Ansatz zur politischen Netzkritik. Warum "Der Computer: Medium oder Rechner? Ein Begegnung im Netz" mit dem frankfurter Medienkritiker Hartmut Winkler von Geert Lovink: hier werden spannend, einfühlsam und engagiert die technischen und sozialen Konstruktionen des Datenuniversums Internet hinterfragt - auch die Wunsch-Konstruktionen, Projektionen und angepaßten Denk-Schemata bestimmter Medien-Theorie-Zirkel. Warum tauchen solche Auseinandersetzungen mit etablierten Medien-Theoretikern (wie etwa Norbert Bolz) in der Druck- Version nicht mehr auf?
Leider fällt auch der lebendigste Bereich von Telepolis online vollkommen durch das Auswahlraster: die pop~Tarts. Dieses Wortspiel bezieht sich auf Pop-Up Menus in Benutzeroberflächen und Pop-Kultur gleichermaßen. Tarts heißt selbst-ironisch und zynisch Schnitte/Mädchen/Frau/Tussi. Von den Protagonistinnen Kathy Rae Huffman und Margarete Jahrmann werden Anschauungsmaterialien aus dem Netz vorgestellt und kommentiert.
Es geht um Sinn und Sinnlichkeit im Netz, um Erfahrungen von CYBERWOMEN und Netzwerkpersönlichkeiten. Es herrscht 'net-live'-Stimmung: wir sehen online Künstlerinnen bei der Arbeit zu oder stoßen auf Text-Plaudereien aus dem Zusammentreffen mehrerer Personen in Internet Relay Chat-Sitzungen. Hier geht es auch am wenigsten akademisch zu - es entwickeln sich neue Umgangsformen, Sprachstile und Sprachspiele. Grafiken und Querverweise auf die entprechenden Netz-Projekte unterbrechen den linearen Lesefluß ...
Das Interface von Telepolis-online unterstützt durch klare Gliederung und übersichtlichen Aufbau das Bildschirm-Lesen geradezu vorbildlich: kurze Zusammenfassungen dienen dem online-Leser als Orientierung, ausführliche Inhaltsverzeichnisse am linken Bildschirmrand erlauben den Zugriff auf die verschiedenen Kapitel der jeweiligen Texte.
Eine ideale Kombination bietet sicherlich die parallele Nutzung beider Telepolisversionen: einen komprimierten und fundierten Einstieg in die Welt der Netzwerkkultur bietet die lesefreundliche Print-Version für eine breite Nutzerschicht, während der direkter Anschluß an die aktuellen Diskussionen mit netzspezifischen Kommunikations- und Distributuionsweisen als eine Erweiterung bei Telepolis online zu finden sind.
Die Macher der beiden Telepolis-Plattformen können allerdings noch einiges verbessern, um einen solche Vermischung von offline und online-Nutzung optimal zu ermöglichen.
Besonders die Druckversion sollte in Gestaltung, Auswahl und Aufbereitung der online-Ausgabe mehr wagen und sich nicht nur auf die Namen bekannter Theoretiker verlassen! Auch Screenshots und Inhaltsverzeichnisse der online-Ausgabe könnten einen stärkerer Bezug zum größeren Kontext der online-Ausgabe herstellen und somit auch die Auswahlkriterien transparenter machen. Das online-Telepolis Team sollte mehr Rückkanäle, Diskussionsforen, endlich eine funktionierende Suchmaschine - überhaupt partizipatorische Projekte anbieten ...
Es ist noch ein weiter Weg von Monopolis zu tele-polis!
Und für die Utopie eines Magazins im Netz und aus dem Netz gilt vielleicht analog, was die Initiatoren der Ausstellung Telepolis unter dem Stichwort "Baustelle" anmerken:
"Telepolis, die Stadt von morgen, wird aus Ziegeln und Bites, aus Orten und Datenströmen gebaut, und sie wird unser Leben und unsere Lebenswelt tiefgreifend verändern. Telepolis ist keine reine Utopie mehr ... Wir haben die Schwelle schon überschritten und befinden uns bereits in ihr - gleich ob im virtuellen oder im realen Raum."