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(John Brunner: Der Schockwellenreiter, München 1979, OT: The Shockwave Rider, 1975, S. 336 ff.)
Eine Maschine aus Nickel, Elfenbein und Bergkristall beginnt sich zu drehen. zuerst langsam, dann immer schneller; die Umrisse der Umgebung verschwimmen; Tag und Nacht, die Phasen des Mondes und die Jahreszeiten beginnen sich blitzartig zu verändern. Die Rede ist von der Zeitmaschine, die Herbert George Wells in seiner 1895 erschienenen gleichnamigen Novelle beschreibt. Den Zeitreisenden, der in der Maschine eingeschlossen ist, überkommt allmählich ein Gefühl der Furcht. Mit aller Kraft versucht er, die Maschine im Nebel der Zeit anzubalten - und landet etwas unsanft auf einem Rasen im Jahr 802701.
Einen 'Homer' als Autoren hat es wohl nie gegeben - der Name Homer scheint eher eine von der Schriftkultur aus zurückprojezierte Figur eines Autors zu sein, in eine Zeit hinein, in der Geschichten als Mythen noch mündlich zirkulierten. Das beweisen sowohl die als mnemotische Kürzel immer wieder auftretenden Formulierungen wie ('..';siehe Ong!), als auch die Verschachtelte Struktur der Ilias - allesamt Methoden zur Unterstützung eines mündlichen Memorierens.
Oh glorreicher Schreiberling, wie fichst du mit deiner Feder, um folgende listenreiche Aufzählung in das ungeduldige Papyrus einzuschreiben! (Auszug aus 383 Versen)
Sagt mir nun, Musen! die ihr die olympischen Häuser habt-
Denn ihr seid Göttinnen und seid zugegen bei allem und wißt alles,
Wir aber hören nur die Kunde und wissen gar nichts-:
Welches die Führer der Danaer und die Gebieter waren.
Die Menge freilich könnte ich nicht künden und nicht benennen,
Auch nicht, wenn mir zehn Zungen und zehn Münder wären
Und die Stimme unbrechbar, und mir ein ehernes Herz im Innern wäre,
Wenn nicht die olympischen Musen, des Zeus, des Aigishalters,
Töchter, mir ins Gedächtnis riefen, wie viele nach Ilios gekommen.
Die Führer aber der Schiffe will ich nennen und die Schiffe allesamt.
Die Boioter führten Peneleos an und Leitos
Und Aresilaos, Prothoenor und Klonios:
Die Hyrie bewohnten und die felsige Aulis
Und Schoinos und Skolos und die schluchtenreiche Etonos,
Thespeia und Graia und mit den breiten Reigenplätzne; Mykalessos ... (Ilias, Zweiter Gesang, 494-877)
In seinem utopischen Roman «Giphantie» erträumt sich Thiphaigne de la Roche 1760 nicht nur eine Art analoges Radio 52 und sogar ein globales Fernsehen 20 via Satellit sondern er gilt auch als der erste, der an anderer Stelle die Fotografie voraussagte.
«Der Globus - Beidseits der Säule führte eine grosse Treppe mit mehr als zweihundert Stufen auf die Spitze des Hügels. Wir stiegen hinauf, und kaum hatten wir die Hälfte hinter uns, wurden unsere Ohren schon von einem Summen belästigt, das in dem Mass lauter wurde, als wir an Höhe zulegten. Schliesslich gelangten wir zu einer Terrasse am Ende des Hügels, und das erste was meine Augen dort zu sehen bekamen, war eine Kugel beträchtlichen Durchmessers. Der Lärm, den ich hörte, drang aus dieser Kugel. Von weitem war es ein Summen gewesen, von nahe nun ein schreckliches Getöse aus Freude- und Angstschreien, aus Klagen, Liedern, Gemurmel, Beifallsrufen, Gelachter und Gestöhne, aus allem was von unmässiger Niedergeschlagenheit wie auch von verrückter Freude der Menschen kündet.
Kleine, kaum wahrnehmbare Kanäle, fuhr der Präfekt fort, führen von jedem Punkt der Erdoberfläche hierher und enden in dieser Kugel. Ihr Inneres ist so organisiert, dass die Lufterschütterung, welche sich in den winzigen Schläuchen fortpflanzt und dabei immer schwächer wird, beim Eintritt in die Kugel wieder erstarkt und spürbar wird. Daher also diese Geräusche, dieser Lärm, dieses Chaos.
Was aber nützten diese konfusen Töne, wenn
man nicht ein Mittel gefunden hätte, sie zu unterscheiden? Schau das Bild der Erde, wie es auf die Kugel gemalt ist, diese Inseln, diese Kontinente, diese Meere, die alles umfassen, verbinden und trennen. Welchen Punkt dieses Globus auch immer du betrachtest: indem du die Spitze des Stäbchens, das ich dir in die Hände lege, darauf stellst und sein anderes Ende an dein Ohr hältst, wirst du deutlich alles hören, was am entsprechenden Ort der Erde gesagt wird.
Der Spiegel - Dann drückte mir der Präfekt von Giphantie einen Spiegel in die Hand. Du kannst die Dinge nur erraten. Aber mit dem Stäbchen und diesem Spiegel wirst du alles gleichzeitig hören und sehen können. Nichts wird dir entgehen, als warst du bei allem dabei, was geschieht.
In regelmässigen Abständen, meinte er weiter, befinden sich in der Atmosphäre Luftansammlungen, die so angeordnet sind, dass sie die von verschiedenen Orten der Erde reflektierten Strahlen empfangen und zum Spiegel weiterleiten, der da vor deinen Augen liegt. Man kann ihn nun in verschiedene Richtungen neigen und dabei immer wieder andere Teile der Erdoberfläche sehen. So liegt es also in deiner Hand, deine Blicke über die Behausungen der Menschen streifen zu lassen. »
(Museum für Kommunikation (Hg.): Wunschwelten.Geschichten und Bilder zu Kommunikation und Technik, Bern, 2000, S. 92)
Die Thematisierung der modernen Reisemaschinen bei Verne spiegelt die Ambivalenzen des verkehrstechnischen Fortschritts. Einerseits bewähren sichch die Romanhelden, indem sie die Hindernisse auf dem Wege zu ihrem Ziel durch geschickte und mutige Handhabung der Technik überwinden und damit die Eroberung und Kolonisierung bisher unbekannter Räume vorbrereiten. Andererseits wird in Figuren wie Nemo und Robur die manische ünd destruktive Komponente der technischen Mobilität sichtbar.
(Roland Innerhofer: DEUTSCHE SCIENCE FICTION 1870-1914. Rekonstruktion und Analyse der Anfänge einer Gattung, Wien 1996, S. 91)
Diese Vehikel sind für die Verneschen Helden nicht bloße Instrumente. Sie werden vielmehr zu einem unablösbaren Bestandteil der Heldenfigur. Wenn die Identifikation des Helden mit der von ihm konstrunierten Maschine weit genug getrieben wird, kann die Maschine selbst die Stelle des Helden ein. nehmen. Kapitän Nemo etwa hat sich mit seinem ,,Nautilus" eine eigene kleine Welt geschaffen. Die Fortbewegungsmaschine ist ein Gehäuse, das den Insassen von der Gesellschaft völlig unabhängig macht. Die Maschine ist einzig von der Natur abhängig, die die notwendigen Energiequellen be reitstellt. Das Verhältnis der Maschine zur Gesellschaft ist negativ definiert:
Der ,,Nautilus" errnöglicht es, sich dem Herrschaftsbereich der Sozietät zu entziehen und in einem unerreichbaren Abseits einen beinahe grenzenlosen Freiraum zu schaffen. Die schützende, nahtlose Hülle des ,,Nautilus" ist für Nemo wie eine zweite, gepanzerte Haut. Er verschmilzt mit seinem Fortbewegungsapparat zu einer Einheit. Der ,,Nautilus" ist aber selbst Teil der Meereswelt. Als riesiger Fisch bewegt sich das Unterseeboot lautlos zwischen den anderen Fischen. Bilder der Harmonie lösen den Kontrast von Maschine und Natur auf.
(Roland Innerhofer: DEUTSCHE SCIENCE FICTION 1870-1914. Rekonstruktion und Analyse der Anfänge einer Gattung, Wien 1996, S. 99)
Ossi Wiener leitet den fulminanten 15-seitigen Index, der als intertextuelles Quellenarchiv fungiert, zu seinem Roman "Die Verbesserung von Mitteleuropa, Roman" mit folgender literarischer Speicherutopie ein: "literaturhinweise: das folgende ist eine zusammenstellung von schriften, auf die ich mich im verlaufe des vorliegenden bandes ausdrücklich oder stillschweigend bezogen habe; ich verzeichne auch bücher, deren kenntnis nichts weiter als einen generellen hintergrund besorgt; bücher aus den sektoren kunst, mode, architektur und musik habe ich mit wenigen ausnahmen nicht aufgenommen, und die internationalen 'klassiker', deren kenntnis man bei jedem einigermassen gebildeten voraussetzen kann, habe ich gestrichen. ich hatte gute lust, auch eine liste sonstiger quellen beizugeben - habe in der tat auch schon begonnen, sie zusammenzutragen (schaufenster, gespräche, landschaften, daten, gesichter, pornografische photos, zufälle, schallplatten, filme) - doch musste ich vor der fülle aufgeben." (Oswald Wiener: Die Verbesserung von Mitteleuropa, Roman, Reinbeck bei Hamburg 1969, S.CXCIII) Statt der schon lange angekündigten "Poetik des wissenschaftlichen Zeitalters" erscheint dann unter dem Pseudonym Evo Präkogler eine literarische Abrechnung mit der künstlichen Intelligenzforschung, die sich in der Herausgeberfiktion auch der Speicherfunktionen des Aufschreibesystems Computer selbst bedient: ein Beamter der Ministeriums für Öffentlichkeitsarbeit entdeckt auf zwei Disketten die Datei "Prekog.BAK" von unbekannter Herkunft, die er hiermit unredigiert vorlegt und um einige Anmerkungen erweitert. Der Held des Romans ist seines Kurzzeitgedächtnisses beraubt - und kann so zum idealen Medium frei flottierender Textfragmente werden, wobei ihm schließlich die Erkenntnis nicht erspart bleibt, daß er selbst eine Simulation ist, ein 'bioadapter', der nur über mediale und medizinische Prothesen wahrnimmt. Weh dem, der Symbole sieht oder dem, der auf den Gedanken kommt, er laufe auf einem Computer! (Evo Präkogler (Hg.): Nicht schon wieder...! Eine auf einer Floppy gefundene Datei, München 1990.
Das Utopische in Vernes Romanen ist nicht in alternativen gesellschaftlichen Ordnungen zu suchen, die nur selten dargestellt werden und dann ... in ihrer Rigidität und Uniformierung einer unfreiwilligen Parodie gleichen. Utopische Qualität hat vielmehr die unberührte Natur, die noch keine Spuren des Eingriffs durch Menschen aufweist.
Deshalb üben besonders die Polarregionen auf die Helden Vemes eine besondere Anziehungskraft aus. Sie gehörten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu den wenigen noch weißen Flecken auf der Erdlandkarte.
(Roland Innerhofer: DEUTSCHE SCIENCE FICTION 1870-1914. Rekonstruktion und Analyse der Anfänge einer Gattung, Wien 1996, S. 125)
Mit der Vision seines Telephonoskopes liess AIbert Robida 1883 in «Le Vingtieme Siécle» die Welt nicht nur in öffentlichen Grossprojek|tionen sondern auch im bürgerlichen Salon zu einer Mischung aus Unterhaltung und Nachrichten zusammenschrumpfen.
« Die <Compagnie universelle du telephonoscope theatral>, gegründet 1945, zählt heute mehr als sechshunderttausend Abonnenten in der ganzen Welt. Bei dieser Firma laufen alle Leitungen zusammen und sie bezahlt auch die Subventionen an die Theaterdirektoren.
Das Gerät besteht aus einer einfachen Kristallscheibe, die entweder in eine Zwischenwand der Wohnung eingelassen ist, oder die wie ein Spiegel auf dem Kamin aufgestellt werden kann. Der Theaterliebhaber setzt sich
ohne grosse Umstände vor diese Scheibe, wählt sein Theater aus, stellt
die Verbindung her und augenblicklich beginnt die Vorstellung.
Mit dem «telephonoscope», der Name sagt es bereits, kann man sehen und hören. Der Dialog und die Musik werden wie durch ein ganz gewöhnliches Telefon übermittelt. Gleichzeitig jedoch erscheint auf der grossen Kristallscheibe die Bühne mitsamt ihrer Beleuchtung, dem Bühnenbild und den Schauspielern in der Klarheit und Schärfe des unmittelbaren Anblicks. Man nimmt also tatsächlich mit Augen und Ohren an der Vorstellung teil. Die Illusion ist perfekt, ja absolut: es ist, als ob man der Vorstellung aus einer Loge ersten Ranges beiwohnen würde. »
(Albert Robida: Le vingtiéme Siécle, Paris 1883, S 56, zit. nach Museum für Kommunikation (Hg.): Wunschwelten.Geschichten und Bilder zu Kommunikation und Technik, Bern, 2000, S. 59
Die Weltraumreise ist eine ebenso alte Phantasie wie der Flug durch die Lüfte. Die Mythen und Religionen der Stammes- und Hochkulturen sind reich an Erzählungen von Himmels- und Weltraumfahrten. 1 Derartige Berichte sind auch fester Bestandteil der alttestamentarischen und der christlichen Uberlieferung.
Die Weltraumreise als Mittel der Distanzierung und der Satire verwandte bereits, auf die nicht erhaltenen menippischen Satiren zurückgreifend, Lukian von Samosata in seinem Ikaromenippus und im ersten Buch seiner Wahren Geschichte. 2 Dieser Titel ist von Lukian parodistisch gemeint: Im Unterschied zu den als wahr ausgegebenen imaginären Reisen betont der Autor im Vorwort die Lügenhaftigkeit seiner Geschichte.
Seit der Aufklärung bildet das Genre des Mond-, Planeten- und Weltraumromans eine ununterbrochene Traditionslinie. Doch auch hier bewirkten die technischen Innovationen seit der Mitte des 19. Jahrhunderts eine einschneidende Veränderung. Bis dahin kam eine technische Realisierbarkeit der Weltraumreise nicht emstlich in Betracht. Die Wahl des Transportmittels war der poetischen Erfindungsgabe des Autors anheimgestellt: Adler und Wildschwäne wurden ebenso eingesetzt wie Luftschiffe und Ballons. Voltaires Micromegas (1752) bedient sich der Sonnenstrahlen und der Kometen, urn durch den Weltraum zu reisen. 3
Als zukunftsweisend erwiesen sich einzig die poetischen Inventionen von Cyrano de Bergerac: In seiner Histoire comique contenant les estats et empires de la lune (1657) läßt er seinen Helden mit Hilfe einer stufenartig aufgebauten Rakete zum Mond fliegen. Wie bei den modemen
Weltraumraketen fallen die ausgebrannten Treibsätze zurück auf die Erde.4 In L'histoire comiqur des estats et empires du soleil (1662) wird die Reise zur Sonne durch einen mit Sonnenenergie
arbeitenden Flugapparat bewerkstelligt. 5
Cyrano stellt seine Raumgefährte als technische Wunder dar. Seine prognostischen Zufallstreffer bilden die Ausnahme.
I Vgl.: Wolfgang BEHRINGER, Constance OTT-KOPTSCHALUSKI: Der Traum vom Fliegen.
Zwischen Mythos und Technik. Frankfurt/M. 1991.
2 LUKIAN von Samosata: Lügengeschichten und Dialoge. Aus dem Griechischen übersetzt und mit Anmnerkungen versehen von Christoph Martin Wieland. Nördlingen 1985 (= Die andere Bibliothek, I ), S. 49-85 und 86-119.
3 VOLTAIRE: Mikromegas. [Dt. Übers. von Ilse Lehmann.] Mit einem Vorwort von Jorge Luis Borges. Stuttgart 1984. (= Die Bibliothek von Babel, Bd. 28.)
(Roland Innerhofer: DEUTSCHE SCIENCE FICTION 1870-1914. Rekonstruktion und Analyse der Anfänge einer Gattung, Wien 1996, S. 233)
"Vielleicht ist all das Leben, das wir auf der Erdoberfläche wahrnehmen, nur ein Scheinleben. das ein anderes Leben, das unter jenem steckt, verdecken und vielleicht auch schützen soll. Vielleicht führen die Erdmänner schon ein ganz anderes Leben in ihrem Schlafe. Vielleicht wissen sie noch gar nicht, daß sie ein Doppelleben führen. Was sie Traumleben nennen, könnte vielleicht bloß ein Teil ihres anderen Lebens sein. [.. .] Vielleicht empfinden die Erdleute in ihrem Traumleben die feineren Ätherwellen eines besseren vollkommeneren Lebens."
(Paul Scheerbart: Die große Revolution. Ein Mondroman, Leipzig 1902, S. 138)
Doch die Abneigung gegen das permanente irdische Schauspiel gegenseitiger Abschlachtung wächst. Nach der Entdeckung natürlicher Riesenlinsen auf der von der Erde abgewandten Seite des Mondes werden die Erdfreunde endgülltig überstimmt. Ein Tunnel wird mitten durch den Mond bis zur größten Linse gebohrt und so ein Teleskop planetarischen Ausmaßes geschaffen. Das Gestirn wird zu einem einzigen Auge, mit dem die Seleniten den Weltraum betrachten. Sie werden damit eins mit ihrem Gestirn und lernen zuletzt die,,Sprache der Sterne" verstehen.
Im ,,Asteroiden-Roman" Lesabendio werden die Menschen nur noch im ersten Kapitel erwähnt. Entsetzt hören die Bewohner des tonnenförmigen Asteroiden Pallas den Bericht eines Raumfahrers über das Leben der Erdbewohner, das von Grausamkeit und Krieg geprägt ist.
Das Leben der Pallasianer ist dagegen ganz der ästhetischen Vervollkomnung gewidmet. Ihr Mittel ist die Technik. Zunächst verschafft sie den Pallasianern einen hohen Grad an Beweglichkeit. Mit der Fähigkeit ihres Saugfußkörpers, hoch in die Luft zu springen und sich durch Flügel im Schwebezustand zu halten, geben sie sich nicht zufrieden. Die Gipfel und Täler des Pallas werden horizontal und vertikal durch ,,Bandbahnen" miteinander verbunden. Die Bänder werden an beiden Endpunkten der Bahn durch rotierende Rollen in Bewegung gesetzt. So können sich die Fahrgäste mit rasender Geschwindigkeit in beide Richtungen transportieren lassen, indem sie sich mit ihrem Saugfuß an dem Band festheften. (15)
Es ist aber nicht nur die Freude an der Mobilität, in deren Dienst die Technik gestellt wird. Sie ist das Instrument der künstlerischen Ausgestaltung des gesamten Asteroiden. Der Pallas hat die Form einer Tonne. Auf beiden Seiten dieses Zylinders befinden sich aber anstelle ebener Grundflächen Trichter, die den Stern aushöhlen und in der Mitte durch das ,,Centralloch" verbunden sind.
Im Mittelpunkt des Sterns entstehen durch den Luftzug und durch Bespannung mit beweglichen Hautstücken ,,wundervolle Melodien" (23). Der Trichterrand und dessen Inneres wird durch bunte Glas- und Lichttürme verziert. Sie bereichern in der Nacht das Lichterspiel, das durch Leuchtkäfer, phosphorizierende Pflanzen und die bunt leuchtenden Körper der Pallasianer entfaltet wird.
(Roland Innerhofer: DEUTSCHE SCIENCE FICTION 1870-1914. Rekonstruktion und Analyse der Anfänge einer Gattung, Wien 1996, S. 349)
»Diese herrliche Pyramide, das Allerwirklichste der Welt, wurde errichtet von mir aus Kassetten. Ich, Boris Reeper, baute sie Jahr um Jahr meines Lebens aus den Bildaufzeichnungen desselben. Altmodische Bausteine, mein Lieber! Die Videokassetten meiner Biographie... Genau gesagt sind es achttausendvierhundertundzweiunddreißig. Ich habe sie gesehen und geordnet und geschichtet. Ich habe sie alle noch einmal in meinem Rechner gespeichert, sie dort miteinander in Beziehung gesetzt. Ich habe sie nach den Wegen meiner Biographie sortiert. Ich habe den Computer gebeten, mir die reine, logische Anordnung für ihren Aufbau zu berechnen. Und -bedenke das Wunder! Ich schrieb mit ihnen meine Geschichte, ich hatte kein Bauwerk vor- doch als ich als trigonometrisches Zentrum die letzte, mich selbst darstellende Kassette mit meinem eigenen, für mich selbst geschaffenen und auf das Magnetband kopierten Programm vorgab und ihr den Titel EGO verlieh, da entwickelte sich aus ihrer zeitlichen wie statischen Folge von selbst. . . im Computer die Pyramide! Mein Leben- eine Königsform! Ich, der dreckige, verlauste Waisenjunge aus den stinkenden Videospielhallen von Chicago, der das Ausgekotzte der Cyber-Space-ldioten aufzuwischen hatte, ich, dessen Leben vorgezeichnet war als kurze Schleimspur zwischen den Cockroaches im Dreck unter der verrosteten Hochbahn! Ich gehörte tatsächlich, beweisbar, unwiderleglich zu den letzten wirklichen Pharaonen der Welt!« (Gert Heidenreich: Die Nacht der Händler, München, S.236)
"Alle Dokumente aus einem oder über ein Zeitalter, über Listen, Listen Karteikästen, Computerkataloge zugänglich gemacht, bilden zusammen mit materiellen Vorkehrungen wie Büchsen, Mappen, Dosen und Kästen und verschiedenen Lesegeräten eine 'Zeitmaschine'. Spätere Generationen werden hiermit zu ihrer Interpretation ihrer Vergangenheit gelangen und diese wiederum dem wachsenden Informationsstrom hinzufügen [...]. Die Primärquellen einer Zeit sind immer das Wichtigste. [...] Bereits in den 70er Jahren kam die Idee auf, daß Information, die eine direkte Verbindung mit dem Underground hatte [...] universell verfügbar sein müsse. [...] Die Tatsache, daß einige Dokumente massenhaft über das Netz verbreitet werden, bedeutet noch nicht, daß man sie später massenhaft vorfindet. Das gilt von den ersten gedruckten Bibeln aus dem späten Mittelalter bis zur Schundliteratur von heute. Das ist der Grund für ein neues Projekt, für ein Wide Area Archive & Library (Arbeitstitel) am IISG[3]. Ziel ist es, einen Teil der auf dem Netz verfügbaren und für Sozialgeschichte relevanten Informationen zu bewahren. [...] Das dafür gewählte Speichermedium ist die CD-ROM [...]. Es geht darum, die traditionellen Methoden zur Erschließung von Informationen diesen enormen digitalen Informationsbeständen mittels automatischer oder halbautomatischer Methoden anzupassen. [...] Auf welchem Träger die eine Generation ihre Daten letztlich an die folgende weitergibt, ist nicht mehr wichtig. Wir sammeln nicht länger den Träger - Tontafeln, Bücher, Floppies, CD-ROM oder DVD-ROM, sondern die Information. [...] Zu sehr wird das Sammeln, Archivieren und Erschließen als ein rein technisches Problem betrachtet. Unermüdliche Info-Robots sollen nun fertigbringen, was der Menschheit nie geglückt ist. Beim Sammeln dynamischer, interaktiver Dokumente im Word Wide Web scheint dies ein völlig neues Phänomen zu sein. Die Frage ist, ob diese Art von Informationen überhaupt noch sammelbar[4] ist."[5]
Fernseher und Telephon sind im ,,Telepathen" vereinigt, eine ,,Konservatortrommel" fixiert Sprache, Bilder und Gedanken und macht sie jederzeit reproduzierbar.
Wenn die Prognosen aber technisch konkretisiert werden, sind sie in der Regel vorsichtiger. Im Untersee-Telephon-Amt 33, einer submarinen Schaltzentrale für den transatlantischen Fernsprechverkehr, sind die Schaltapparate mit Klappen und Kontaktstöpseln versehen und müssen händisch bedient werden. Die Gefahr geht in der Novelle auch nicht vom Medium aus, sondern von einer Panne bei der Versorgung des Vermittlungsamtes.
In Grunerts Erzählung Auf den Schwingen des Weltäthers 34 ist die Erfindung der drahtlosen Telephonie bloß Requisit einer Liebesgeschichte. Der selbstlose Erfinder leistet freiwillig Verzicht auf die Frau, die er liebt, weil sie schon einem seiner Mitarbeiter im Telephonamt versprochen ist. Zum Trost sendet die begehrte Frau dem unglücklichen Liebenden über einen Phonographen von ihr selbst vorgetragene, schicksalsschwere Abschiedsverse.
Mit diesem Medieneinsatz kontrastiert der Verlauf einer anderen Liebesgeschichte. Ein verirrter Telephondraht rettet in Grunerts gleichnamiger Novelle 35 im letzten Moment eine Liebesverbindung. Ein Sturm verursacht einen technischen Defekt: zwei Telephonleitungen berühren einander, durch Induktion wird das Gespräch von einer Leitung auf die andere übertragen, und deshalb hört der Held zufällig ein Telephongespräch mit, das die lange allein gelassene Geliebte mit einer Oberin führt: Sie will aus enttäuschter Liebe Nonne werden. So kann ihr der Held, gerade bevor es endgültig zu spät wäre, einen Heiratsantrag machen. Eine fehlerhafte Telephonverbindung stiftet die glückliche Verbindung zweier Menschen. Die göttliche Vorsehung bedient sich elektrischer Ströme, die einander im richtigen Augenblick berühren.
33 Carl GRUNERT: Das Untersee-Telephon-Amt. In: Im irdischen Jenseits, S. 9-14
34 Carl GRUNERT: Auf den Schwingen des Weltäthers. In: Im irdischen Jenseits S. 79-118.
35 Carl GRUNERT: Ein verirrter Telephondraht. In: ders.: Der Marsspion und andere Novellen. Illustriert von Ernst Stern. Berlin/Leipzig 1908 (= Die Bücher des Deutschen Hauses. Hg. von Rudolf Presber. 1. Reihe, Bd. 13.). S. 127 - 146.
(Roland Innerhofer: DEUTSCHE SCIENCE FICTION 1870-1914. Rekonstruktion und Analyse der Anfänge einer Gattung, Wien 1996, S. 411
Die elektrische Ubertragung der Sprache, die Telephonie, für die zuerst 1876 Graham Bell ein brauchbares Gerät herstellte, war das erste Medium, das in den Privatbereich der Menschen, in ihre Häuser und Wohnungen eindrang. Damit wurden die Haushalte für eine zunehmende mediale Vernetzung geöffnet. Einen zweiten Schritt stellte die weitere Immaterialisierung der Nachrichtenübertragung dar, die mit Marconis Entwicklung der ,,drahtlosen" oder ,,Funkentelegraphie" ( 1897) erreicht wurde. Sie bot gegenüber der leitungsgebundenen Telegraphie den Vorteil, daß auch zwischen beweglichen Sendern Nachrichten übertragen werden konnten. Durch die Ablösung der Informationsvermittlung von einem materiellen Träger werden die letzten Begrenzungen und Widerstände von Raum und Zeit aufgehoben.
(Roland Innerhofer: DEUTSCHE SCIENCE FICTION 1870-1914. Rekonstruktion und Analyse der Anfänge einer Gattung, Wien 1996, S. 422)
Albert Daibers Zukunftsroman Anno 2222 führt zu Beginn eine Zeitungsredaktion in Berlin vor. Die neuesten Nachrichten empfängt die sechsmal täglich erscheinende Weltposaune via ,,Luftelektrizitätstelegraphie", die Depeschen werden im Redaktionsgebäude über Kabel direkt in die Zimmer der zuständigen Chefredakteure geleitet. 60
Robert Sloss antizipiert in seinem Aufsatz Das drahtlose Jahrhundert 61 die Omnipräsenz der Live-Übertragung:
Es wird keine Zeit und keine Entfernung mehr geben, und einer Katastrophe, wie der jüngsten von Messina und Kalabrien, werden wir alle beiwohnen können, sicher in unserem Hwse sitzend, wo immer dieses auch steht. Wir werden einfach auf drahtlosem Wege uns mit der Unglücksstätte verbinden lassen, und wer an dem Anblick allein nicht genug hat, sondern die Sensation furchtbarster Art ganz wird auskosten wollen, der wird, wenn er will, auch das Angstgewimmer der Leute, das Verröcheln der Sterbenden und die Schreie der Hungrigen und die Flüche der Irrsinnigen hören. Jedes Ereignis werden wir so mitmachen können. Die ganze Erde wird nur ein einziger Ort sein, in dem wir wohnen. Kein Raum wird uns mehr trennen, wir werden überall sein, nur dadurch schon, daß wir überhaupt da sind. (44 f.)
60 Albert DAIBER: Anno 2222. Ein Zukunftstraum. 2. unveränderte Aufl. Stuttgart 1905, S. 6.
61 Robert SLOSS: Das drahtlose Jahrhundert. In: Arthur Brehmer (Hg.): Die Welt in hundert Jahren. Mit Illustrationen von Ernst Lübbert. Berlin [1910], S. 27-48.
(Roland Innerhofer: DEUTSCHE SCIENCE FICTION 1870-1914. Rekonstruktion und Analyse der Anfänge einer Gattung, Wien 1996, S. 423)
Die Zukunftsliteratur um die Jahrhundertwende brauchte sich um diese technischen Schwierigkeiten nicht zu kümmern. In Theodor Hertzkas Roman Entrückt in die Zukunft kommunizieren die Menschen des Jahres 2093 miteinander via Bildschirmtelephon.71 Bereits in dieser Utopie aus dem Ende des 19. Jahrhunderts ist die Welt zum ,,globalen Dorf´' (Marshall McLuhan) zusammengeschrumpft. In August Friedrich Fetz' (*1877) Ein Blick in die Zukunft sind die Wohnungen mit ,,Photophonen" - einer Art Bildtelephon - und mit ,,Nachrichten-Rahmen" - einer Entsprechung zum heutigen Videotext - ausgestattet. 72 Ein Vorläufer des Bildtelephons ist auch Max Haushofers ,,Pantoskop": Bilder werden auf einer schwarzen Glasscheibe aufgenommen und über Telegraphendrähte zu einem Empfänger geleitet, wo diese Bilder simultan wieder auf einer Glasscheibe erscheinen.73 Im selben Jahr wie Planetenfeuer (1899) erschien eine deutsche Ubersetzung von Albert Robidas Elektrischem Jahrhundert 74. Auch hier ist mit dem ,,Telephonoskop" das Bildfernsprechen bereits verwirklicht.
70 Vgl. dazu die populärwissenschaftlichen Beiträge im Neuen Universurn: 26. Jg. 1905, S.330 f.; 27. Jg. 1906, s. 317-320; 28. Jg. 1907, s. 329-334; 31. Jg. 1910, S. 301-311. Bezeichnend für die Parallelität von Populärwissenschaft und Phantastik im Neuen Universum ist es, daB dem letztgenannten Beitrag über Elektrisches Fernsehen und Fernschreiben Hans Dominiks Zukunftsbild Ein neues Paradies (3 L Jg. 1910, s. 284-300) unmittelbar vorangeht. Dominik nennt das 3. Jahrtausend das ,,Zeitalter der Radiotechnik" (299). Sie ist nicht nur auf der Erde, sondem in dem von den Menschen erschlossenen und besiedelten Planetensystem das vorherrschende Kommunikationsmittel. Zu Dominiks Erzählung vgl. das Kapitel Flugphantasien 11, S. 292 f.
71 Theodor HERTZKA: Entrückt in die Zuhmft. Sozialpolitischer Roman. Berlin 1895.
72 A[ugust Friedrich] FETZ: Ein Blick in die Zukunft 2407. Dr. Wunderlichs seltsame Erlebnisse in Berlin vom 1. bis T Oktober 2407. Mit vielen Illustrationen. Leipzig 1907.
73 Max HAUSHOFER: Planetenfeuer. Ein Zukunftsroman. Stuttgart 1899, s. 66 f.
74 Albert ROBIDA: Das elektrische Jahrhundert. Berlin, Eisenach Leipzig [IR99]. (= Kürschners Bücherschatz Nr. 128.) Vgl. dazu: Franz ROTTENSTEINER: Die Zukunft des fin de siecle: Albert Robidas zwanzigstes Jahrhundert. In: Streifzüge ins Übermorgen. Science Fiction und Zukunftsforschung. Hg. von Klaus Burmeister und Karlheinz Steinmüller. Weinheim, Basel 1992 (= Zu kunftsStudien 6), s. 81-94.
(Roland Innerhofer: DEUTSCHE SCIENCE FICTION 1870-1914. Rekonstruktion und Analyse der Anfänge einer Gattung, Wien 1996,S. 431)
"Da alles, was innerhalb des Wirkungskreises unserer Transformatoren ist, mialisch aufgenommen, aufbewahrt und wieder hervorgerufen werden kann, so bedeutet dies, unsere eine Welt zu vervielfältigen, das Einzelne zu vermehren, das Verschwinden aufzuhalten und aufgrund des Mials unsere Welt selbst in mehreren ,,Exemplaren" herzustellen, die alle vollkommen der unsrigen gleichen. Wir können jedoch auch eine andere, vom ,,Original" abweichende Wiedergabe aller mialischen Aufnahmen erreichen. Bei Entnahme der ursprünglichen Aufnahme aus der neutralen Kraft können ihr neue Eigenschaften, neue Zutaten verliehen, frühere entnommen oder beliebig modifiziert werden, so daß wir neben einer vollständig treuen ,,Kopie" unserer Welt auch andere, von ihr mehr oder weniger abweichende hervorrufen können.
Ebenso können wir die einzelnen Aufnahmen zergliedern, in ihre Bestandteile auflösen, die Wirkung von ihrer stoffflichen Unterlage befreien, sie zu einer anderen Unterlage anheften, aber auch frei walten lassen, wodurch wir Schwere ohne Materie, Härte ohne Stoff und Schneiden ohne Messer oder Schwert erhalten. Desgleichen kann jede Handlung, jede Tätigkeit von ihrem Vorbringer, Ausführer unabhängig aufgenommen und beliebig hervorgerufen werden. Unter Tätigkeit verstehen wir jede Kraftäußerung, ob dies auf natürlichem Wege entsteht oder künstlich entfaltet wird, den Donner, den Wasserfall ebenso, wie die bewußte Arbeit des Menschen oder die unbewußte Magenverdauung der Tiere. In dieser Beziehung sind alle Energien gleich, und der verwickelte Lebensprozeß kann ebensogut mialisch aufgenommen werden, wie die Tätigkeit einer Dampfmaschine. So können wir durch das Mial im lebenden Organismus jede gewünschte Wirkung und Beeinflussung hervorrufen, was einer vollständigen Beherrschung des Lebens gleichkommt.
Durch die angedeutete millionenfache Betätigungs- und Wirkungsmöglichkeit des Mials sind wir Herren der Zeit und der Vergänglichkeit. Kein Vorgang, keine Handlung geht nunmehr verloren, wir können sie stets wiederrufen, neu beleben, ihnen ihre Ursprünglichkeit wieder verleihen, wie auch alle Gegenstände ewig beibehalten und überall gleich auch millionenfach hervorgezaubert werden können. Wir können unsere Zeit, unsere Fähigkeit tausendfach besser ausnutzen, da wir nichts zweimal machen, nichts wiederholen, keine bestehende Form mehr sklavisch treu nachmachen müssen. Das Mial verrichtet statt uns diese Arbeiten, viel besser, viel genauer und viel schneller, als wir es je tun könnten, wodurch auch die Notwendigkeit der Fabriken ganz entfallen wird.
(Martin Atlas: Die Befreiung. Ein Zukunftsrroman, 2 Bde. Berlin 1910, Bd. I, S.,651)
Dieses Delirium der Reproduktions- und Simulationsphantasien, der De- und Rekonstruktionen des Realen und Virtuellen wirkt genuin postmodern. Alle Differenzen zwischen Vergangenheit und Gegenwart, Natürlichem und Künstlichem, Original und Kopie, Materiellem und Immateriellem sind aufgehoben und in einer absoluten Präsenz vereint. Die Medienutopie von Atlas ist getragen vom Optimismus totaler Naturbeherrschung und totaler Kommunikation. Diese wird ihrerseits vollständig registriert und gespeichert, ist also jederzeit abruf- und wiederholbar. Die Reproduktion wird aber auch mit dem Leben rückgekoppelt. Analog den Wiedergabeverfahren des Zeitraffers und der Zeitlupe sollen auch die menschlichen Lebensprozesse verlangsamt und beschleunigt werden können. (Bd. I,S. 178) Wie Raum, Materie und Energie soll auch die Zeit der vollkommenen Verfügbarkeit durch den Menschen unterworfen werden. Im Utopischen Geschichtsmuseum sind die weiderbelebten "vorsintflutlichen Lebensformen" zu besichtigen.
(Roland Innerhofer: DEUTSCHE SCIENCE FICTION 1870-1914. Rekonstruktion und Analyse der Anfänge einer Gattung, Wien 1996,S. 433)
In Robert Krafts Roman Wenn ich König wäre 79 dagegen dient die Medieninnovation als Bluffmittel. Der Held des Romans, der deutsche Schriftsteller Otto König, täuscht mit einer neu erfundenen Form der Fernsehübertragung einer illustren englischen Reisegesellschaft auf seinem Schiff Utopia eine abenteuerliche Wasser-, Land- und Luftreise vor, während das Schiff in Wriklichkeit auf einem Riff bei den Azoren festsitzt. Die Bilder dieser Reise, die ein Erfinder und Weltreisender zuvor von Schiffen, Eisenbahnwaggons. Automobilen und Ballons aus mit einem neuen elektromagnetischen Verfahren kinematographisch aufgenommen und zusammen mit Tonaufnahmen auf Glasplatten fixiert hat, erscheinen in den Bullaugen des bewegungslosen Schiffes. Durch Bildmontage und Zeitraffer können die Reiseroute und -geschwindigkeit beliebig manipuliert werden. Geschickt verstehen es die Operateure, dem künstlich Arrangierten den Schein der Aktualißt zu verleihen. Die durch diesen neuen Tonfilm erzeugte Illusion wird vervollständigt durch mechanisches Heben, Senken und Schwenken der Kajüte, in der sich die Reisegesellschaft befindet. Die Reisesimulation ist so perfekt, daß König die .,Passagiere" nur mit Mühe über ihre Täuschung aufklären kann. Der vervollkommnete und zugleich ,,gestellte" Dokumentarfilm - die Eskimos, denen die Passagiere zu begegnen meinen, wurden schon für die Filmaufnahme von Besatzungsmitgliedern gespielt - läßt sich von wirklichem Erleben, von authentischer Erfahrung nicht mehr unterscheiden.
Krafts Roman ist auch als Reflex auf die Entwirklichung der Wahrnehmung durch die modernen Reisemaschinen zu lesen. Die abenteuerliche Reise ist im Zeitalter der Dampfschiffe, Eisenbahnen, Automobile und Luftschiffe zu einer Serie von Szenerien geworden, die der Reisende durch das Fahrzeugfenster betrachtet. Diese Art visueller Erfahrung kann mühelos durch Filmsequenzen ersetzt werden. Ohne daß der Zuschauer es merkt, werden die Fensterscheiben gegen Bildschirme ausgetauscht.
Der Protagonist des Kraftschen Romans bereut es schließlich, jemals zu Weltreisen aufgebrochen zu sein. Er hätte sich, so denkt er, einfach ,,eine Bretterbude bauen" und sich dort ,,den ganzen Humbug vormachen lassen" sollen:
"da hätte ich das alles in der größten Bequemlichkeit haben können, ohne mich von den Mücken auffressen lassen zu müssen." (224)
Das Ende des Romans gibt ihm recht. König kommt um, als die Utopia während eines Sturms in den Fluten versinkt. Bewußt wird dieses unheroische Ende mit den filrnischen Abenteuerimitationen kontrastiert. Die Traumwelt der Simulation erweist sich als der Wirklichkeit überlegen. Jene ist in der Welt der modernen Kommunikations- und Transportmittel das letzte Refugium des Abenteuers
78 Franz Ronensteiner charakterisiert die Atlassche Utopie mit der Kategorie des Märchenhaften: Wunscherfüllung jeder Art wird hier durch eine neue Technik ermöglicht, die so allgegenwärtig, grenzenlos und wunderbar ist, daB sie wie ein Wirklichkeit gewordenes Märchen erscheint. denn diese Technik ist wahrhaft märchenhaft." Franz ROTTENSTEINER: Martin Atlas. Die Befreiung. In: Werkführer durch die utopisch-phantastische Literatur. Hg. von Franz Rottensteiner und Michael Koseler. Meitingen 1989 ff. 13. Erg.-Lfg. Januar 1994, S. 1-5; hier S. 5.
79 Robert KRAFT: Wenn ich König wäre. Niedersedlitz-Dresden 1909.
(Roland Innerhofer: DEUTSCHE SCIENCE FICTION 1870-1914. Rekonstruktion und Analyse der Anfänge einer Gattung, Wien 1996,S. 434-435)
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[3] Das Internationales Institut für Sozialgeschichte, hervorgegangen aus dem Dokumentationszentrum für Soziale Bewegungen der Universitätsbibliothek Amsterdam, umfaßt Hunderte von Archiven und Sammlungen von Personen und Organisationen, dazu 20000 Plakate, 4000 Schallplatten, 19000 Flugblätter, Bücher, Zeitschriften und audiovisuelles Material zur politisch-kulturellen Bewegung der 60er Jahre.
Weitere Informationen über: http://www.iisg.nl/ oder Tjebbe van Tijen: tijen@intr.nl.net
[4] Vgl. http://palimpset.stanford.edu/byauth/pockley/pockley1.html und http://www.oclc.org:5046/conferences/metadata/dublin_core_report.html
[5] Stichwort Information: "Wir sammeln nicht länger den Träger, sondern die Information". Geert Lovink im Gespäch mit Tjebbe van Tijen, in: Schaffner, Ingrid; Winzen, Matthias (Hg.): : Deep Storage. Arsenale der Erinnerung. Sammeln, Speichern, Archivieren in der Kunst, München 1997, S. 170- 173, hier: S. 172-173