DeutschlandRadio - Journal am Vormittag (4.10.96 -10.10-11.30 Uhr)
Forum Kultur - Live von der Frankfurter Buchmesse

Hauptsache vernetzt

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Michael Langer Deutschlandfunk

Reinhardt Kaiser Schriftsteller

Stefan Bollmann Verleger Bollmann Verlag

Heiko Idensen Hypertext-Experte

Hartmut Winkler Medienwissenschaftler

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Reinhardt Kaiser Eigentlich wollte ich nur in eine Buchhandlung gehen und mir ein Buch kaufen über Bücher und Bibliotheken online - es gibt ja meterlange Regale mit Internet-Literatur. Das Buch gab es aber interessanterweise nicht. Dann habe ich mir gesagt, das muß ich selber schreiben. Neugierig genug bin ich, habe mir einen Verlagsvertrag besorgt bei Eichborn und habe gesagt: O.K. jetzt mache ich das für euch, mit meiner Neugier die sich aus meiner professionellen Übersetzerei und Schreiberei ergibt will ich mal erkunden was da ist.

Michael Langer Wann drang das Gerücht das erste mal zu Ihnen und wann sind Sie dann online gegangen?

Reinhardt Kaiser Vor ungefähr eineinhalb Jahren, d.h. April, Mai 1995.

Michael Langer Also noch relativ frisch, wie ich übrigens auch. Stefan Bollmann, Sie sind Verleger, wie benutzen Sie privat und als Verleger diese neuen Möglichkeiten?

Stefan Bollmann Privat nutze ich sie eigentlich kaum. Im Verlag nutzen wir sie seit kurzer Zeit relativ intensiv. Ich habe die E-Mail-Kommunikation für mich entdeckt, also die elektronische Post, empfange ich gerne, schreibe ich gerne - ich finde das eine sehr erfrischende, weil es vielleicht einfach auch eine neue Art ist, miteinander in Kontakt zu treten und miteinander zu kommunizieren. Ich benutze das World Wide Web selber als Recherche-Möglichkeit, also ich finde da viele Texte, die mich auch als Verleger interessieren, um mich über Autoren und Strömungen zu informieren. Als kleines Beispiel: Die Amerikanerin Estha Dyson schreibt gerade an einem Buch über intellektuelles Eigentum und dieses Buch exisitiert noch nicht, wird aber auf dieser Messe versteigert, weil es nächsten Herbst weltweit gleichzeitig erscheinen soll. Um sich zu informieren, was sich Estha Dyson denkt, benutze ich eine Suchmaschine im World Wide Web, kann unter dem Namen Dyson zwei Texte von ihr zu dem Thema abrufen und plötzlich weiß ich, was in diesem Buch stehen wird, weil ungefähr schon ein Viertel des Buches einfach schon da ist. Wir benutzen es im Verlag auch um auf uns aufmerksam zu machen, wir haben seit kurzen auch eine Web-Site, eine Homepage.

[... Begriffsklärung E-Mail, Homepage ...]

Michael Langer Heiko Idensen, haben sie eine Homepage?

Heiko Idensen Nein. Ich habe bewußt keine Homepage, weil bei uns an der Uni die Studenten eigentlich sehr schöne Hompages machen und ich lehne diesen Begriff auch ein bißchen ab, weil es eine von diesen vielen fälschlichen Metaphern ist, die im Netz rumgeistern. Neulich auf einer Konferenz in Hannover hat der Telekom-Mensch gesagt, jetzt kann jeder von T-Online 2,5 Megabyte für eine Homepage bekommen und das wäre jetzt das A und O der Internetdemokratie. Jeder Bürger hat nicht nur eine Kontonummer und eine Telefonnummer, sondern noch eine eigene Homepage, wo er also auch alle möglichen Sachen veröffentlichen kann. Ich habe verschiedene Projekte, aber meine Lieblingsbücher sind jetzt nicht direkt als Liste im Netz. Auch nicht meine Lieblingsbands oder so. Ich benutze den Computer eigentlich - mache mit dem was ich sonst auch beim Schreiben und Lesen mache, cut and paste, suchen und finden, senden und empfangen - ich sehe das ziemlich analog zu Lese- und Schreibprozessen. Ich komme eigentlich von der Literatur und bin seltsamerweise, ich glaube 1975, durch eine Radiosendung auf den Computer gekommen. Da wurde gesagt: "Jetzt senden wir unser Magazin für den Commodore 64, bitte aufnehmen - drihuuhiihuuut!", "Was - ein Magazin wird gesendet?! Im Radio?". Nun, da hatte der Commodore 64 noch keine Diskettenlaufwerke, sondern kleine Audiolaufwerke als Speichermedium, daß konnte man später decodieren und hatte dann die Information im Computer. Das war für mich der Einstieg.

Michael Langer Ich möchte gerne nochmal nachfragen, warum die Metapher der Homepage so schräg ist und nicht greift. [... Telekom ...]

Heiko Idensen Ja, also es wird gesagt es ist "Home", das ist mein zu Hause, das ist etwas, wo ich mich heimisch fühle. Ich sehe das eher, wie Herr Bollmann schon sagte, ich sehe das schon als eine Art Terminal, Ankunftsort und Abflugort. Es gibt interessante Homepages, die auch fast Medienkunst sind. Hauptsächlich die, würde ich sagen, die unter den "useless Pages" abgeordnet sind. Z.B. gibt es eine "Ghost-Page", wo eine Frau, die Angst vor Geistern hat, die Internet-Gemeinde auffordert ihr zu helfen. Sie hat verschiedene Kameras installiert, im Schrank, unter dem Bett und sagt jetzt: "Wenn ihr etwas komisches seht, mailt mir." Als ich das gesehen habe wußte ich überhaupt nicht, ob es vielleicht eine Performance-Künsterlin war. Solche Zwischenformen finde ich gut.

Michael Langer Hartmut Winkler.

Hartmut Winkler "Homepage" ist denke ich nicht nur eine Metapher, sondern ist auch eine bestimmte Logik, eine Repräsentationslogik, die Vorstellung, daß der gesamte gesellschaftliche Apparat sich eins zu eins abbildet in diesem neuen Medium, in dem jede einzelne Person oder jede Institution ein Repräsentat, also ein Gegenüber, ein Dokument oder dergleichen ins Netz stellt. Das ist eine Zwischenphase in diesem Netz, glaube ich, solange es noch keine zentralen Orte gibt, solange sich nicht ein System von Redaktionen und Zeitschriften online herausgebildet hat macht man diese "Eins-Zu-Eins-Repräsentation". Es ist aber auch eine Zwischenphase die durchaus auch Möglichkeiten bietet. Ich habe eine Homepage, im Gegensatz zu Dir, und benutze die, um bestimmte Texte vorzuveröffentlichen. Print ist eine sehr langsames Medium, die Diskurse sind sehr schnell und deshalb habe ich einige Artikel unter dem Stichwort "open Desk", also offener Schreibtisch, abgelegt im Netz (das sind 10 Texte etwa). Die Pointe daran ist, daß Leute, die ich nicht kenne, sich diese Texte holen können, auch ohne, daß ich das weiß. Das finde ich an sich eine schöne Möglichkeit. Ich bekomme dann irgendwelche Rückmeldungen oder kriege auch keine Rückmeldungen, wie das bei Schrift auch ist, wenn irgendwelche Sachen veröffentlicht sind, melden sich die Leute ja nicht hinterher, zum Teil melden sie sich hier, weil da natürlich die E-Mail-Anschrift draufsteht. Das ist eine ganz eigentümliche Kommunikation, die über E-Mail selber sehr weit hinausgeht, weil jemand diese Adresse empfohlen bekommen kann.

Stefan Bollmann Was Heiko Idensen meinte zu der Homepage, daß ist ja diese verquere Metaphorik, die an vielen Stellen im Netz ist, also die Suggestion "dies ist mein zu Hause" oder was ja immer dieses Problem ist, sich verirren im Datendschungel, navigieren und wenn Du dann wieder "Home" drückst, dann kommst Du nach Hause zurück. Das ist ja fast noch eine harmlose Vokabel, die werden wir wahrscheinlich auch nicht mehr los. Aber so Sachen wie "Internet-Cyber-Cafe", z.B. literarisches Cafe, da trinken wir also angeblich einen virtuellen Kaffee, das ist wirklich kalter Kaffee [...] Diese Sachen finde ich grauenhaft. Während man faktisch sagen kann, von einer Bibliothek in der man Texte nachlesen kann, ist ja wirklich zu reden, das ist ja wirklich so. Post wird ja auch wirklich versandt, aber virtuellen Wein oder virtuellen Kaffee trinken wir nicht im Internet. Es gibt aber viele Hilfsvokabeln, mit denen sich die Online-Menschheit zu helfen versucht, um eine neue Gemütlichkeit einzubauen, da entwickelt sich im Netz auch Kitsch.

Michael Langer Hartmut Winkler, in ihrem Buch "Dokuverse" geht es auch darum darauf aufmerksam zu machen, daß die ganzen Ängste und Befürchtungen, die sich mit Multimedia und vor allem mit dem Internet verbinden, gar nicht so zutreffend sind, denn sie stellen die, offenbar auch überprüfbare, These auf, daß das Internet als das Medium des Textes und der Schriftlichkeit explodiert. Das widerspricht den ganzen mahnenden Zeigefingern, die vom Ende der Gutenberg-Galaxis reden. Eigentlich dachte man immer es wird ein Medium der Bilder, man sprach vom Zusammenwachsen des Computers und des Fernsehens - es scheint ganz anders zu werden.

Hartmut Winkler Man weiß nicht, wie es werden wird. Meine These ist, daß es anders werden wird und ich widerspreche diesem Multimedia-Hype sehr intensiv. D.h. aber überhaupt nicht das meine Meinung stimmen wird und das die Zukunft sie bestätigen wird. Ich habe Gründe, warum ich dem widerspreche, ich halte den Computer nicht für ein Bildmedium, sondern für ein abstraktes, strukturorientiertes Medium. Aus meiner Programmierer-Vergangenheit kenne ich den Hintergrund, gehe nicht von der zugegebenermaßen meist bildhaften Oberfläche aus, sondern gehe davon aus was dahinter steht und denke selbst, wenn jemand ein Desktop-Grafik- oder sonstiges Programm bedient, bewegt er sich eigentlich in Architekturen oder Strukturen und das ist die eigentliche Pointe und nicht die Oberflächen. Da kommt man dann zu sehr anderen Schlüssen, als wenn man diese Oberflächen selber ernst nimmt, vor allen Dingen mediengeschichtlich kommt man zu anderen Schlüssen. Dann wird plötzlich zu einem Rätsel, warum nach 100 Jahren Bildkultur dieses Projekt in die Krise gerät, abgelöst durch ein anderes Universum, was nicht mehr bilderorientiert ist - das ist meine These.

Michael Langer Wie sind denn die Beobachtungen im Augenblick. Ich habe oft den Eindruck, daß es ohne Text überhaupt nicht geht und die Schriftlichkeit die erste Geige spielt.

Stefan Bollmann Das kommt mir auch so vor. Also ich sehe das Internet auch sehr stark als ein schriftliches Medium. Ich meine, über die Leichtigkeit mit der man Briefe schreiben kann haben wir ja schon gesprochen, da ist auch eine Renaissance des Briefschreibens zu beobachten [... Telefon ...]. In Bezug auf das, was von dem Medium übertragen wird, steht die Schrift absolut im Vordergrund. Es gibt zwar allerlei bunte Bildchen und es werden auch immer mehr, aber sie sind ein Beiwerk, das man sich gut wegdenken könnte, während man sich die Schrift von den Bildern nicht wegdenken könnte.

Michael Langer Heiko Idensen, unser Bundeskanzler Helmut Kohl hat bei der Eröffnung der Buchmesse davon gesprochen, daß ohne Lesen weder Fortschritt noch Zukunft möglich seien, auch nicht bei electronic Media. Eine zutreffende Erkenntnis?

Heiko Idensen Ja, in der Tat. Man muß natürlich sehen, daß im Netz auch viele Texte, viele Listen existieren, die sich als Adressaten nicht an den menschlichen Leser richten, sondern Programme die selbst durch das Netz gehen und selbst Indizes zusammenstellen, Suchalgorithmen, bestimmte programmierte Sachen, die da ablaufen. Da ist nicht unbedingt der menschliche Leser, der das decodieren kann oder überhaupt muß; und ich arbeite auch mit vielen Texten kombinatorischer Art, die es auch vorher schon in der Literatur gab, die solche bestimmten Textgenerierungs-Algorithmen benutzen. Ich würde aber trotzdem sagen, daß natürlich das Lesen und Schreiben im Netz anschließen muß an Kulturtechniken des Lesens und Schreibens, die wir haben. Damit beschäftige ich mich auch, wie man aus experimentellen Schreibtechniken einerseits und nichtlinearen Lesetechniken in Enzyklopädien, in Lexika usw. das auf die neuen elektronischen Texte beziehen kann. Das ist eine wichtige Frage.

Michael Langer Reinhardt Kaiser meldet sich heftig zu Wort.

Reinhardt Kaiser Ein Problem ist natürlich, wenn man Schriftlichkeit als dominant bezeichnet, daß es trotzdem nicht so unendlich großen Spaß macht am Bildschirm zu lesen. [... 200 Seiten ...]

Michael Langer Hartmut Winkler, die Amsterdamer Autorengruppe Bilwet hat gesagt "Alphabetisierung, das heißt heute Schreiben lernen auf einer Tastatur."

Hartmut Winkler Ich weiß nicht völlig, was damit gemeint ist. Ich denke, daß das die These ist, ohne Computer läuft auch der Schriftdiskurs nicht mehr und ich bin mir nicht völlig sicher, ob das stimmt. Es gibt die radikalere These von Kittler, daß die Alphabetisierung inzwischen darin besteht, Programmieren zu lernen, was ich als These intelligenter finde. Man muß sich unterhalten, ob der Schriftdiskurs des Computers, ein natürlichsprachlicher oder ein ganz anders gearteter ist.

Michael Langer Herr Bollmann, was versprechen Sie sich für ihren Verlag von den neuen Online-Medien, das Internet.

Stefan Bollmann Wir versprechen uns im Rahmen der Öffentlichkeitsarbeit etwas, wenn wir da eine Heimseite aufmachen, um jetzt Homepage mal so zu übersetzen. Es ist eine Art der Selbstdarstellung. Ich glaube auch ein Individuum, das sich da seine Homepage reinstellt ins Netz, man sollte das unter Selbstdarstellung begreifen: er will etwas von sich sagen, etwas mitteilen und er will eine Antwort vielleicht auch bekommen, weil er seine E-Mail-Adresse gibt; er will Reaktionen haben, er will Feedback haben, es ist eine Art Kommunikation, die man auf sehr verschiedenen Ebenen sehen und betreiben kann. Wir machen weiterhin Bücher und nur Bücher, als Verlag. Wir sind in gar keiner Weise daran interessiert plötzlich auf andere Träger als zusammengebundenes Papier auszuweichen. Wir benutzen das Netz, um über unsere Bücher etwas zu sagen für Leute, die im Netz sind und einen Netzanschluß haben, weil unsere Bücher als Thema das aufnehmen, was mit und durch die neuen Medien passiert. Das ist das eine. Das andere ist, was häufig heute gesagt wird, das Ende der Schrift. Man sollte das auch nicht zu leicht nehmen, indem man sagt, ja jetzt gibt es das Internet und alle schreiben wieder. Ich glaube wir gehören alle, die wir hier sitzen zu den studierten Leuten. Wir sind Akademiker, wir gehören sozusagen zu den "happy few" und es wird auch das Internet hauptsächlich von akademisch gebildeten Leuten genutzt. Ich sehe das Fernsehen in gar keiner Weise bedroht. Das Fernsehen hat uns gelehrt, daß man Informationen empfangen kann, ohne Schreiben und Lesen zu können und ich glaube nicht, daß das Internet oder das die neuen Medien daran ersteinmal groß etwas ändern werden. Zwar stimmt die globale These vom Ende der Schrift und Ende des Alphabets m.E. nicht, wie globale Thesen immer nicht so ganz stimmen. Aber sie sieht etwas und es ist nicht einfach dadurch, daß es das Internet gibt, plötzlich Kurskorrektur insgesamt zu vermelden...

Hartmut Winkler Das Ende der Schrift oder wenn es so eine Tendenz gibt, das ist ja nur die These, wird durch das vorhandene des Internets nicht verschärft, allenfalls durch noch mehr Fernsehkanäle.

Michael Langer Manchmal wird davon gesprochen, daß es das Ende des Buches bedeute. Heiko Idensen,...

Heiko Idensen Meine Frage an Stefan Bollmann: Wie sehen Sie das, wenn sie jetzt Texte publizieren in Buchform oder auch in Zeitschriftenform, die eigentlich aufgrund von Netz-Zirkulation entstanden sind. Wo wir im Gespräch vielleicht noch drauf kommen sollten, sind spezifische Formen des Netzes, nicht nur daß Autoren ihre Texte teilweise schon bevor das Buch herauskommt dort ablegen, sondern spezielle Formen, auch gemeinschaftliche Produktionsformen von Texten usw. Z.B. kommt ja jetzt im Bollmann-Verlag die Viertjahres-Zeitschrift "Telepolis" heraus. Es ist ursprünglich ein Online-Magazin, wo hauptsächlich Texte aus dem amerikanischen Bereich, die in der Netzwerk-Kultur zirkulieren, niedergelegt, übersetzt sind - ein ganz interessantes Modell auch, was da passiert, also so ein Kombinationspunkt - das kommt jetzt noch als Druckwerk heraus. Da fehlen dann natürlich die Links, man kann also nicht direkt zu den Projekten verzweigen.

Michael Langer [... Telepolis-Aussprache ...] Telepolis ist eine Kulturzeitschrift, die es nur im Netz gibt bislang, ein Online-Magazin, das sich ausschließlich mit Netzkultur, mit den Fragen dieser neuen medialen Vernetzung befaßt. Es gibt sehr interessante Aufsätze, ganz spannend, und das sind ja auch Verdienstmöglichkeiten für Autoren, Herr Idensen.

Heiko Idensen Das einzige Forum, wo man für Netzwerktexte wirklich Honorar bekommt, von dem Heise-Verlag, der das macht.

Michael Langer Sie haben für diese Online-Zeitschrift schon einmal gearbeitet?

Heiko Idensen Nein, bisher noch nicht.

Michael Langer Aber Sie werden es tun.

Heiko Idensen Ja.

Michael Langer Wissen Sie was Autoren an Honorar bekommen.

Heiko Idensen Ich schätze 1000 bis 1500.

Michael Langer Hartmut Winkler, Sie kennen Telepolis auch. Man muß sagen, dahinter steht natürlich auch ein potenter Verlag. Der Verlag Heise aus Hannover, der dieses Online-Magazin betreibt und das für die Kundschaft, nämlich für den Leser die online dorthin gehen, kostenlos zur Verfügung stellt.

Hartmut Winkler Ja, ich denke, daß das eine Vorkämpfer-Geschichte ist, von einer Entwicklung, die sehr viel breiter kommen wird. Ich habe schon gesagt, daß die Logik, daß jeder seine Sachen ins Netz einbringt eigentlich bestimmten Bedürfnissen widerspricht und deshalb nicht lange anhalten wird. Die Bedürfnisse der Nutzer des Netzes sind glaube ich so, daß man Orte haben will, wo man nach einer bestimmten Erwartung bestimmte Sachen finden kann. Das wird zu solchen Sachen wie Telepolis führen. Telepolis arbeitet daran, wie jede Zeitschrift, eine Adresse zu werden, mit der man bestimmte Erwartungen assoziiert und wo man in jeder neuen Nummer erwartet, sinnvolle Texte zu finden. Das wäre ein Ort im Netz, ein Zentrum, ganz widersprechend der These, daß es keine Zentren mehr gibt, daß nur noch Dezentralität vorherrscht. Das wäre ein sich herausbildendes Zentrum. Es gibt andere Zentren, die nachfolgen werden.

Michael Langer Stefan Bollmann, Sie bringen nun die im Netz abgelegten Texte dieser Online-Zeitschrift Telepolis vierteljährlich als Zeitschrift heraus, als gebundes, broschiertes Buch. Was versprechen Sie sich davon und haben Sie keine Sorge das die Texte von denen, die online sind, schon gelesen wurden?

Stefan Bollmann Selbst wenn sie die Texte schon gelesen hätten, hätte ich keine Sorge, was den Verkauf der Zeitschrift betrifft. Ich versuche das ein wenig zu erläutern. Das ganze ist ein Experiment. Normalerweise ist der Weg immer genau umgekehrt: zuerst ist das Buch da und dann stellt man, um das Buch zu bewerben, etwas aus dem Buch ins Netz und weist auf das Buch hin, das man dann beim Buchhändler kaufen kann.

Michael Langer Die Homepage ist dann eigentlich nur die Verdoppelung des Verlagspropektes.

Stefan Bollmann [... Sreendesign ...] Das Online-Magazin war zuerst da. Die Print-Ausgabe ist in gewisser Weise eine Lizenz-Ausgabe dieses Online-Magazins, also der umgekehrte Weg. Dann folgt natürlich ein Online-Magazin ganz anderen Gesetzlichkeiten, also nicht umsonst taucht bei Telepolis der Begriff "Container" als Rubrik auf. Wir haben auch erlaubt, daß ein Container voller Texte, mehr oder weniger strukturiert, mehr oder weniger aufeinander verweisen, aber wenn ich jetzt eine Print-Ausgabe mache, dann habe ich mit sehr viel Redundanz zu kämpfen. Ich habe damit zu kämpfen, daß das, was dort nebeneinandersteht, ich in eine sinnvolle lineare Anfolge bringen muß, die dem Leser von Text zu Text auch etwas bietet, gerade wenn es um ein Thema geht und man nicht nur einfach etwas nebeneinanderstellen kann. Ich finde das deshalb aufregend. Ich betreue die Redaktion ja teilweise selbst, weil ich gezwungen bin mit diesen beiden Medien parallel aufeinander zugehend, voneinander abweichend umzugehen, also ich lerne sehr viel indem ich diese Print-Ausgabe mache über das Funtionieren eines Online-Magazins und ich glaube auch umgekehrt findet ein Lernprozeß statt. Dann kommt es zu vorläufigen Ergebnissen, wobei diejenigen, die da auf Papier niedergelegt sind immer noch ein bißchen eine haltbarere Konserve darstellen, als die die im Netz sind. Man kann es sich dann auch ins Regal stellen.

Michael Langer Man kann sich die Texte zu Hause natürlich auch auf Bütten ausdrucken lassen und fadenheften, dann hat man ein Unikat, kostet halt Mühe und Zeit.

Stefan Bollmann Richtig, also das Lesen am Bildschirm ist nach wie vor sehr, sehr unkomfortabel, wir hatten das schon gesagt. Deshalb wäre ich auch dafür, nicht nur über die Architektur der Computer nachzudenken, sondern über Benutzeroberflächen nachzudenken, die das Lesen komfortabler und angenehmer machen. Ich lese Texte aus dem Netz nie, sondern drucke mir die immer aus [... Laserdrucker ...]. Es ersetzt für mich aber in gar keiner Weise die Umgangsformen, die ich durch lange Jahre selber, aber auch die Generationen vor mir ausgebildet haben, also die Kulturtechnik des Lesens, des Buches. Ich sehe da gar keine Bedrohung. Man redet immer vom Ende. Wenn etwas Neues kommt, muß immer etwas zu Ende gehen. Man denkt selten darüber nach, daß es eigentlich immer nur um Modifikationen geht.

Reinhardt Kaiser Ich glaube die Sendung sollte irgendwann nochmal heißen "Siegeszug der Neuen Medien", jedenfalls stand das in meiner Einladung. Da hätte ich auch sofort die Frage gestellt, muß den gleich immer irgendjemand untergehen, niedergeschlagen werden, damit irgendetwas anderes siegt? In Wirklichkeit geht es ja tatsächlich um ein Nebeneinander. Die Schreibmaschine hat den Bleistift nicht verdrängt und der Computer hat die Schreibmaschine nicht wirklich verdrängt, usw. usw. Aber, was ich zu der Frage Online-Text einerseits Druck anderseits, sagen wir mal, mit meinem Buch hänge ich ja auch zwischen diesen beiden Welten. Es richtet sich in erster Linie an Leute, die wie ich so auf dem Übergang sind und anderseits ist da was in dieser Online-Sphäre, das mich interessieren könnte, aber ich habe mich dann aus mehreren Gründen für das Buch entschieden, einmal weil mir das als Schriftsteller viel näher liegt, aber, ich gebe offen zu, natürlich auch aus ökonomischen Gründen. Denn vieles, was in dem Buch über die literarischen Spaziergänge im Internet zu lesen ist, könnte ich ebensogut, manches sogar besser, auf einer Seite im Internet präsentieren, die man ständig aktualisieren kann - im Buch sind jetzt schon Adressen drin, die veraltet sind, da stehen Online-Adressen, die inzwischen schon wieder zu sind; das habe ich aber auch selber thematisiert, zu dieser Art veralten verurteilt man sich einfach, wenn man ein Druckerzeugnis macht - andererseits gibt es natürlich eine gewisse Art von Benutzerfreundlichkeit, die ein Buch mitbringt, die an manchen Stellen größer ist als eine Leitseite im Internet.

Michael Langer Heiko Idensen.

Heiko Idensen Ja, also diese Zwischenform finde ich sehr interessant, also Buch einerseits als Zwischenform möglicherweise von Texten, die im Netz zirkulieren und ich möchte noch ein anderes Medium mit hineinbringen, von einem Experiment, was ich gerade gemacht habe. Eine CD-ROM habe ich gerade zusammengestellt, mit Studenten in Hildeheim, "Off the Web", wo Web-Projekte, hauptsächlich literarische, politische, aber auch künstlerische, die auf einer CD-ROM als Zwischenmedium zwischengespeichert sind, daß man überhaupt den 5000 Links der imaginären Bibliothek dort folgen kann, was man, wenn man online ist und dafür bezahlen muß vielleicht nicht tut. Aber nochmal zu der Materialität der Texte. Dazu möchte ich sagen, daß dann natürlich bestimmte Sachen in der ausgedruckten Form, z.B. von Telepolis, dann auch nicht mehr vorkommen. Gerade jetzt, die Texte die meinetwegen dialogisch entstanden sind durch E-Mail-Interviews, z.B. das Interview zwischen Gerd Loovink und Hartmut Winkler, das wird dann ja wahrscheinlich nicht drin sein, weil es einerseits möglicherweise zu lang ist für einen Buchausdruck, aber anderseits auch Qualitäten hat, die eher der oralen Kultur entstammen, weil es dialogisch entstanden ist durch E-Mails, die hin und her geschickt werden.

Michael Langer Hartmut Winkler.

Hartmut Winkler In dem konkreten Fall sehe ich keine Gefahr, weil es zwar dialogisch entstanden ist, aber eigentlich ein normaler, verschriftlichter, dialogischer Text ist, wie andere auch. Andere Sachen sind sicher nicht im selben Maße zu übernehmen. Hypertexte zu denen Du sicher etwas sagen wirst, da sehe ich das Problem wirklich. Hypertexte sind eine Form die spezifisch ist für Datenträger und für das Computeruniversum.

Michael Langer Auf die Hypertexte kommen wir noch. Eine Art und Weise sich im Netz mit Literatur zu beschäftigen bzw. das literartisch oder Literatur-Interessierte zum Austausch kommen, das ist ein Kultur-Forum, das gerade im Online-Dienst Compuserve entstanden ist, das deutsche Literatur-Forum bei Compuserve

[... redaktioneller Beitrag:

Deutsches Literaturforum in Compuserve von: Carl Ludwig Reichert

Michael Langer Reinhardt Kaiser, Sie waren in diesem Beitrag angesprochen mit ihrem Buch "Literarische Spaziergänge im Internet", was sich als Adressensammlung für das Internet entpuppt, und es wurde gesagt, daß das Buch im Grunde mit seinem Erscheinen schon veraltet sei. Sie haben es vorhin auch angesprochen.

Reinhardt Kaiser So eine Art von Besserwisserei ist natürlich sehr merkwürdig, wenn ich mir überlege, wie komme ich in die Online-Sphäre hinein oder überhaupt in die Computer-Sphäre ohne ein Buch. Ich meine, das erste was ich studiert habe, als ich mir meinen ersten DOS-Rechner gekauft habe, war das Handbuch zu DOS und die Gebrauchsanleitung zu dem Computer, ich meine, ich kapiere auch das Online nicht, indem ich nur online gehe. Irgendjemand muß das ja mal zu Papier bringen. Das habe ich in diesem Fall gemacht, für all die Leute, die sich interessieren und vielleicht noch nicht online sind, die aber dann schon mal sehen können was es da gibt. Ich meine, man kann sich natürlich vortellen, daß alles über Disketten läuft...

Michael Langer Das ist glaube ich keine Frage des Literarischen. Ich bin nämlich bei ihrem Buch ein kleines bißchen enttäuscht gewesen, weil ich auf den Titel hereingefallen bin, "Literarische Spaziergänge im Internet. Ich dachte, mir würden da Texte geboten, die sich literarisch mit dem Phänomen auseinandersetzen beispielsweise...

Reinhardt Kaiser Ich habe Spaziergänge im Internet gemacht und die Resultate und Spaziergänge sind in dem Buch dokumentiert. Meine Reiseerfahrungen sind in den vierzig Seiten, die die Einleitung darstellen und den Essay darstellen und das sind natürlich Erfahrungen, die z.B. den Thesen von einem Mann wie Cliffard Stoll, der über die "Wüste Internet" schreibt, ein wenig zuwider laufen.

Michael Langer Aber was ist literarisch daran, außer daß das Thema mit Literatur zu tun hat.

Reinhardt Kaiser Ja, reicht das nicht...

Heiko Idensen Das ist interessant mit der Form. Sie haben gesagt Essay, jetzt wo Sie sagen "Reisebeschreibung" könnte man ja auch Roman sagen. Es gab mal ein Projekt, auch im Internet, wo das ganz konkret als Reisebeschreibung - man sozusagen seine Reise und die Erfahrung näher beschreiben sollte. Sie haben ja doch teils kommentierte Hotlists mit Vorspann gemacht. Es würde mich einfach interessieren, als welche Textsorte Sie das gemacht haben.

Reinhardt Kaiser Es ist ein Essay und es ist ein kommentierter Katalog von Web-Adressen, selbstverständlich, das steht ja auch deutlich im Klappentext. [... Weder Roman noch Reisebeschreibung ...]

Michael Langer Hartmut Winkler

Hartmut Winkler Ich kenne das Buch nicht richtig...

Stefan Bollmann Das ist doch ganz bekannt, in jedem Verlag der Welt kommen mehr oder weniger Manuskripte jeden Tag an, wovon der meiste Teil unbrauchbar ist. Da geht es um Selektion, man sortiert. Im Netz wird nicht sortiert, sondern jeder darf mal loslegen. Das finde ich eigentlich erstmal sehr schön. Wenn ich daraus ein Buch machen will, dann fange ich wieder an auszuwählen nach ganz bestimmten Kriterien. Ich glaube nicht, daß das Netz letztendlich ein machtfreier Raum ist, aber ich finde es erstmal gut, daß Leute quatschen, quasseln dürfen und zwar auch unter dem Aspekt, daß sie das auch veröffentlichen, was sie da quatschen und quasseln. Weil es heißt immer, egal wie ich es jetzt nenne, etwas ins Netz zu stellen sage ich gerne, es ist ein Vorgang des Veröffentlichens, des Publizierens. Dessen muß man sich sehr bewußt sein. Also man macht sich da etwas vor, wenn man meint, man würde dort in einer Privatsphäre bleiben. Es können alle im Prinzip mitlesen und darauf reagieren. Man veröffentlicht. Ich denke, das ist ein Prozeß der Demokratisierung des Veröffentlichens, der nicht bedeutet, daß auf der anderen Seite nicht ganz klare Kriterien der Selektion, der Auswahl auch wiederum da sein müssen, wenn es wirklich darum geht etwas dann in eine Buchform hinein zu bringen. Da würde ich als Lektor, als Verleger darauf beharren, ich würde das Netz auch erstmal als ein großes Experimentierfeld ansehen, wo man etwas ausprobieren kann. Es hat ja auch schon Literaten gegeben, die dort ihre Texte hineingegeben haben, auch in ein Literaturforum, um halt auszutesten, was gibt es für Reaktionen darauf, und so sind Bücher entstanden. Das sind wenige Beispiele, die es da gibt, aber da sind auch neue Formen des Umgangs mit Literatur im Entstehen, mit Literatur "in Progress", also da passiert etwas, da ist etwas im Werden. Das Resultat wird dann irgendwann abgelegt, z.B. in Buchform.

Michael Langer Jetzt kommen wir darauf zu sprechen, was denn diese neue Literatur oder Literaturform eigentlich bedeutet und wo das hinführt.

Heiko Idensen Vielleicht ganz kurz ein geschichtlicher Einwurf. Das erste Mal nach dem zweiten Weltkrieg sprach über Hypertext Vannevar Bush, der Organisator von Wissenschaftsnetzen in den USA von Roosevelt. Man hatte damals noch ein reines Offline-System von Hypertexten entworfen, also den Wissenschaftler, der von oben seine Texte abfotografiert auf Mikrofilm speichert und ein assoziatives Verweissystem, ähnlich einem automatisierten Zettelkasten, wo er Sachen wiederfindet. 1965 sprach dann Ted Nelson dieses magische Wort als Erster aus, das dann ja 1991 zur generellen Oberfläche des Netzes wurde, im World Wide Web, seitdem ist quasi alles Hypertext und Hypertext ist fast dabei ein neues Medium zu werden.

[...]

Verglichen wurde Hypertext, wenn man einfach sagt, was ist es überhaupt, mit einer Fußnote im normalen Text. Es wird oft gesagt es ist eine Form generalisierter Fußnote, wobei man beachten muß, daß aber diese Querverweise, die in diesen Hypertexten drinliegen, eben auch aus diesen Texten herausführen. Nicht nur ans Ende zu einem Literaturverzeichnis, sondern zu anderen Texten, zu anderen Pages im Netz, und dadurch kommt ja auch, was in dem Titel von Hartmut Winklers Arbeit, dieses "Dokuverse", was der Ted Nelson sich vorgestellt hat, ist eben eine virtuelle Bibliothek, die online existiert, wo alles mehr oder minder miteinander verbunden ist. Everything is deeply intertwingled - alles ist verbunden und kann verbunden werden.

Hartmut Winkler Ich denke, daß sich etwas ganz entscheidendes ändert, was man auf der Buchmesse gar nicht sehen kann. Wir sind es gewöhnt einzelne Texte sehr autonom und gegeneinander zu denken. Die Texte sind durch Buchdeckel voneinander getrennt und die Materialität des Buches, die sich in unserer Hand schmiegt, versichert uns, daß ein Text das ist wonach wir greifen. Im Datenuniversum ist es vollkommen anders, Heiko Idensen hatte gerade erklärt, daß die Verweise zwischen den Texten hin und her gehen. Dadurch verschmelzen die Texte in gewisser Weise. Ich glaube nicht, daß die Textgrenzen einfach fallen, wie oft vertreten wird, das ist nicht der Fall, man hat nach wie vor Textgrenzen. Aber über die Textgrenzen hinaus gibt es Verweissysteme und dadurch passiert etwas ganz eigentümliches. Die Texte rücken ineinander und einander näher und sie verschmelzen mit dem Zugriffsystem, daß bisher vollkommen getrennt davon war. Einen Bibliothekskatalog haben wir bisher als ein Hilfsmittel, als ein Werkzeug angesehen, jetzt ist der Katalog und die Texte eine Sache. Die verschmelzen zu einem gemeinsamen Universum. Genauso die Verlagsprospekte, Herr Bollmann hat es angesprochen. Verlagsprospekte haben wir als ein reines Hilfsmittel zum erschließen der Texte angesehen, sie sind inzwischen auf der gleichen Ebene wie die Texte selber, d.h. es rückt zu einem Universum mit einer Regel zusammen. Texte haben kein Privileg mehr.

Michael Langer Könnte man sagen, daß die Produktion und Reproduktionsebene mit der Ebene des Vertriebsweges zusammenfällt?

Hartmut Winkler Das sicher auch. Das ist der Prozeß der Herstellung oder der Prozeß der Nutzung, aber ich denke vor allem, daß es für das Literaturuniversum oder das Textuniversum selber etwas bedeutet, wenn wir uns einem Universum gegenüber sehen, also einer halluzinierten oder nicht halluzinierten Gesamtheit.

Reinhardt Kaiser Ich kann mir vorstellen, nur als Zwischenbemerkung, ich habe neulich mit dem Generaldirektor der Deutschen Bibliothek in Frankfurt ein kleines Interview gemacht und der erzählte natürlich über die Nöte des Bibliothekars angesichts solcher Art von Dokumenten. Denn die Deutsche Bibliothek sieht es durchaus als ihre Aufgabe an Netzdokumente zu speichern, wie alle schriftlichen Dinge, die in Deutschland produziert werden. Aber wie wollen Sie ein Netz mit all den Verweisen, die potentiell unendlich sind, ins Netz und die weiterführenden Verweise, wie wollen Sie das speichern. Meine Aufgabe ist es nicht dieses Problem zu lösen, aber die Bibliothek hat es natürlich.

Heiko Idensen Aber sie müßte es doch gar nicht mehr speichern, sie bräuchte nur öffentliche Terminals aufzustellen mit gut präsentierten, vorsortierten, selektierten Texten. Möglicherweise auch mit Reiseführern ähnlich wie dem Ihrigen online, die dem Benutzer, auch dem Benutzer, der sich nicht online auskennt, sondern der eigentlich in die Bibliothek gehen will und dort von einem Buch oder einer Recherche plötzlich im Netz landet. Das sowas unterstützt wird ist glaube ich auch für die Lesekultur eine wichtige Forderung. Sie brauchten es gar nicht zu speichern, es ist ja im Netz.

Reinhardt Kaiser Ja, für die Zukunft...

Heiko Idensen Ach so, als Archivierung, das ist was anderes, ja...

Hartmut Winkler Das ist eine ganz wichtige Sache, dieser Unterschied zwischen Archivierung und Gegenwart, weil das Netz gegenwärtig nur als reine Gegenwart existiert, es verwaltet nicht seine eigene Geschichte. Die Links verfallen, daß kann jeder verfolgen, der sich darin bewegt. Viele verweisen einfach ins Nichts, weil sich die Texte geändert haben oder Texte gelöscht worden sind, neue Texte dazu gekommen sind. Das Netz ist nur als gegenwärtige Struktur präsent und verwaltet nicht die eigene Geschichte.

Heiko Idensen Anders als in Bibliotheken, wo die Bücher und die Erstausgaben stehen und die neuen Ausgaben kommentiert und mit Übersetzungen hinzu kommen.

Michael Langer Nun heißt es ja, ich zitiere nochmal unseren Bundeskanzler Kohl, der sagte, es gibt den ästhetischen Reiz des Bücherlesens und der müsse stärker vermittelt werden. Also im Moment drängt man auf das Material des Buches.

Stefan Bollmann Ich denke, die Literatur im engeren Sinne wird am wenigsten unmittelbar in diese Online-Sphäre einwandern, aber es gibt eine Art von Texten, deren Publikation geradezu nach diesem Medium verlangt, wenn man so will. Eben jener Direktor der Deutschen Bibliothek erzählte mir, es gibt in Leipzig eine Sammlung von 500.000 Wasserzeichen. Das ist eine Fundgrube für Forscher, die Papiere datieren wollen, die alte Bücher datieren wollen. So etwas zu publizieren in Buchform ist schlechterdings unmöglich. Es wäre viel zu teuer. [... Kleiner Interessenten-Kreis ...] Die Deutsche Bibliothek beabsichtigt das ins Netz zu stellen. Das ist ein Beispiel für eine Publikation, etwas abseitig, aber Spezialisten weltweit ungeheuer wichtig, die ohne Netz eigentlich gar nicht denkbar ist. Den Zettelkasten von Arno Schmidt könnte ich mir genauso vorstellen im Netz. Das könnte ich mir nicht als Buch vorstellen.

Michael Langer Wobei, da geht einem wieder der ästhetische Reiz flöten von diesem Zettelkasten, aber da gibt es auch nur einen...

Reinhardt Kaiser Ja, die würde man fotografieren, die würde man als Bilder betrachten...

Stefan Bollmann Feststellbar ist ja, wenn ich das mal von Verlagsseite aus erörtern darf, gerade, wenn es um kleinere Verlage geht, daß es seit einigen Jahren die Tendenz gibt wieder schönere Bücher herzustellen, die die Materialien, des Einbandes, des Papiers insgesamt, aber auch den Druck wieder aufleben lassen, scheint es jedenfalls zu sein. Es gibt immer, glaube ich, eine Tendenz und eine Gegentendenz parallel. Seitdem wir über Digitalisierung reden, müssen wir auch wieder über die Rückkehr des Körpers reden, über Körperlichkeit. Ich glaube, man sollte nicht das Eine ohne das Andere betrachten, weil man muß die Diskussion insgesamt sehen und dann wird man feststellen, daß das nicht einfach nur Regression ist - das Eine ist der Fortschritt und das Andere sind die, die immer nur nach Hinten wollen -, sondern daß das parallele Phänomene sind und die implizieren sich wechselseitig, die kann man gar nicht alleine haben.

Michael Langer Ich würde auch sagen, es tut Not, daß man sich überlegt bessere und schönere Bücher zu machen, denn vieles was auf den Markt geworfen wird - ich habe bei mir Bücher im Regal stehen da geht der Leim hinten weg, das Papier ist vergilbt und das nach noch nicht mal zehn Jahren und man hat trotzdem eine Stange Geld dafür beszahlt. Wenn das ein Effekt ist sich darauf zu besinnen das Buch ordentlich herzustellen, finde ich das ja ganz gut. Aber Heiko Idensen...

Heiko Idensen Ja, ich denke für die technische Kultur oder Techno-Kultur, wie immer man sie nennt, die jetzt mit diesen neuen Medien arbeitet, es ist ganz wichtig dieser Rückkanal, den es gibt. Bei den Verlagsseiten der Rückkanal, da können Bestellungen, Nachfragen oder auch Kritiken gespeichert sein. [... Mailing-Lists als schnelle Texte ...] Die Texte sind viel interessanter als alles was es so gedruckt zu Medienkultur gibt, in meinen Augen.

Reinhardt Kaiser Frage an Heiko Idensen, es gibt ja eine Hypertext-Literatur, ich meine jetzt im ästhetischen Sinne, nicht der große Literaturbegriff, sondern der kleinere. Die Zeit hat einen Internet-Literaturpreis kreiert, da geht es um die neuen Möglichkeiten, die das Internet und speziell jetzt auch die Hypertext-Technik bietet. Haben Sie sich Gedanken gemacht über die Qualität dessen, was da entsteht, wie würden Sie das bewerten? Um es gleich zu sagen, ich habe da große Zweifel, ob das wirklich so umstürzend ist, was die literarische Innovation angeht.

Michael Langer Das, was bei dem Zeit-Wettbewerb gezeigt wurde...

Reinhardt Kaiser Ja, oder auch generell, es gibt ja auch im Internet Hypertextliteratur, auch in Amerika gibt es die schon viel mehr als hierzulande, wenn man das insgesamt betrachtet. Es gibt ja Leute, die lesen im Netz und sagen, die leiten mit diesem interaktiven Roman eine neue Ära der Literatur ein. Da wird ein großes Wortgeklingel gemacht und was dahinter zum Vorschein kommt...

Heiko Idensen Ja, zu diesem Zeit-Literaturwettbewerb, da war so ein bißchen das Problem, daß sowohl die Jury als auch der Ausschreibungstext überhaupt nicht mit netzspezifischen Sachen gearbeitet haben. D.h. das war auch öfter in Statements der Juroren zu lesen, daß die große Bedenken hatten wie sie auswählen sollten und das auch die prämierten Sachen, die in dem Zeitmagazin abgedruckt sind, da ging es um Druckbarkeit, was läßt sich drucken. Schon mit ein bißchen typografischen Experimenten, diese Links am Rande und verschiedene Farben usw., aber das letztlich Interessante für mich an dem Zeit-Wettbewerb sind einmal das Forum, daß dadurch entstanden ist, also die Fragen und die wütenden Anrufe der Netzwerkbenutzer, warum Begrenzung auf 20 KB, es kamen Fragen, die die Juroren überfordert haben. Also die haben von Programmierung, ob man HTML-Standards, Java-Scripts, Sound nutzen dürfte, da kam nur die Antwort "Nein", Sound ist nicht druckbar, kann man nicht nutzen, und insofern ist jetzt etwas herausgekommen, gerade von den prämierten Sachen, was ein bißchen mit Grafik und ASCII-Art, also was kann man mit diesen einfachen Zeichen, mit einfacher Visualisierung machen, aber das hat mit Hypertext überhaupt nichts zu tun, weil sie eben diese Druckbarkeit in den Vordergrund gestellt haben.

Reinhardt Kaiser Die Mediengeschichte von verschiedenen Medien verläuft ja doch sehr unterschiedlich. Also nehmen Sie mal die Fotografie. Unmittelbar mit der Erfindung der Fotografie waren große fotografische Meister am Werk. Mit der Erfindung des Films waren die Meister noch nicht auf dem Plan erschienen. Das waren im Prinzip nur Vorführungen, um zu zeigen, wie das Medium funktioniert. Da tanzt irgendjemand, da fährt ein Zug entlang, da maschieren Soldaten oder sonstwas. Das ist, von dem was die Filmkunst am Ende geworden ist oder immer noch wird, ist das am Anfang noch gar nicht zu sehen. Wie sehen Sie die Situation heute bei dem Hypertextmedium, sind da die großen Künstler schon da oder ist das nur eine Veranstaltung um die Möglichkeiten vorzuführen.

Heiko Idensen Genau das ist das entscheidende, in meinen Augen, daß es gar nicht um die Meister und die Autoren des Hypertextes geht, die jetzt im amerikanischen Sprachraum abgefeiert werden, da gibt es schon ein paar Theoretiker und Schriftsteller, die angeblich Hypertext-Meisterwerke vorgelegt haben. Das ist für mich der völlig falsche Ansatz, weil da geht es eher um die Benutzung dieses Mediums. Das ist mehr eine gemeinschaftliche, kollaborative Geschichte die da abläuft, anstatt zu sagen, welcher Autor ist jetzt Meister des Hypertextes. Auch die Programmierer, die jetzt 1991 das World Wide Web installiert haben, wenn überhaupt würde ich bei denen von Meistern sprechen, so ähnlich wie bei Gutenberg oder wer die Lettern erfunden hat und dann gab es natürlich Schriftsteller. Jetzt muß sich dies erst herausbilden. Es gibt Gemeinschaften, es gibt die Nettime-Mailinglist, es gibt Telepolis, es gibt Projekt Gutenberg, es gibt ganz viele Projekte im Netz, aber die sich gar nicht als Meister verstehen, sondern das sind soziale Gemeinschaften.

Michael Langer Hartmut Winkler, ist es denn überhaupt sinnvoll einen alten Literaturbegriff nun ins Netz zu übersetzen, wie das in dem Zeit-Literaturwettbewerb passiert ist, wo die Juroren erklärtermaßen sich geoutet haben als Computerangsthasen, als Leute, die davon eigentlich überhaupt nichts verstehen. Da frage ich mich natürlich, warum übersetzt man so etwas eigentlich in ein neues Medium.

Hartmut Winkler Ich denke, daß es natürlich berechtigt ist, weil wir immer mit bestimmten tradierten Erwartungen an neue Sachen herangehen, das ist einfach so und deshalb guckt man, wenn man sich für Literatur interessiert, was ist denn Literatur dort im Netz. Ich teile den Befund, daß das bisher nicht sehr aufregend ist, was sich da tut. Ich habe jetzt nicht ungeheuer viel Erfahrung, aber das was ich gesehen habe, würde nicht meine literarischen Leidenschaften ansprechen. Aber vielleicht ist die Erwartung falsch. Dein Hinweis, Heiko, daß eigentlich die Programmierer die Netzwerk-Künstler sind, würde ich erweitern dadurch, daß die beeindruckensten und wichtigsten Kunstwerke im Netz die Viren sind. Die Viren haben noch lange vor der Vernetzung auf Diskettenebene uns klar gemacht, daß es um den Zusammenhang geht, um ein wirkliches Universum und seit die Netze da sind, wundert es mich eigentlich, daß wir nicht ständig Zusammenbrüche haben, weil das ist das ideale Biotop für Viren. Viren sind ja kleine selbstständige Programme, die sich reduplizieren und die fremde Computer zuseuchen. Ich habe eine große, große Bewunderung, wie man mit so wenig Aufwand solche gesellschaftlich relevanten Inszenierungen machen kann. Wir betrachten das nicht als Künstler, sondern als eine Art Schädling, aber vielleicht sollten wir das umdrehen und sollten uns klar machen, daß uns die Virenprogrammierer eigentlich erst ein Gefühl dafür gegeben haben, was der gesellschaftliche Charakter dieser Maschine ist.

Heiko Idensen Sprache kann auch ein Virus sein, wie Burroughs und Laurie Anderson schon gesagt haben.

Michael Langer Stefan Bollmann, zum Ende dieser Sendung möchte ich gerne von Ihnen wissen, was sind denn die Perspektiven die Sie mit "Online" verbinden für Ihren Verlag.

Stefan Bollmann Ich glaube im Moment befinden wir uns in jeder Hinsicht in einer Phase des Austestens, des Experimentierens, des Guckens was geht, was kann man machen. In dieser Phase treten Irritationen auf. Man will z.B. ein neues Medium, eine neue Kulturtechnik, wie die des Hypertextes, in ein Druckwerk wieder zurückbringen oder man stellt Sachen ins Netz, die eigentlich in Printmedien hineingehören. Man versucht, das was man kennt auszuprobieren, zu reduzieren, diese komplexe Welt, die sich da aufgetan hat wieder auf bekanntes zurückzuführen. Ich glaube aber, daß sind ganz normale Phänomene. Es ist sehr schwierig - ich will mich hier auch gar nicht als Futurologe betätigen - was wird da alles kommen. Das tun sehr viele im Moment und sprechen dann meist mit Vokabeln, die haben mit "Sieg" und "Ende" zu tun, nur so ganz globale Phänomene. Was mich als Verleger, als Verlag interessiert ist, unter der Prämisse des Austestens, inwiefern ist es möglich dieses neue Medium zu nutzen. Dann wird aber für mich eines Tages interessant werden müssen, bezahlen Leute meine Autoren, bezahlen Leute den Verlag, indem sie auf diese Texte zugreifen. Sonst kann ich als Verlag, als Verleger und mit den Autoren zusammen ökonomisch nicht mehr existieren. D.h. ich muß eigentlich daran interessiert sein, daß sowas eingeführt wird, wie digitale Bezahlungsmöglichkeiten, sei es über Kreditkarte oder sei es über irgendeine Form von Geld, die man auf seinem PC speichert und die dann in kleinsten Mengen abgerufen wird. Also in dieser Hinsicht muß ich weiterdenken, ich muß weiterdenken was passiert eigentlich mit dem Copyright, was passiert mit dem intellektuellen Eigentum, ich habe es eben schon unter der Hand erwähnt, ist das vollkommen bedroht, kann man das neu definieren, was ist dann mit nationalen Grenzen oder bzw. mit der Überschreitung dieser Grenzen. All diese Probleme werden im Moment im Zusammenhang des Netzes auch diskutiert, in Büchern allerdings meistens und im Netz selbst. Die Entscheidungen, die da getroffen werden, z.B. über das Multimedia-Gesetz oder die insgesamt getroffen werden, die werden auch in Zukunft das Netz sehr stark beeinflussen und seine Möglichkeiten entweder ihm weiterhelfen oder auch dazu beitragen, daß sie sich doch nicht so entfalten können, wie wir vielleicht alle hoffen.

Michael Langer Das sind Fragen, die uns dann irgendwann auf den Nägeln brennen werden, um die sich heute noch kaum einer kümmert oder so gut wie keiner. Ich habe mal bei der VG Wort angerufen, da ist man auch noch ganz ratlos was Copyright im Netz bedeuten soll, von wem will man Tantiemen eintreiben und warum und überhaupt...

Stefan Bollmann Wir mußten als Verlag z.B. erstmal lernen, daß es sich um ein neues Recht handelt, daß das was in unseren Verlagsverträgen bislang drinstand dieses elektronische Publizieren, insbesondere Online, nicht einbegreift, also daß unsere Autoren eigentlich ohne uns zu fragen, ohne den Verlag zu fragen online elektronisch publizieren können. Deshalb mussten wir erstmal unsere Verlagsverträge ändern, das gefällt dem Verlag erstmal nicht so gut, das ist völlig klar, es geht dann aber nicht um Besitzstandswahrung, sondern m.E. darum, Mittel und Wege zu finden, wie man ein neues Medium gemeinsam nutzen kann.

Michael Langer Um Besitzstandswahrung geht es ja wohl auch.

Stefan Bollmann Ich muß natürlich pro domo darüber reden. Unternehmer sagen Besitzstandswahrung auch immer zugunsten der Autoren, Herr Kaiser hat ja darüber gesprochen, daß es für ihn ein Problem ist. Er trägt, was er dort erforscht hat im Netz, wo er spazieren gegangen ist, das trägt er interessanterweise in einen Verlag hinein. Er publiziert es nicht im Netz. Er möchte nämlich gerne mit seiner Arbeit etwas verdienen können, um davon leben zu können. Das finde ich sehr legitim.

Hartmut Winkler Ich finde, daß man Textsorten unterscheiden muß. Für bestimmte Textsorten ist der Markt zusammengebrochen, das muß man einfach sehen. Wissenschaft z.B. verkauft sich nicht, das sagt einem der Verleger, das gilt für wissenschaftliche Aufsätze, da werden keine Honorare bezahlt beispielsweise. Man trägt die evtl. Sammelbänden hinterher, manchmal rennen die Sammelbände auch den Wissenschaftlern hinterher, das wechselt. Also für den Wissenschaftsmarkt ist es so, daß es eigentlich keine ökonomische Basis gibt und ist es phantastisch, daß es ein Medium gibt, das umsonst ist und da es billig ist auch umsonst sein kann. [... Wichtige Utopie: frei fließende & kostenlose Informationen ...]

Michael Langer [... Buch Dokuverse beim Boer-Verlag, im Netz ist ein Kapitel ...]

Reinhardt Kaiser Große Zukunftsvisionen verbinde ich nicht damit, aber ich denke mir, daß zwei Haltungen zum Netz ein bißchen aufhören. Auf der einen Seite eine gnadenlose Euphorie und auf der anderen Seite ein Pessimismus und eine kulturkritische Haltung, die da gar nicht ran will. Also eine Normalisierung im Verhältnis, man sieht sich das an, was kann man damit anfangen, wo sind die Grenzen usw.

Heiko Idensen Ich werde mich hauptsächlich mit gemeinschaftlichen Schreibprojekten beschäftigen, so als Weiterführung von Kunstprojekten, die ich bisher gemacht habe und erhoffe mir da konkrete Zusammenarbeit mit Leuten von Festivals usw. Da geht es mir auch darum neue soziale Formationen zu entdecken. Gerade so in diesem Zwischenbereich Wissenschaft und Kunst.

Michael Langer [... Schlußwort ...]