0.wörter fliegen durch den NETZRAUM


Visionen der Avantgarde im Computer materialisiert?

"Abgesehen von einigen bemerkenswerten Ausnahmen [...] hat der Einsatz des Computers in Architektur, Design, Fotografie und Film nicht zur entwicklung von radikal neuen Formen geführt, zumindest sind diese, gemessen an den formalen Revolutionen der zwanziger Jahre zu vernachlässigen. Tatsächlich scheint der Computer eher die bereits existierenden Formen zu verstärken, anstatt als Katalysator für neue zu wirken. Wie erklärt sich dieses Fehlen radikal neuer Formen in einer Kultur, die einer grundlegenden und massiven Computerisierung unterworfen ist? Ist das Avantgarde-Versprechen, das die neuen Medien zu geben scheinen, nur eine Illusion?
Ein Teil der Antwort besteht darin, daß die neuen Medien den Kommunikationstechniken der zwanziger Jahre zu einem neuen Status verholfen haben. Somit stellen die neuen Medien eine Weiterentwicklung der Avantgarde dar. Die in den Zwanzigern von linken Künstlern erfunden Techniken wurden in die Befehle und die Schnittstellen-Metaphern der Computer-Software integriert. Kurz, die Vision der Avantgarde materialisierte sich in einem Computer. All jene Strategien, die entwickelt wurden, um möglichst große Teile der bourgeoisen Gesellschaft aus ihrer Traumexistenz wachzurütteln (konstruktivistisches Design, neue Typographie, avantgardistische Kameraführung und Filmschnittechniken, Fotomontage und so weiter) definieren heute die wesentliche Routine der postindustriellen Gesellschaft: die Interaktion mit dem Computer."
(Lev Manovich: Avantgarde als Software, in: Stephen Kovats (Hg.): Ost-West Internet. Media Revolution, Frankfurt/New York, 1999, S. 32-47, hier: S. 35)

cut&paste und dynamische Fenstertechniken

"So gehört etwa die avantgardistische Strategie der Collage als 'Cut and paste', Ausschneiden und Einfügen, heute zu den grundlegendsten Operationen im Umgang mit Computerdaten. [...] Die dynamischen Fenster, Pull-down-Menus und HTML-Tabellen erlauben es dem Nutzer, auf einer räumlich begrenzten Bildoberfläche mit einer nahezu unbegrenzten Menge an Daten und Information gleichzeitig zu arbeiten. Diese Strategie wurde bereits 1926 von Lissitzky eingesetzt, der in seinem Ausstellungsdesign für die internationale Kunstausstellung in Dresden bewegliche Rahmen verwendete."
(Lev Manovich: Avantgarde als Software, in: Stephen Kovats (Hg.): Ost-West Internet. Media Revolution, Frankfurt/New York, 1999, S. 32-47, hier: S. 35)

visueller Atomismus: Pixel, Schichten, Polygione, Hyperlinks, Programmbibliotheken

"Der visuelle Atomismus geht davon aus, daß eine komplexe visuelle Botschaft aus einfachen Elementen aufgebaut werden kann, deren psychologische Bedeutung man bereits kennt. [...] Als in den zwanziger Jahren Künstler nach Wegen suchten, die Massenkommunikation zu rationalisieren, erlangte dieser Atomismus eine neue Bedeutung. Man argumentierte, daß es möglich sein müsse, die Reaktion des Betrachters auf eine komplexe, aus verschiedenen Elementen zusammengesetzte Mitteilung vorherzusagen, wenn man die Wirkung jedes einzelnen Elementes vorher kenne. [...] Der atomistische Ansatz der Kommunikation kehr in den Computermedien mit geballter Kraft zurück. [...] Ein digitales Bild besteht beispielsweise aus atomähnlichen Pixeln. So lassen sich automatisch Bilder generieren, auf unterschiedliche Weise automatisch manipulieren und mit Hilfe von Komprimierungstechniken kostengünstig übertragen. [...] Auch digitale bewegte Bilder bestehen aus verschiedenen Schichten, auf die man einzeln zugreifen und die man voneinander unabhängig bearbeiten kann. Ein weiteres Beispiel für die atomistische (oder mathematisch ausgedrückt: diskrete) Zusammensetzung von Botschaften in den Computermedien sind Hyperlinks. Hyperlinks trennen die Daten von ihrer Struktur. Daher können Botschaften äußerst effizient erstellt und verteilt werden: Aus denselben Daten lassen sich unendlich viele neue Strukturen zusammensetzen; Teile eines einzelnen Dokoments können an mehreren Orten gleichzeitig existieren (das Dokument wird also verteilt repräsentiert). Und um abschließend ein Beispiel aus einem anderen Bereich zu geben: Durch die Einführung der Computer-Software ist es heute nicht mehr notwendig, den Erstellungsprozeß eines beliebigen Medienobjektes immer wieder bei Null zu beginnen. Die Computerkultur bietet eine sehr effizientere Methode: Hier werden Medienobjekte im allgemeinen aus bereists erstellten Elementen kreiert, etwa aus Icons, Texturen, Videoclips, 3D-Modellen, ganzen Animationssequenzen, gebrauchsfertigen virtuellen Zeichen, Javascript-Code-Elementen oder Director-Lingo-Scripts.
Die wildesten atomistischen Phantasien von Kandinski, Rodtschenko, Lissitzky, Eisenstein und anderen 'Atomisten' der zwanziger Jahre werden wahr, wenn Computerbenutzer beispielsweise mit einer Webseite interagieren, durch einen virtuellen Raum navigieren oder ein digitales Bild untersuchen. Ein digitales Bild besteht aus Pixeln und Schichten; ein virtueller 3D-Raum wird aus einfachen Polygonen gebildet; eine Web-Seite setzt sich aus einzelnen, von HTML-Anweisungen dargestellten Objekten zusammen; die Objekte im Netz sind durch Hyperlinks miteinander verbunden. Kurz: die Ontologie des gesamten Computerdatenraumes und seiner einzelnen Elemente könnte atomistischer nicht sein."
(Lev Manovich: Avantgarde als Software, in: Stephen Kovats (Hg.): Ost-West Internet. Media Revolution, Frankfurt/New York, 1999, S. 32-47, hier: S. 38)

Montage/Fenster: Schnittstellen der Interaktion

"Sich überlappende Fenster, zum ersten Mal 1969 von Alan Kay propagiert, bilden das Schlüsselelement aller Schnittstellen zwischen Mensch und Computer. Alle modernen Schnittstellen zeigen Information in sich überlappenden und in der Größe veränderbaren Fenstern an, die, einem Papierstapel ähnlich, übereinandergeschichtet sind. Somit kann dem Ntuzer auf dem Computerbildschirm trotz seiner begrenzten Fläche praktisch unendlich viel Information zur Verfügung gestellt werden.
Die sich überlappenden Fenster als Schnittstelle zwischen Mensch und Computer (HCI) können als die Synthese zweier grundlegender Techniken des Kinos im zwanzigsten Jahrhundert angesehen werden: der zeitlichen Montage und der Montage innerhalb einer Einstellung. Bei der zeitlichen Montage lösen sich verschiedene Bilder unterschiedlicher Realitäten ab, während diese unterschiedlichen Bilder bei der Montage innerhalb einer Einstellung gleichzietig auf der Filmleinwand erscheinen. [...] Ein weiteres Beispiel sind die 1908 zum ersten Mal eingesetzte Technik der geteilten Bildfläche (split screen), auf der etwa beide Partner eines Telefongesprächs zu sehen sind, die von avantgardistischen Filmemachern 1920 zum ersten Mal verwendeten Überlagerungen mehrere Bilder und multipler Bildflächen sowie der Einsatz von Tiefenschärfe und einer Kompositionsstrategie, die entwickelt wurde, um nahe und ferne Szenen nebeneinander zu stellen [...]. Die zeitliche Montage erziehlt die gewünschte Wirkung, das bestätigt ihre vielfache Anwenung. Trotzdem handelt es sich hier um eine nicht besonders effeziente Kommunikationsmethode: die einzelnen Informationen nacheinander zu sehen, kostet Zeit, der Kommunikationsprozeß verlangsamt sich. Daher ist es kein Zufall, daß die europäische Avantgarde der zwanziger Jahre [...] mit verschiedenen Techniken experimentiert, um pro Zeiteinheit möglichst viele Informationen auf die Bildfläche zu bringen. Für seinen Film 'Napoleon' verwendete Abel Gance 1927 ein Multiscreen-System, das drei Bilder nebeneinander zeigt. Zwei Jahre später beschleunigt Dziga Vertov in 'Der Mann mit der Kamera' (1929) die zeitliche Montage einzelnen Sequenzen immer mehr [...]. Vertov überlagert die Sequenzen und schafft so zwar eine zeitliche Effizienz, stößt aber gleichzeitig an die kognitiven Grenzen des Zuschauers. Seine überlagerten Informationen sind schwer zu entzifern - Information wird zu Lärm."
(Lev Manovich: Avantgarde als Software, in: Stephen Kovats (Hg.): Ost-West Internet. Media Revolution, Frankfurt/New York, 1999, S. 32-47, hier: S. 38-39)

Fenster als Schnittstelle

"Im Fenster als Schnittstelle vereinen sich endlich die beiden Gegensätze der zeitlichen Montage einerseits und der Montage innerhalb eines Schnitts andererseits. Der Nutzer und die Nutzerin sind mit einer Montage innerhalb einer Einstellung konfrontiert - nämlich mit mehreren gleichzeitig geöffneten Fenstern, deren jedes eine andere Realität zeigt. Doch da die Fenster nicht transparent, sondern opak sind, so daß man sich auf ein Fenster konzentrieren kann, kommt es in diesem Fall nicht zu der kognitiven Verwirrung, die bei Vertovs Überlagerungen auftrag. Während man mit einem Computer arbeitet, klickt man sich immer wieder von einem Fenster zum nächsten und wird so selbst zum Editor, der über die Montage der einzelnen Einstellungen entscheidet. Somit synthetisiert das Fenster als Schnittstelle zwei unterschiedliche Techniken der Informationsdarstellung auf einen rechteckigen Bildschirm, die vom Kino entwickelt und in den Zwanzigern von Filmemachern bis zum äußersten Extrem getrieben worden waren."
(Lev Manovich: Avantgarde als Software, in: Stephen Kovats (Hg.): Ost-West Internet. Media Revolution, Frankfurt/New York, 1999, S. 32-47, hier: S. 39)

Visionen zu Software - Schwerter zu Pflugscharen?

" 'Verfremdung' wird heute durch eine einfache Bewegung mit der Maus erreicht, mit der sich die Perspektive ändern und das Objekt von einer anderen Seite betrachten läßt. Obwohl sich in der Analogie zwischen interaktiven 3D-Grafiken und den verfremdenden Perspektiven, die von Moholny-Nagy, Rodtschenko und deren Kollegen propagiert wurden, die direkteste Verbindung zwischem Neuen Sehen und den neuen Medien zeigt, ist sie doch bei weitem nicht die einzige. Tatsächlich finden sich sämtliche fotografischen Strategien des Neuen Sehens im Standardrepertoire der Softwaretechnien für die visuelle Datenanalyse wieder.

Die mobilde Bibliothek

"Abdul Kassem Ismael, grand vizier of Persia in the tenth century A.D., never traveled without his library of 117,000 volumes, carried by a caravan of 400 camels trained to walk in alphabetical order."
Fund in: Harper's 296 (Jan. 1998)
(zit. n ach: Nikolaus Wegmann: Bücherlabyrinthe. Suchen und Finden im alexandrinischen Zeitalter, Köln 2000, S. 1)

'Buch im Singular'

"Gegen das nur objekthafte Verständnis des Buches steht die literaturtheoretisch als Intertextualität oder Diskursivität umschriebene Realität des Buches. Hier markiert das Buch eine offene Struktur, eine Verdichtung im Gewebe der Schriften. Anschaulich-konkret wird seine textuelle Form im philologischen Verweisungsapparat. Fußnoten und Anmerkungen, Zitate und Textfiliationen überschreiten die Grenzen der Buchdeckel und verbinden den Leser mit dem vollständigen Textkorpus der Bibliothek. Hinzu kommen die computergestützten Formen des mehrspurigen Lesens. Paginierung, Index oder bibliographische Verweise sind als Absprungmarken ausgeführt, mit denen an jeder Stelle umgeblättert und weitergelesen werden kann. Die praktische Handhabung des elektronischen Textes demonstriert erst recht, daß das so vertraut erscheidende 'Buch im Singular' ein vorausetzungsreiches Phänomen ist. Entgegen seiner offensichtlichen Existenz ist es eine - als solche nicht mehr auffallende - Abstraktion, die mittels technischer Eingriffe in das sich allseits verwebende Schrift-Werk realisiert wird und dem Benutzer schließlich als gebrauchsfertiges Medienformat vorliegt."
(Nikolaus Wegmann: Bücherlabyrinthe. Suchen und Finden im alexandrinischen Zeitalter, Köln 2000, S. 1-2)

Buch im Plural: Bibliothek als Vollform des Buches

"Wenn es das Buch nur im Plural gibt, wenn ein Buch immer aus anderen Büchern entstanden ist, und als fertig vor uns liegender Band immer auf anderen Bücher, vergangene und zukünftige, verweist, dann müssen wir, so die Konsequenz, auch die Bibliothek als Vollform des Buches anerkennen. Doch sobald wir dem gerecht werden wollen und uns auf die Bibliothek als eine sehr große Textkumulation einlassen, wird es schwierig. Wir stehen vor vollen Regalen und wissen nicht, was mit den Beständen anzufangen ist. In dem Augenblick, wo alles zugänglich ist, scheint die Bibliothek zu einem hermetischen Ort zu werden. [...] Kann man nur ein je besondere Buch, nicht aber eine Bibliothek lesen [...]? [...] Die Bibliothek interessiert nicht länger als philosophische Metapher für etwas anderes [...]. Durchgesetzt hat sich eine utilitaristische Sicht, die von der Bibliothek als Beschaffungsanstalt spricht. Auf ein eigenes, über Zweck- und Nutzenkalkulationen hinausgehendes Wissen von der Bibliothek wird jedoch auch hier verzichtet. Man hält sich an die institutionell eingespielte Arbeitsteilung - und die macht die Bibliothekswissenschaft verandtwortlich. Ihr obliegt die Gebrauchstüchtigkeit der Bibliothek, und das meint vor allem, daß sie dem Leser ein genaues Verzeichnis und einen entsprechenden Lageplanbereitzustellen hat. Solange man an die Evidenz solcher Übersichten glaubt, ist die Frage: Wie liest man eine Bibliothek?, immer schon gelöst.
(Nikolaus Wegmann: Bücherlabyrinthe. Suchen und Finden im alexandrinischen Zeitalter, Köln 2000, S. 2-3)

Literatur: Selbstlektüre-Bibliothekslektüre

"Weder die Bibliothek noch die Geschichte des Buches sind so das eigentliche Thema. Beides sind vielmehr Bezugsrahmen, um die Literatur in Szene zu setzen. Ob das zu einer Rechtfertigung der Literatur reicht, muß der Leser entscheiden. Klar ist, daß die ausgewählte Problemfassung nicht zufällig ist, da die Literatur, weil ohne spezifischen Gebrauchs- und Funktionskontext und damit prinzipiell ohne feste Referenz, wie kein anderer Büchereibenutzer auf die Bibliothek angewiesen ist. Hier hat sie nicht nur ihre Inspirationsquelle. Die Bibliothek ist das tragende System. Wie die Literatur sich im Docuversum der Bibliothek bewegt, wie sie sucht, was sie gebrauchen kann, wie sie nutzt, was sich findet, sollen die individuellen, als je besondere Bibliotheks-Poetiken gelesenen Fallgeschichten vorführen. Sie demonstrieren, daß die Literatur sich keineswegs nur fortschreibt, indem sie sich selbst liest. Hier wird der Nachweis geführt, daß die Literatur über die Selbstlektüre hinaus Bibliothekslektüre ist."
(Nikolaus Wegmann: Bücherlabyrinthe. Suchen und Finden im alexandrinischen Zeitalter, Köln 2000, S. 7)

Be-nutzung ohne Grenzen

"Für die Literatur scheint es definitive Grenzen bei der Arbeit an der Bibliothek, bei der Überführung von Nichtlesbarem ins Lesbare, nicht zu geben - vielleicht weil die charakteristische Operation der Literatur, so Nicholson Baker, das Komma-Setzen ist: Die Literatur kann alles unterscheiden, und sie kann alles verbinden. Das Zugleich von Disjunktion und Konjunktion läßt sich verstehen als poetologische Umschreibung für die Fähigkeit der Literatur, auf alles und jedes zugreifen zu können, was in der Bibliothek versammelt ist. Ihre Version des alten Topos inventis aliquid addere facile est - es ist leicht, zu schon Gefundenem etwas hinzuzufügen - ist zugleich das bibliothekarische Bewegungs- und Forsetzungsprinzip, aus dem heraus die Literatur sich erhält. In dem Maße, wie es der Literatur gelingt, sich im Suchen und Finden gegen die Konvention zu behaupten, und sie immer wieder Neues und Überraschendes zu zeigen vermag, kann sie sich in ihrer Findigkeit auch stets von neuem revitalisieren. Literatur [...] ist Bibliothekslektüre."
(Nikolaus Wegmann: Bücherlabyrinthe. Suchen und Finden im alexandrinischen Zeitalter, Köln 2000, S. 7)

Bibliotheks- und literarische Techniken: Topoloie des Unscharfen

"Auch der jargon der Technikbegeisterten unterscheidet zwischen Buch und Bibliothek, zwischen Hypertext oder Datenbank. [...] Wichtiger ist ohnehin die sich erst anschließende Frage: Wie geht man mit der Technik um? kann man sie überhaupt interpretieren? Gibt es Raum für Lektüren? Das geisteswisenschaftliche Ressentiment ihr gegenüber speist sich aus dem Verdacht, daß Technik immer nur einfache, genauer: unzulässig einfache Verhältnisse impliziert. [...] Auch die Bibliothek als groß-technische Installation hat [...] ungeklärte Kausalitäten und unverständliche Dimensionen, und das nicht erst, seitdem sie auf elektronische Datenverarbeitung umstellt {45} und ihre technische Natur auffällt. [...] Zumindest großtechnische Installationen scheinen keinen Zeitpunkt zu kennen, an dem die gänzliche Durchsicht, das vollständige Verstehen oder die erschöpfende Lektüre sich einstellt: Ist die Bibliothek als Macro Literary System prekär, dann ist es auch ihre Lesbarkeit. Ob und inwieweit Lesbarkeit bewerkstelligt werden kann, ist nichts, das vorab bestimmt werden kann, etwa mit Berufung auf Programme und Systeme, die Nutzungs- und Organisationskalkülen mittels 'Steckkontakt' (Alexander Kluge) und unirritierbaren Durchgriff zu sichern glauben. Das Blaupausen-Lesen reicht nicht als Lektürefertigkeit. In der konkreten Auseinandersetzung mit den vielen Büchern erweisen sich die technischen Konstruktions- und Bedienungsanleitungen [...] streng genommen nur als unscharfe Topologie. (FN 87 Serres, Michel. Der Parasit (Orig. 1980). Frankfurt/M.: Suhrkamp 1984. S. 88-89. Hier S. 89 (=Logik des Unscharfen)"
(Nikolaus Wegmann: Bücherlabyrinthe. Suchen und Finden im alexandrinischen Zeitalter, Köln 2000, S. 44-45)

Direktkontakt mit den Büchern

"Sind die Körper der Bücher in Griffnähe, baut sich für die Dauer der gemeinsamen Anwesenheit von Bibliotheksgänger und dem mittels Auge und Hand vorselektierten Buchbestand eine konkrete Beziehung auf, die andere denkbare Konstellationen verblassen läßt. Es entsteht eine 'merkwürdige selektive Ordnung der Relevanz' (FN 88 Kieserling, André: Kommunikation unter Anwesenden, Studien über Interaktionssysteme. Frankfurt/M.: Suhrkamp 1999. S. 17. Kieserlings Studien grenzen die Kommunikation mit der Bibliothek [...] aus dem Untersuchungsbereich aus: "Nicht das stumme Lesen sehr verschiedener Bücher in einer Bibliothek also, wohl aber das laute Vorlesen vor kleinerem oder größerem Publikum kann man als Interaktion begreifen." Ebenda, S. 27), unabhängig davon, was an allgemeiner Orientierung für die Bücher der Bibliothek vorgegeben ist [...]. Zu vermuten ist, daß in dieser Differenzierung von Anwesenheit und Abwesenheit, wie sie in jedem Direktkontakt immer wieder neu entsteht, ein Potential steckt, das nicht nur dem Ingenieur und seinen Blaupausen unzugänglich ist. Auch der Theoretiker, der sich nur auf seine Begriffe verläßt, wird es hier schwer haben. [...] Der Direktkontakt als Unstetigkeitsstelle macht plausibel, was viele Leser der Bibliothek schon wissen: daß 'durchs Gedränge Übersichten entstehen' und 'durch die Konfrontation Erfindungen' (Kluge: Die Macht der Bewußtseinsindustrie und das Schicksal unserer Öffentlichkeit, S. 123)."
(Nikolaus Wegmann: Bücherlabyrinthe. Suchen und Finden im alexandrinischen Zeitalter, Köln 2000, S. 46)

Was ist eigentlich eine Bibliothek? (relative Zahlen)

"Das Wort 'Bibliothek', griechischen Ursprungs und im 1. Jahrhunder v. Chr. als bibliotheca von den Römern übernommen, umfaßt sowohl den Raum der (Bücher-) Aufbewahrung, das Gestell oder den Schrank zur Aufstellung als auch eine Sammlung von Büchern. Zusätzlich zu den ebenso bekannten wie trivialen Bestimmungen verzeichnet der Große Pauly eine weitere Konnotation: das Wort finde sich 'zum Teil in der Nebenbedeutung des Umfangreichen'. Dieser Nebensinn von 'Bibliothek' schließt nicht nur an die Alltagsvorstellung an, wonach den Titel 'Bibliothek' allein eine größere Ansammlung von Büchern verdient. Als Zahlwort ist 'Bibliothek' zugleich ein Übergang von der Wort- in eine Begriffsgeschichte verstanden worden. [...] 'Eine Bibliothek ist eine beträchtliche Sammlung von Büchern.' (Schrettinger: Versuch eines vollständigen Lehrbuchs der Bibliotheks-Wissenschaft. Erster Band. I. S. 11) [...] Seit der ersten Bibliothek, der Bibliothek von Alexandria - in der Antike auch einfach die 'große Bibliothek' genannt - gibt es das Faszinosum der großen Zahl(en). Endlos die Abschätzungen, wieviele Schriftrollen tatsächlich in Alexandrien waren - 40.000 oder 400.000 oder 700.000."
(Nikolaus Wegmann: Bücherlabyrinthe. Suchen und Finden im alexandrinischen Zeitalter, Köln 2000, S. 48-49)

der Mythos der vollständige Bibliothek: es muß im Leben mehr als alles geben!

" Die Aufmerksamkeit, die solche Zahlenangaben und Zahlenspiele finden, gilt nicht nur dem betriebstechnischen Informationswert. Auch geht es um mehr als soziales Prestige, um den materiellen Reichtum oder den Willen zum Wissen, den man in großen Bücherzahlen sehen und auf die jeweiligen Besitzer zurückrechnen kann. (FN 8 In der Bibliothek der Fugger, so hieß es, standen soviele Bücher, wie es Sterne am Himmel gibt.) Zahlen machen ihren eigenen Sinn. [...] (50) [...]
(56) Aber auch das verwaltungstechnisch institutinaliserte 'Alles' hat keine Zahl, ist nicht in Quantitäten zu fassen - und folgerichtig findet sich selbst Im Zeitalter der Rechenmaschinen für die umfassendste aller alexandrinischen Bibliotheken, die Library of Congress, nur die sagenhafte Größe von 100.000.000 eingelagerten (Medien-) Einheiten. 'Alles' wird als magische Zahl, [...] auch zur Vision kommerzieller Unternehmungen - wie im 'Alexandria Project' der Computerfirma Oracle. Hier wird das 'Alles' - als wäre dies möglich - nicht einmal gesteigert, hat man doch vor, 'alle Bücher, alle Magazine und Zeitungen, alle Filme, TV Shows, wissenschaftliche Veröffentlichungen aus allen Kontinenten' in digitalisierter Formn zu vereinigen. Spätestens seit dieser Version - laut Pressemitteilung [...] will man mit 'allen Daten dieser Welt hantieren' - scheint das Unternehmen endgültig hypertroph und jede Chiffrierung des Großen in Zahlen endgültig als bloße 'Denkadresse' aufgeflogen. (56) [...] Wie soll man sich dann eine Bibliothek vorstellen, die alles hat? Ist das überhaupt noch ene Bibliothek?" (57)
(Nikolaus Wegmann: Bücherlabyrinthe. Suchen und Finden im alexandrinischen Zeitalter, Köln 2000, S. 50-57)

Docuverse: doch 'alles'?

"Irritierend ist das alexandrinische Projekt, weil seine raison d'être, das 'Alles', sich nicht in konkrete titel und Unterscheidungen rückübersetzen läßt. 'Alles' bezieht sich auf eine unbestimmte Gesamtheit aller Markierungen und Klassifikationenen, für die es keinen akzeptierten Terminus gibt. Bislang haben Umschreibungen dominiert, die sich - wie 'Universalbibliothek' oder 'Bibliotheksverbund' - nahe an bestehende Bibliotheken und die von ihnen organisierten Kapazitäten halten. [...] Inzwischen scheint sich hier etwas zu ändern. Zum einen [...] hat die Diskussion um dieses Thema Fahrt gewonnen. Sie ist längst nicht mehr auf Bibliotheksfachleute beschräkt [...]. Bemerkenswert ist ferner, daß sich bis dahin weitgehend getrennte Diskurse zusammenfinden. Technik und Fiktion, konkrete Machbarkeiten und allegorisierende Beschreibungen, haben miteinander Kontakt aufgenommen und unterlaufen so jeden Versuch, eindeutig zwischen der empirisch-realen Bibliothek und dem kulturellen Konzept 'Bibliothek' zu unterscheiden. War 'Bibliothek' über die Grundvorstellung von kulturellen Schatzhaus hinaus in der literarisch gebildeten Vergangenheit ein 'romantisches Sujet unbegrenzter Interpretationen' (FN 37 Schlaffer, Heinz: Borges. Frankfurt/M.: Fischer 1993. S.72. Bis weit ins 18. Jahrhundert hinein, war das Wissen der historia litteraria noch nach dem Modell der Bibliothek modelliert. Erst um 1800 wird die Bibliothek zum bloßen Hilfsmittel degradiert: Witz, Genie und Originalität werden als wesentlich selbständig gegenüber der Bibliothek gedacht. Gut möglich, daß sie ihr Profil erst gegen das bibliotheksförmige Wissen gewinnen.), so avanciert sie heute als Infoworld oder Docuversum zu einem Grundbegriff der Technik-Kultur. Fiktion und Realität überkreuzen sich.
Was vor wenigen Jahrzehnten nur als Bibliothekspantasie gehandelt wurde, ist so zu einer Begrifflichkeit mit schon gesellschaftsweiter Überzeugungskraft avanciert.
(Nikolaus Wegmann: Bücherlabyrinthe. Suchen und Finden im alexandrinischen Zeitalter, Köln 2000, S. 58-59)

die Qual der Wahl

"Beunruhigend an der alexandrinisichen Zahl ist weiter, daß sie einerseits Inbegriff der Größe und Macht aller bibliothekarischen Sammlungen repräsentiert - zugleich aber das 'Alles' als Parallelbegriff zum Unendlichen genau das unmöglich zu machen scheint, worauf es bei der Bibliothek ankommt: daß man in ihr etwas finden kann.
'Die Wahl eines unter vielen Büchern', so Vilém Flusser, 'stellt das Wählen überhaupt in Frage, da bei ihr klar wird, daß nur aus begrenzter Menge gewählt werden kann.' (Flusser, Vilém: Die Schrift. hat Schreiben Zukunft? Göttingen: European Photography 1990. S. 97)
(Nikolaus Wegmann: Bücherlabyrinthe. Suchen und Finden im alexandrinischen Zeitalter, Köln 2000, S. 58-59)

Topographie der Bibliothek: Standort - Buchgedächtnis

Der Adressenkatalog entstand aus der Praxis heraus, aus dem tagtäglichen Kontakt mit den Beständen und braucht daher weder eine spezielle, gar wissenschaftliche Vermittlung noch eigene Aufschreibe- und Nachschlaghilfen wie Bestandsverzeichnisse und Standortlisten. Irgendwann, nach langen Jahren an einem und demselben Ort, stellt sich als Resultat unzählig vieler Gänge und Zugriffe eine auf den Punkt genaue Topographie der Bibliothek ein - so wie bei jenem berühmten Vorbild, dessen Leistung als unerreichbar, ja als erfunden gilt, aber dennoch als legendär anerkannt worden ist. Im Kern der Legende steht der historisch verbürgte Florentiner Bibliothekar Antonio Magliabechi. Von ihm wird 'behauptet [...], er habe nie ein Buch zu Ende gelesen und doch gäbe es keinen anderen , der so gut wie er die Bücher und deren Inhalte kenne.' (Willms: Bücherfreunde. Büchernarren. S. 132f.) Sein Geheimnis ist ein phänomenales Buchgedächtnis:

'Eines Tages soll Cosimo III., in desen Diensten als Bibliothekar er seit 1673 stand, nach ihm geschickt haben mit der Bitte, ob es ihm möglich sei, ein ganz bestimmtes, äußerst seltenes Buch herbeizuschaffen. Magliabechi soll darauf geantwortet haben: 'Nein, das ist unmöglich. Denn von diesem Buch existiert lediglich ein Exemplar, und dieses befindet sich in der Palastbibliothek in Konstantinopel. Es ist, wenn man die Bibliothek betritt, das siebte Buch im zweiten Regal auf der rechten Seite." (ebenda)
(Nikolaus Wegmann: Bücherlabyrinthe. Suchen und Finden im alexandrinischen Zeitalter, Köln 2000, S. 131)

Der Hyperkatalog?

"Die Bibliotheken sind ineiner 'on-line hell', einem Teufelskreis: Einmal mit der Elektronifizierung begonnen, werden immer neue Folgeinvestitionen fälig, nur um irgendwann - vielleicht! - einmal die versprochenen Leistungen auch tatsächlich ohne Programaabstürze und ohne hineinprogrammierte Unzulänglichkeiten beanspruchen zu können. (FN 89 Eine der neuen Losungen ist der 'Hyperkatalog': Mit ihm sollen sich die Begrenzungen einer eindimensionalen Suche, die nur nach 'gefunden' und 'nicht gefunden' deifferenzieren kann, überwinden lassen. Eine Hoffnung mehr, obwohl man weiß [...] 'wie ohnmachtig wir der neuen Entwicklung gegenüber stehen.' (Rauch, Wolfgang: Die Entlinearisierung der Bibliothek. In: Bibliothek 18 (1994). S. 92-94. Hier S. 93) Für die Bibliothek reservierte Gelder fließen daher in wachsendem Maß an die Informationsindustrie."
(Nikolaus Wegmann: Bücherlabyrinthe. Suchen und Finden im alexandrinischen Zeitalter, Köln 2000, S. 151)

Wissensformen: alphabetische Listen, Kommentare

"Bloße Listen nach Alphabet oder ähnlich unbewegliche Raster passen sich der Denkbewegung nicht an; er erschweren Neues. Das ist eine Kritik, die noch für das Großprojekt der Enzyklopädie D'Alemberts und Diderots gelten soll:
'und eben dieses Buch, was den Franzosen ihr Triumpf ist, ist für mich das erste Zeichen zu ihrem Verfall. Sie haben nichts zu schreiben und machen so Abregés, Dictionaires, Histoires, Vocabulaires, Esprits, Encyclopadieen, u.s.w. (FN 59 In einer Geschichte der Wissensformen ist die Enzyklopädie - entgegen Herders polemische Abwertung - bereits ein Schritt hin zu Darstellungen, die Variation erleichtern. Die alphabetische Ordnung entlastet die Darlegung von Kommentaren und Worterklärungen, die sich allein auf einen überlieferten Wissenskosmos beziehen.)
(Nikolaus Wegmann: Bücherlabyrinthe. Suchen und Finden im alexandrinischen Zeitalter, Köln 2000, S. 220)

Kunst des Lesens

"Man lese so wenig wie möglich, nicht so viel wie möglich! Oh, beneidet habe ich natürlich alle, die sich in Büchern vergruben. Insgeheim würde ich mich ja selbst gern durch all jene Bücher hindurchwühlen [...]. Heute bin ich mir völlig klar darüber, daß ich nicht den zehnten Teil dessen hätte lesen müssen, was ich gelesen habe."
(Miller: Die Kunst des Lesens, S. 17)

Monstrosität

"Eine Monstrosität zeigt sich niemals als solche, [...] sie zeigt sich nur - das heißt: sie gibt sich nur zu erkennen-, indem sie sich auf das reduzieren läßt, was sie ist, das heißt auf eine Normalität, eine Legitimität, die sie nicht ist; also zeigt sie sich nur, indem sie sich nicht als das erkennen läßt, was sie ist, eine Monstrosität. [...] Sie kann nur im nachhinein erkannt werden, wenn sie normal oder zur Norm geworden ist."
(Derrida, Jacques. Einige Statements und Binsenweisheiten über Neologismen, New-Ismen, Post-Ismen, Parasitismen und andere kleine Seismen (Orig. 1986). Berlin: Merve 1997. S. 35)

Kollaborative Wissenschaft

Dann gibt es noch bei uns ein Haus der Sinnestäuschungen, in dem wir alle möglichen Zauberkünste, Taschenspielerkniffe, Gaukeleien und Illusionen sowie deren Trugschlüsse darstellen. Ihr könnt euch denken, daß es uns, die wir es in der Naturerkenntnis und -beherrschung so wunderbar weit gebracht haben, ein leichtes wäre, den menschlichen Sinnen sehr viel vorzuspiegeln wenn wir natürliche Dinge mit dem Nimbus des Wunders ausschmücken und aufbauschen würden. Aber uns ist jeder Betrug und jede Lüge verhaßt. Daher ist auch allen Mitgliedern unseres Hauses bei Ehren- und Geldstrafe streng untersagt, natürliche Tatsachen in lügenhafter Aufmachung zu verkünden, nur eine reine, ungeschminkte, durch keinen Wunderglauben beeinflußte Darstellung darf gegeben werden.

Dies sind, mein Sohn, die Kostbarkeiten des Hauses Salomons.


Über die Tätigkeit und die Aufgaben unserer Mitglieder kann ich dir folgendes berichten. Zwölf Mitglieder reisen unter Angabe einer anderen Nationalität - unser Land geben wir nicht bekannt - in fremde Länder um uns Bücher, Zusammenfassungen und Musterstiicke von Erfindungen zu besorgen. Wir nennen sie die >Lichtkäufer<.
Drei sind dafür da, alle Versuche, die in den Büchern beschrieben sind, zusammenzustellen. Sie heißen die >Ausbeuter<.
Drei sammeln Material über Versuche auf dem Gebiete der reinen Wissenschaft, der ganzen mechanischen Technik und der übrigen praktischen Anwendungen der Wissenschaft, soweit sie nicht mit den mechanischen zusammenhängen. Dies sind die sogenannten >Jäger<. Drei beschäftigen sich mit neuen Versuchen, deren Ausführung ihnen aussichtsreich erscheint. Sie heißen >Schatzgräber<. Drei registrieren die Versuchsergebnisse der anderen, nach Stichworten und in Tabellen, um sie übersichtlicher zu gestalten, so daß man daraus besser Beobachtungen und allgemeine Regeln entnehmen kann. Sie heißen >Ordner<. Drei andere, die sogenannten >Wohltäter<, haben den Auftrag, die Versuche ihrer Kollegen zu überprüfen, und daraus diejenigen Entdeckungen herauszusuchen oder herzuleiten, die sich für die praktische Verwertung im täglichen Leben eignen oder dem Fortschritt der Wissenschaft dienen. Hierbei denken wir nicht nur an Werke der Technik, sondern legen besonderen Wert darauf, den kausalen Zusammenhang der Dinge möglichst klarzulegen, der Natur ihre tiefsten Geheimnisse zu entlocken und eine leichtverständliche, eindeutige Auskunft über die unbekannten Bestandteile und Kräfte in den verschiedenen Körpern zu erhalten.
Nach zahlreichen Versammlungen und Beratungen der ganzen Brüderschaft, in denen die Arbeiten und die zusammenfassenden Vorberichte gründlich nachgeprüft und noch einmal besprochen worden sind, beginnt die Tätigkeit der drei >Leuchten<, denen die Aufgabe zufällt, auf Grund des nunmehr vorliegenden Materials - von einem höheren Gesichtspunkt aus - neue Versuche anzuregen und zu leiten, die tiefer in die Natur eindringen sollen. Drei andere, die >Pfropfer<, führen die so beschlossenen und in Auftrag gegebenen Untersuchungen aus und berichten über ihr Ergebnis. Schließlich sind [56] noch drei sogenannte >Erklärer der Natur< da, die nach vorhergegangener Aussprache mit allen Mitgliedern die Entdeckungen und Aufschlüsse über die Natur, zu denen man durch den Versuch gelangt ist, zu größeren Erfahrungskomplexen erweitern und in die Form von allgemein gültigen Regeln oder Grundsätzen bringen.
Es versteht sich von selbst, daß wir auch Anfänger und Schüler haben, damit stets ein Nachwuchs für die Männer da ist, die sich den praktischen und theoretischen Forschungsarbeiten zu widmen haben. Außerdem sind zahlreiche Gehilfen und Diener vorhanden, und zwar sowohl männliche wie weibliche. Wir haben die Gewohnheit, uns genau zu überlegen, ob sich ein von uns angestellter Versuch oder eine von uns herausgebrachte Entdeckung zur allgemeinen Bekanntgabe eignet oder nicht. Wir haben uns sogar alle eidlich verpflichtet, das geheimzuhalten, was auf Grund eines gemeinsamen Beschlusses geheimgehalten werden soll. Wir dürfen zwar zuweilen mit allgemeiner Zustimmung dem Könige oder dem Senat gewisse Einzelheiten mitteilen; aber vieles behalten wir nur zu unserer eigenen Kenntnis bei uns zurück.

(Francis Bacon: Nova Atlantis, Stuttgart 1982, OT: 1643, Utrecht), S. 54-56)

Wissensarbeiter (Nova Atlantis)

12 Lichtkäufer
3 Ausbeuter: sie sammeln Versuche, die in Büchern dargestellt sind;
3 Jäger: sie unternehmen Versuche in allen mechanischen Künsten;
3 Schatzgräber oder Grubenarbeiter: sie machen neue Versuche;
3 Ordner: sie werten die Versuchsergebnisse »statistisch« aus;
3 Wohltäter: sie sind Prüfer für die praktische Anwendung wissenschaftlicher Ergebnisse;
3 Leuchter: es handelt sich um Mitglieder des »House of Salomo«, deren Aufgabe es ist, die schon vorliegenden Versuchsergebnisse zu benutzen, um neue, tiefer in das Wesen der Natur eindringende Versuche zu planen und zu organisieren.
3 Pfropfer: sie führen die beschlossenen und in Auftrag gegebenen Experimente aus und berichten
über die Resultate (Tres habemus, qui Experimenta injuncta ~ mandata exequuntur eorumque
successus referunt).
3 Erklärer der Natur: Diese Gelehrten legen die bisherigen Erfindungen und Entdeckungen aus, um sie zu Aphorismen und Axiomen umzuformen.

(Jürgen Klein: Nachwort zu Francis Bacon: Nova Atlantis, Stuttgart 1982, OT: 1643, Utrecht), S. 70)