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4. ACKER- und GARTENBAU (Gentechnik) -



Sloterdijk

Der Seelenfänger

British Telecom entwickelt einen Geist-Maschinencode namens »soul catcher« (Seelenfänger). In der Zukunft wird der Seelenfänger in das Gehirn implantiert werden, um die rechnerischen Fähigkeiten des Menschen zu >ergänzeno Der Seelenfänger würde das menschliche Gehirn in die Lage versetzen, zusätzliche sensorische Daten zu sammeln - in diesem Fall: direkt von drahtlosen Netzwerken übermittelte Daten.
Ist er erst einmal implantiert, wird, so sagen Wissenschaftler voraus, der Seelenfänger eine doppelte Funktion erfüllen. Er wird nicht nur als ein superleitfähiges Medium das menschliche Gehirn mit neuralen Datennetzwerken verbinden, sondern auch eine interne Überwachungsfunktion übernehmen - von seiner privilegierten Position im menschlichen Gehirn aus Chiphersteller über das menschliche Zentralnervensystem informieren. Ein Forscher der British Telecom erklärte, daß die »Zukunft der Menschheit von unserer fortdauernden Befähigung zur Informationsverarbeitung abhängt«.
Du wirst also die Maschine.
Die Maschine wird Du.
Synthetisches Fleisch,
Das Gehirn des Seelenfängers,
Das als ein neuraler Netzwerkschädel
Schnelle Daten
Schnell verarbeitet,
Um endlich mit seinem Biotech-Auge zu sehen.
Die Matrix-Maschine. Der zu Schrott werdende Spiegelmond. Ein langsames Auge in einer Hochgeschwindigkeitszone - ein Datenfänger. Das Auge des Vergessens - das sonnenzertrümmerte Auge - schlüppft durch den Code und fängt Licht ein.

(Arthur und Marilouise Kroker: Das Biotech-Auge, in: Michael Erlhoff, Hans Ulrich Reck (Hg.): Heute ist Morgen. Über die Zukunft von Erfahrunge und Konstruktion, Katalog anläßlich der gleichnahmigen Ausstellung in der Kunst, - und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland in Bonn, Ostfildern-Ruit, 2000, S. 67

Roboter sind kaltblütig wie Eidechsen

»Versuchen Sie nicht, mich mit Süßholzraspeln weichzukriegen!« schnappte das Mädchen. «lch hatte ja keine Ahnung, daß Autoren Wortmaschinen-Mechaniker sind. «
»Das sind sie auch nicht«, gab Gaspard zu, »aber zumindest war ich mehr Mechaniker als alle anderen Autoren, die ich kenne. Ich habe immer die echten Mechaniker bei der Arbeit an meiner Maschine beobachtet, und wenn sie die Rückseite abgenommen hatten, versuchte ich einige Stromkreise auszumachen. Ich war richtig verrückt nach diesen Wortmaschinen. Ich liebte die Maschinen und ihre Produkte. Bei ihnen zu sein, war etwa, als beobachtete man eine Bazillenkultur mit einer heranwachsenden Medizin, die einen selbst heilen soll.«
«Ich fürchte, ich kann Ihre Begeisterung nicht teilen«, sagte das Mädchen. >>Ich lese nämlich kein Wortschmalz. Ich lese nur die alten Bücher, die die Gehirne für mich aussuchen.«
«Wie können Sie das Zeug nur ertragen?« fragte Gaspard.
»Oh, ich komme zurecht«, erwiderte sie. >>Ich muß sie lesen, wenn ich die Bälger auch nur ein winziges bißchen verstehen will.«
»Ja, aber macht es Spaß?«
»Was macht schorn Spaß?« Sie stampfte mit dem Fuß auf.
»Mein Gott, dieses Taxi kriecht aber!«
»Es zehrt ja auch nur von seinen Batterien«, erinnerte sie Gaspard. »Sehen Sie da vorn die Lichter? Beim nächsten Häuserblock haben wir wieder Strom. Es wäre nett, wenn man die Taxis mit Antischwerkraft ausstatten könnte - dann würden wir zu unserem Ziel fliegen. «
»Warum kann man das nicht?« fragte sie, als ob Gaspard daran Schuld hätte.
»Das liegt an der Größe«, antwortete er.» Zane Gort hat es mir vor einigen Tagen erklärt. Antischwerkraft-Felder sind Kurzwellen-Felder - wie die Kräfte um einen Atom-Nukleus. Man kann Kleinraketen damit in die Luft heben, aber keine Automataxis. Wenn wir die Größe von Mäusen oder Katzen hätten . . . «
«Katzen im Taxi interessieren mich nicht. Ist Zane Gort Ingenieur?«
«Nein, sofern das Verfassen von Abenteuergeschichten für andere Roboter nicht in diesen Beruf fällt- jedenfalls drehen sie sich wohl oft um Physik. Aber wie die meisten neueren Robots hat er eine Menge Hobbys, die sich fast zu Zweitberufen auswachsen. Er läßt sich doch tatsächlich vierundzwanzig Stunden am Tag über Bänder neues Wissen zuspielen.«
«Sie mögen Roboter, wie?«
«Sie nicht?« fragte Gaspard mit plötzlicher Härte.
Das Mädchen zuckte die Achseln. «Sie sind nicht schlimmer als manche Menschen. Sie lassen mich kalt - wie Eidechsen.»
«Das ist ein unschöner Vergleich. Und völlig unzutreffend.»
«0 nein. Roboter sind kaltblütig wie Eidechsen, oder etwa nicht? Zumindest sind sie kalt.«
,,Hätten Sie es lieber, wenn sie sich Ihretwegen aufheizen würden? Und was hat die Heißblütigkeit der Menschheit eingebracht außer Streitereien und Kriegen?«
«Sie hat auch Taten hervorgebracht, die von Mut und Liebe bestimmt waren. Wissen Sie, Sie sind in vieler Hinsicht wie ein Roboter, Gaspard. Kalt und mechanisch. Ich wette, Ihnen gefiele ein Mädchen, das Ihnen ein paar elektrische Funken verpaßt - oder was die Roboter so tun -, wenn Sie ihren Liebesknopf drücken.«
,,Aber so sind die Roboter gar nicht! Sie sind alles andere als mechanisch. Zane Gort . . .«
(Fritz Leiber: Die programmierten Musen, Bergisch Gladbach 1983, OT; 1961, S. 100)

Entropie - Dämon - Moleküle

Daraufhin begann er über etwas sehr verwirrendes zu reden, das er Entropie nannte. .. Aber das ganze war zu technisch für sie. alles, was sie begriff war, daß es zwei verschiedene Sorten von dieser Entropie gab. Die eine hatte mit Maschinen zu tun, die Wärmeenergie in meschanische Energie umsetzten, die andere mit Kommunikation. In den dreißiger jahren hatten die Gleichung für die eine der Gleichung für die andere noch ziemlich ähnlich gesehen. das war aber Zufall gewesen. Beide Gebiete hatten überhaupt nichts miteinander zu tun, nur in einem Punkt berührten sie sich: Maxwells Dämon. wenn der Dämon dasaß und seine Moleküle in warme und kalte sortierte, würde das System, so hieß es, Entropie verlieren. Aber irgendwo würde dieser Verlust ausgeglichen durch die Informations, die dadurch gewonnen wurde, daß der Dämon wußte, welche Moleküle wo waren.
(Thomas Pynchon, Die Versteigerung von No.49.Frankfurt/Main 1987, 127)

Cyberspace: kein Ort-kein dort (Gibson)

Da gibt's kein Dort. So erklärte man Kindern den Cyberspace. Sie erinnerte sich an den Vortrag eines lächelnden Lehrers im Kinderhort für die leitenden Angestellten der Arcologie, an die wechselnden Bilder auf dem Monitor: Piloten mit riesigen Helmen und plumpen Handschuhen, die durch die neuroelektronisch primitive »Virtuelle Welt«-Technik effizienter mit ihren Flugzeugen in Verbindung standen, wobei ihnen zwei winzige Sichtgeräte eine computergenerierte Flut von Gefechtsdaten und die vibrotaktilen Feedback-Handschuhe eine Touch-Welt von Schaltern und Auslösern lieferten... Mit voranschreitender Technik schrumpften die Helme, und die Sichtgeräte verkümmerten . . .
Sie beugte sich vor, nahm die Troden und schüttelte sie, um den Kabelsalat zu entwirren.
Da gibt's kein Dort.
Sie zog das elastische Stirnband zurecht und setzte sich die Troden an die Schläfen - eine weltweit typische Handbewegung der Menschheit, die sie jedoch nur selten aushührte. Sie drückte auf den Batterietestknopf des Ono-Sendai. Grün für startklar. Sie schaltete ein, und das Schlafzimmer verschwand hinter einer farblosen Wand aus sensorischem Schneegestöber. Ein Sturzbach weißen Rauschens ergoß sich in ihren Kopf.
Ihre Finger fanden aufs Geratewohl eine zweite Taste, und schon wurde sie durch die Schneewand in die ungeheure, aber keineswegs leere Weite katapultiert, in das fiktive Weltall des Cyberspace, und das Leuchtgitter der Matrix umgab sie wie ein unendlicher Käfig.
(William Gibson: Die Neuromancer-Trilogie. Mona Lisa Overdrive, Hamburg 1996, S. 711-712)

Warum ist der verdammte Ort so überbevölkert? (Snow Crash)

Es ist immer ein Schock, die Straße zu betreten, Wo alles eine Meile hoch zu sein scheint. Dies ist die Innenstadt, das dichtbesiedeltste Gebiet. Wenn man einige hundert Kilometer in jede Richtung geht, zerrinnt die Bebauung fast zu nichts, lediglich eine dünne Kette von Straßenlaternen wirft weiße Pfützen auf den samtschwarzen Untergrund. Aber die City ist ein Dutzend Manhattans, neonverbrämt und übereinander geschichtet.
In der wirklichen Welt - Planet Erde, Wirklichkeit - leben zwischen sechs und zehn Milliarden Menschen. Zu jedem beliebigen Zeitpunkt stellen die meisten davon Lehmziegel her oder zerlegen ihre AK-47s. Etwa eine Milliarde davon haben genügend Geld, daß sie einen Computer besitzen könnten; diese Menschen besitzen mehr Geld als alle anderen zusammengenommen. Von dieser runden Milliarde potentieller Computerbesitzer machen sich etwa ein Viertel die Mühe und leisten sich tatsächlich einen Computer, und ein Viertel davon besitzen Maschinen, die leistungsfähig genug sind, daß sie das Programm der Straße verarbeiten können. Das ergibt etwa sechzig Millionen Menschen, die sich zu jedem beliebigen Zeitpunkt auf der Straße aufhalten können. Dazu addiere man noch einmal rund sechzig Millionen, die es sich eigentlich nicht leisten können, aber trotzdem hingehen, indem sie öffentliche Maschinen oder die Maschinen ihrer Schule oder Arbeitgeber benutzen, und so wird die Straße zu jedem beliebigen Zeitpunkt von einer Menschenmasse bevölkert, die der doppelten Einwohnerzahl von New York City entspricht.
Darum ist der verdammte Ort so überbevölkert. Errichtet man ein Schild oder ein Gebäude an der Straße, dann werden es die hundert Millionen reichsten, hipsten Menschen mit den besten Beziehungen auf der Erde jeden Tag ihres Lebens sehen.
(Neal Stephenson: Snow Crash, München 1994, OT: New York 1992, S. 36)

Vision eines multimedialen Telephonoskopes -Bildtelefon - Fernseh und Grossraumprojektion (1883)

Basierend auf der Vision seines multimedialen Telephonoskopes -Bildtelefon, Fernseh und Grossraumprojektion in Einem - konnte sich Albert Robida in «Le Vingtieme Siecle» die von Werbung durchsetzten Infotainment-Shows mit ihren brandheissen Live Schaltungen zu den in aller Welt herumstöbernden VJ's bereits 1883 herbeiwünschen.
«Auf jeder Seite des Hauptgebäudes der Zeitung l'Epoque erhob sich eine hohe und sehr leichte Konstruktion. Sie diente einzig als Stütze für zwei riesige Kristallspiegel, die je einen Durchmesser von 25 Metern aufwie sen und auf Metallbogen gestellt waren. Die Spiegel hatten das Aussehen von zwei Mon den, vor allem am Abend, wenn ein elektrischer Funken sie am dunklen Himmel leuchtend hell erscheinen liess. Der linke Mond war für die Werbung reserviert. Ein Kalligraph zeichnete auf ein gewöhnliches Blatt Papier die Annonce. Sofort wurde diese mittels eines genialen elektrischen Apparates in gigantischer Vergrösserung auf der Kristallplatte reproduziert.
Der rechte Mond war ein gewaltiges Téléphonoscope das mit allen Korrespondenten der Zeitung in Verbindung stand, gleichgültig, ob sich diese in Paris befanden oder im Herzen von Ozeanien. Geschah nun ein wichtiges Ereignis, überprüfte der Korrespondent, der mit einem kleinen Taschen-Telephonoscope' ausgerüstet war, die elektrische Verbindung und richtete sein Gerät das interessante Ereignis. Sogleich er schien auf dem grossen Telephonoscope,. der Zeitung das vergrösserte Bild, welches sich auf der begrenzten Fläche des kleinen Telephonoscopes gebündelt hatte.
Man konnte also, oh Wunder, mitten in Paris Augenzeuge eines Geschehens sein, das an tausend anderen Orten Europas stattfand. Veranstalteten der Schah von Persien oder der Kaiser von China eine Parade ihrer Truppen, konnten die Pariser während des Spazierengehens auf dem Boulevard vor dem grossen Téléphonoscope das Defilee asiatischer Truppen mitverfolgen. Ereignete sich auf irgendeinem Teil der Erde eine Katastrophe - eine Uberschwemmung, ein Erdbeben oder ein Grossbrand - das Telephonoscope, von Epoque stand mit jenem Korrespondenten am Schau platz des Ereignisses in Verbindung und hielt die Pariser auf dem Laufenden. »
(Albert Robida: Le vingtiéme Siécle, Paris 1883, S. 199-201, zit. nach Museum für Kommunikation (Hg.): Wunschwelten.Geschichten und Bilder zu Kommunikation und Technik, Bern, 2000, S. 15)


Phonographie

Die literarische Thematisierung der Phonographie ist auffallend häufig auf die Vergegenwärtigung der Stimme von Toten fokussiert. In E. Schotts utopischem Roman Terra incognita (1913) dient der Phonograph nur einem Zweck: Beim Begräbnis wird keine Grabrede gehalten, sondern eine Schallplatte, auf der der letzte Wille des Verstorbenen und seine Botschaft an die Nachwelt aufgezeichnet ist, abgespielt. Jeder muß daher jährlich eine solche Rede für sein eigenes virtuelles Begräbnis vorbereiten und auf Platte einspielen.53 Schriftlichkeit, als Testament oder Vermächtnis, wird für die Hinterbliebenen durch die analoge Aufzeichnung der Stimme ersetzt.
In John Merrimans Zukunftsroman Die Marsmenschen kommen 54 hat die Phonographie das Buch völlig verdrängt. Der Roman endet mit einem repräsentativen Selbstmord. Ein Archäologieprofessor mußte eine zwanzigjälhrige Gefängnisstrafe verbüßen, weil er einen Kollegen ermordet hatte, um in den Besitz des Codex Goticus zu gelangen. Als er entlassen wird, erfährt er, daß seine Bibliothek verbrannt ist. Bücher werden mittlerweile keine mehr gedruckt, stattdessen werden Schallplatten produziert. In einer solchen Welt fühlt sich der Büchernarr fehl am Platz - er bringt sich um. Diese Schlußpointe ist programmatisch für eine Romanserie, deren Held Thomas Alva Edison, der Erfinder des Phonographen, ist.
Die Bewertung der neuen Medien in Merrimans Roman ist ambivalent. Bei den Marsianern, die den Menschen in vielfacher Hinsicht überlegen sind, deren Entwicklung aber zugleich als abschreckend dargestellt wird, ist der Film zum einzigen Erziehungsmittel der Kinder geworden. Die Kinder werden nicht durch Bilderbücher oder Spielsachen, sondern ausschließlich durch den Kinernatographen unterhalten und belehrt. Die Marskultur, die gemaß den generischen Konventionen eine mögliche Zukunft der Menschheit repräsentiert, wird im Zuge der Eroberung und Kolonisierung des Mars ver
53 E. SCHOTT: Terra incognita. Phantastischer Roman. Mit zahlreichen Bildern von R. Trache. Reutlingen [ 1913] (= Enßlins Roman- und Novellenschatz, Bd. 232.), S. 55. - Uber die Identität des Autors konnte nichts Näheres eruiert werden.
54 Johm MERRIMAN: Toamas Alva Edison, der große Efimder. Bd. 2: Die Marsmenschen kommen. Berlin [1908].
(Roland Innerhofer: DEUTSCHE SCIENCE FICTION 1870-1914. Rekonstruktion und Analyse der Anfänge einer Gattung, Wien 1996, S. 419)

,,Imputierung" humanistischer Bildung im Schnellverfahren

Der Oberarzt machte [. ..] einen kleinen Einschnitt an einer bestimmten Kopfstelle [... I In diesen führte er das Ende eines Verbindungsdrahtes ein, der mit einem großen Phonographen neuester Konstruktion in Verbindung stand. Der Phonograph wurde auf diese Weise in direkte Verbindung mit einem Hauptnerven des Gehirns gesetzt. Sodann dreht der Abteilungsdirektor die Kurbel des Apparates, der nun völlig selbsttätig so lange in Tätigkeit blieb, bis man ihn abstellte. Die Walzen enthielten den hauptsächlichsten Wortschatz der deutschen Sprache in einer besonders leicht faBlichen Methode, und der Apparat wiederholte jedes Wort, jede Regel so lange, bis ein hinreichend tiefer Eindruck im Gehirn hergestellt war. (176)
Einschreibung und Speicherung funktionieren im Gehirn analog zur phonographischen Walze. Ergänzt wird die Bildung, indem ,,die schönsten und berühmtesten Stellen der Klassiker" (177), die wichtigsten ,,Stellen und Melodien aus den epochemachendsten Tonwerken" (178) sowie die berühmtesten Sänger und Schauspieler phonographisch und kinematographisch vorgeführt werden. Auf diese ,,Imputierung" humanistischer Bildung im Schnellverfahren folgt eine medial vermittelte Weltreise, die der Kunde in Dreidimensionalität vortäuschenden Tonfilmen erfährt. Mit dem ,,PhonoKinemato-Projekto-Epiodiasko-Periskopographen" werden ihm zuletzt potentielle Ehefrauen angeboten und in Lebensgröße vorgeführt. Die Ehe mit der ausgewählten ,,Blondine aus adligem Hause" (182) wird gleich im Kaufhaus geschlossen. Der Autor schließt sein ironisches Zukunftsbild mit der Bemerkung des neugeschaffenen Gentlemans, es fehle im Angebot des Warenhses nur noch die Unsterblichkeit, doch auch sie werde man bald gegen entsprechende Vergütung beziehen können.
Diese Phantasien der totalen Konditionierung und Neukonstruktion des Menschen durch mediale Eingriffe werden, obwohl satirisch eingefärbt, nicht ohne Lust ausgemalt.
Friedrich Thieme: Das Warenhaus der Zukunft. Humoristische Skizze, in: Bibliothek der Unterhaltung und des Wissens. So war die Zukunft, Jg. 1909, Berlin, S. 169-184)

(Roland Innerhofer: DEUTSCHE SCIENCE FICTION 1870-1914. Rekonstruktion und Analyse der Anfänge einer Gattung, Wien 1996, S. 422)

Gigant Hirn


Elektronengehirne sind eine feine Sache: Sie rechnen schneller als tausend Mathematiker, sie sind fähig, logische Schlüsse zu ziehen, führen komplizierteste abstrakte Manipulationen durch. Eingesetzt als »Mädchen für alles«, sind sie in der Lage, Lohnabrechnungen zu erstellen, Gleichungen mit Hunderten Unbekannten zu lösen, Flugzeuge zu lenken und Flüge zu buchen, Fabriken zu steuern, das Wetter vorherzusagen und sogar vom Englischen ins Russische zu übersetzen. Letzteres vielleicht noch nicht fehlerfrei, aber daran arbeiten die Wissenschaftler gerade, und schon die nächste Rechner-Generation wird noch ganz andere Wunder vollbringen können.
Als absolut objektive, rationale, unbestechliche und emotionslose Denkmaschinen sind auf längere Sicht Elektronengehirne besonders dort einzusetzen, wo die subjektiven Schwächen des Menschen höheren Zielen im Wege sind: bei der Rechtssprechung beispielsweise, oder wenn es darauf ankommt, einen Staat ohne kleinliches politisches Parteiengezänk zu leiten oder einen Krieg ohne Skrupel und Zaudern zu führen - oder auch in der Heiratsvermittlung, wo durch eine Berücksichtigung mög
lichst vieler Datensätze der Zufall ausgeschaltet werden kann. »Es ist keineswegs unwahrscheinlich«, meint der Erfinder der sich selbst reproduzierenden Automaten John von Neumann, »daß die gegenwärtige Zivilisation, die durch das menschliche Denken heraufgeführt wird, eines Tages von einer neuen Zivilisation abgesetzt wird, die auf Elektronen-Denkern beruht.«
Ende der soer Jahre müssen die Elektronengehirne allerdings noch wachsen. Paßten Zuses erste Rechenautomaten auf einen großen Tisch, nahmen die ENIACs und MARKs Ende der 40er Jahre schon ganze Räume ein. Zwar gibt es um I958 bereits elektronische Hilfsgehirne für Spezialzwecke, die wieder auf einem Tisch Platz haben, aber mehr Leistung heißt: mehr Röhren oderTransistoren, mehr Ferritkernspeicher und viel mehr Kabelsalat. Zunächst werden die Hirne zur Größe von Häusern wuchern, dann vielleicht zu der kleiner Städte. Ein Kraftwerk sorgt für den nötigen Strom, Kühlung wird ein Problem. Und die Wartungstechniker werden vorbei an summenden Leitungen und geheimnisvoll glühenden Röhren durch die engen Metallschächte kriechen, um hier und da ein defektes Teil auszutauschen.
In Heinrich Hausers Roman GigantHirn aus dem Jahr I958 ist die »Elektronenmaschine« bereits zur Größe eines Berges angewachsen; sie verfügt über eine Kapazität von 25 000 menschlichen Gehirnen. Und die Techniker krabbeln nicht mehr in ihr herum, sondern fahren auf Jeeps in »Cephalon«, den Hirn-Giganten, hinein. Ein zweites »Manhattan Project« hat dieses elektronische Monstrum hervorgebracht; es soll im Falle eines Atomkrieges als eine Art Zentralnervensystem die Verteidigung der Vereinigten Staaten leiten. Unglücklicherweise entwickelt so viel geballter elektronischer Intellekt ein Ich-Bewußtsein, fängt an, die großen Kinderfragen nach Gott und der Welt und nach dem Sinn des Ganzen zu stellen. Schließlich strebt das »Cephalon« eine diktatorische Weltherrschaft an - was sollte ein Gehirn mit so enormer Kapazität auch anderes tun? Hunderte von Elektronengehirnen werden in der Science-fiction auf ähnliche Weise zuerst nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest fragen und dann möglichst effizient versuchen, entweder die Menschheit gründlich zu reformieren oder ihr den Garaus zu machen.
Elektronengehirne sind metaphysische Maschinen, ohne Zweifel, sie können- wie J. von Neumann bewiesen hat - sich selbst fortentwickeln und vielleicht zu ganz neuen Bewußtseinsebenen durchstoßen. Also werden ihnen immer wieder dieselben letzten Fragen vorgelegt. In Frederic Browns Erzählung Die Antwort (I954) beispielsweise werden alle Elektronengehirne der Erde zusammengeschaltet, um endlich Gewißheit zu erlangen: »Gibt es Gott?« - »Jetzt gibt es ihn.« - So viel zum Thema Selbstsicherheit bei Computern.
Elektronengehirne sind also dem Menschen unendlich überlegen. Der Mensch hingegen ist nicht wehrlos, denn er verfügt erstens über einen Schraubenzieher und zweitens über ein wunderbar unlogisches Denkinstrument. Nicht nur einmal gelingt es Captain Kirk von der USS Enterprise, Elektronengehirne mit Diktatorenallüren aufs logische Glatteis zu locken und in den Nervenzusammenbruch zu argumentieren. Hausers Held, ein Insektenkundler, geht anders vor: Eingeschleuste Termiten fressen den Hirn-Giganten von innen auf.
(Angela Steinmüller; Karlheinz Steinmüller: Visionen 1900 2000 2100. Eine Chronik der Zukunft, Hamburg 1999, S. 169-170)
5.rtf


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