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PooL-Processing lädt ein:
Projekte und Projektionen:Kommunikations- und Informationssysteme/ Wunsch und KunstMASCHINEN



Die POESIE muß von allen gemacht werden

Während IBM auf der letzen CEBIT im Keller von Halle 1 endlich das mobile Datensicherungssystem für den ERNSTFALL interessierten Großkunden anbietet (gemeint ist nicht der STROMAUSFALL!), die Medienphilosophen an ein ABM-Projekt zur Bekämpfung von Aids mittels Computerviren denken, COMPUTERKUNST in wenigen von der Industrie gesponserten Großprojekten[1] feilgeboten wird, warten alle sehnsüchtig auf das Ende des Kommunikationsmonopols der Post, sehnen sich nach einem MAC-Emulator oder nach der universellen Software-Oberfläche, auf der sich alle gewünschten Operationen in einem Zusammenspiel von Text/Grafik/Sound spielend leicht nach den eigenen Bedürfnissen gestalten lassen...oder freuen sich einfach, wenn einmal eine EINLADUNG zu einer INTERACTIVE COPY-ANIMATION ins Haus flattert ("SEND / TRANMIT / FAX everything that´s burning out of Your head !!"- TELEFAX -COMMUNICATION EVENT, GRAZ 21.4.1989)...
PooL-Processing hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben, daß wir mit Computern etwas anderes machen können, als das Ende der Welt zu errechnen oder die Werke der Weltliteratur abzuschreiben oder alles zu digitalisieren, zu scannen, zu erfassen, einzugeben, was es sowieso schon gibt.
Endlich soll es mit einer Maschine möglich sein, alle Materialen (TEXT/BILD/TON) als Code zu verarbeiten, zu programmieren, zu strukturieren, zu kombinieren, zu konvertieren, zu simulieren.

EINBILDEN

Allen Unkenrufe vom Ende der Schriftkultur und dem Untergang des Abendlandes zum Trotz ist im Umgang mit den Computern eine neue Art der EINBILDUNGSKRAFT am Werk, die den altherbegrachten Kulturtechniken wie SCHREIBEN oder BILDERMACHEN in nichts nach steht:
"EINBILDEN ist weit funktioneller als Texte schreiben, es ist ein programmierter Vorgang. ..Die Einbildner drücken auf Tasten, welche für sie unfaßbare, unvorstellbare und unbegreifliche Vorgänge auslösen..die Bilder, die sie einbilden werden nicht von ihnen, sondern von den Apparaten hergestellt und zwar automatisch "[2]
Beim TASTENDRÜCKEN von der Konzentration auf grammatische Regeln/Rechtschreibung/Logik befreit, kann die gesamte schöpferische Energie auf die zu erzeugende OBERFLÄCHE am Bildschirm in den bilderzeugenden Vorgang selbst einfließen:
"Es erscheinen Bilder, wie sie nie zuvor geträumt werden konnten..Erst wenn wir die mit Computern synthetisierten Bilder ins AUge fassen, diese Bilder von beinahe Unmöglichem, weil Unfaßbarem und Unbegreiflichem, können wir überhaupt zu ahnen beginnen, welche GEWALT DER EINBILDUNGSKRAFT HIER AUSBRICHT."[3]

Schauspiel des Denkens


Doch um die Voraussetzungen zu einer solchen Produktivität am Computer zu schaffen, ist erst einmal einen Menge Drecksarbeit nötig, z.b. das Eindringen in Programmsysteme, Netze, Datenbanken, von denen man sich wichtige Informationen/Anregungen/Werkzeuge für die weitere künstlerische Arbeit erhofft:
"Körperlos schwenken wir in Chroms Eisschloß [4]. Und wir sind schnell, schnell. Wir kommen und vor wie Wellenreiter auf dem Kamm des eindringenden Programms, getragen vom Strudel ständig mutierender Störsysteme .. Wir haben als Buchprüfung und drei Vorladungen getarnt, ihre Tore gesprengt, aber ihre Abwehr ist besonders darauf eingerichtet, mit solchen amtlichen Vorstößen fertig zu werden..Als wir das erste Tor durchbrachen, verschwand der Großteil der Daten hinter dem Eis der Kernzone..Die Störsysteme fressen die Notsingnale auf, während unsre mimetischen Subprogramme alles sichten, was vom Kern nicht gelöscht wurde." [5]

Radiotheorie

Denn eins ist klar: Auch wenn viel von der Utopie einer TELEMATISCHEN GESELLSCHAFT geredet wird und Soziologen immer wieder gern Brechts Radiotheorie von 1932 zitieren[6] , wenn es um die immensen Möglichkeiten der gestreuten Schaltung von Kommunikationsmedien geht: selbst eine flächendeckende Installation interaktiver Kommunikationsterminals garantiert noch lange nicht einen freien Austausch von Informationen/ Meinungen/ Programmen/ Daten und anderen Immaterialien. Wir müssen selbst subversive Kommunikationsnetze zwischen verschiedenen EINBILDNERN herstellen, um einen VERKEHR zwischen technischen Bildern und Menschen herzustellen. Die Frage der Schaltung der Kanäle ist immer eine Frage der Macht:
Auf diese Weise zerstreuen die technischen Bilder die Gesellschaft zu Körnern. Jedes technische Bild wird als Endpunkt eines Strahls, als ein "TERMINAL" empfangen. ..SO wie die technischen Bilder gegenwärtig geschaltet sind, führen sie "von selbst" zu einer fascistischen Gesellschaft."[7]

Wissen ist Macht


Vor diesem Hintergrund sind die Ausflüge in die Geschichte der Informationsverarbeitung und der Maschinen erhellend:
Wir gehen zurück in die zeit vor der französischen Revolution: Die Herausgabe eines universellen Wörterbuchs der mechanischen und der freien Künste, der ENZYKLOPÄDIE, die das philosophische, künstlerische Wissen zusammen mit dem aufkommenden Produktionswissen der Manufakturen in Text und Bild darstellen will, wird von politischen Verfolgungen seitens der Kirche und feudalen Kreisen begleitet. Das Zuordnungs- und Verweissystem verschiedener Wissengebiete allein wird dabei oft schon als subversiv angesehen. Das komplexe Verweissystem der Enzyklopädie kann auch für heutige Datenbanken wertvolle Anregungen bieten.[8]
Daß die ersten Computer als Decodiermaschinen maßgeblich den Ausgang des zweiten Weltkrieges mit entschieden haben ist ein offenes Geheimnis. Wen wundert´s, daß selbst viele Programmiersprachen noch im Dienste militärischer Forschungen entwickelt wurden und gerade auch die Forschungen auf dem Gebiet der Künstlichen Intelligenz vor dem Hintergrund militärischer Interessen und Auftraggeber entstehen:
"Gegenwartsbeschreibungen wie Postmoderne vernebeln nur, daß im wunderbar vieldeutigen Englisch der Weltmacht Intelligence auch Spionage heißt und Intelligence Service auch Geheimdienst."[9]
(Wir kehren zum HAUPTBEFEHLSMENU zurück!)

Das Plagiat ist notwendig


Vor diesem Hintergrund erscheint unser Projekt PooL-Processing, als ein harmloser und naiver Versuch, die Methoden/ Maschinen/ Manipulationen der Informationstechnologie für künstlerische Produktionsweisen einzusetzen. Der Zugriff auf Hard- und Software erfolgt dabei eher aus einer Geste der ENTWENDUNG als der reinen ANWENDUNG. In einem Gedankenspiel entwirft der intalienische Schriftsteller Italo Calvino eine Maschine zur Komposition von Gedichten und Romanen:
"ich denke an eine schreibende Maschine, die auf der weißen Seite all jene Elemente ins Spiel bringt, die wir für gewöhnlich als die eifersüchtig gehüteten Attribute der psychologischen Intimität, der erlebten Erfahrung, der Unvorhergesehenheit sprunghafter Launen ansehen, die Zuckungen, Qualen und die inneren Erleuchtungen. Was sind sie, wenn nicht genausoviele sprachliche Bereiche, aus denen wir sehr wohl Wortschatz, Grammatik, Syntax und Permutationseigenschaften ableiten können?" [10]
Aus den Produktionen der literarischen Avantgarde werden noch weitere Produktionsmerkmale für die Experimente mit dieser literarische Maschine abgeleitet:
"Instrument des Zufalls, der formalen Destruierung, des Protests gegen die gewohnten logischen Zusammenhänge..die Maschine wird Avantgarde herstellen, um ihre Schaltkreise freizupusten..."

Mensch/Maschine

Der ewige Kampf Mensch/Maschine kann hier in anderem Licht erscheinen:
"Der Schriftsteller, so wie er bis jetzt gewesen ist, ist bereits eine schreibende Maschine, das heißt, er ist es dann, wenn er gut funktioniert.."
Kein Wunder also, wenn das Bild der Kunst-Maschine sich quer durch die Literatur und die Kunst zieht. Die Avantgarde hat immer schon maschinenhaft produziert, hat Kopplungen, Operationen, Programmabläufe, Wiederholungen, Strukturen simuliert, lange bevor es informationsverarbeitende Maschinen gab.

BILD/TEXT-Archiv zur Medienkunst

Ausgehend von der Frage, inwieweit ein offensiver Gebrauch informationsverarbeitender Maschinen neue ästhetische Produktionsweisen eröffnen kann, haben wir ein interaktives Datenbanksystem für den Themenbereich Medienkunst aufgebaut. Es versammelt theoretische wie literarische Texte aus den unterschiedlichsten Bereichen und ermöglicht dem Benutzer ein Lesen quer durch die verschiedenen Textsorten und Themenbereiche. Starre hierarchische Strukturen von Datenbanken versuchten wir durch assoziative Schlagwortregister zu durchbrechen, um - im Gegensatz zum linearen Lesen - einen tatsächlich interaktiven DIALOG zu ermöglichen. Dieses intertextuelle Feld sollte gleichzeitig zum Weiterschreiben und Kommentieren des Gelesenen animieren. Ergänzt wird der Text-PooL durch ein Archiv von Computergrafiken, zum Teil animiert, die während des Festivals produziert wurden.
Langfristig gesehen, planen wir ein BILD/TEXT-Archiv zur Medienkunst, das über ein offenes Hypertext-System im Netzwerk betrieben wird und interressierten Usern als Produktions- und Kommunikationsinstrument dient.
Die nächsten Ereignisse, an denen wir teilnehmen:
Europäisches Medienkunstfestival Osnabrück (6.-10. September 1989)
Ars Electronica, Festival für Kunst, Technologie und Gesellschaft, Linz, Österreich (13.-16.September 1989)
(..dieses Jahr unter dem Thema "IM NETZ DER SYSTEME")
ConnectIT.

Schnipsel erweiterung sinne?


Alles kann mit allem verbunden werden, oder ...
Praktizieren
Praxis, ja was ist Praxis. Darüber zerbrechen sich die Systemphilospohen schon immer die Köpfe. Eine Utopie der Praxis nicht entfremdeten Lebens ist sicherlich Marxens Beschreibung: ... morgens fischen, mittags schlafen, abend philosophieren ...
Dieses Manual stellt ein ´Glossar voller Tätigkeiten' zur Verfügung, das jeden Leser zu einem Täter machen will / kann. AM Anfang war (wohl kaum) das Wort ... aktiv in den 'schönen digitalen Schein' der Informationsverarbeitung einzugreifen.
Während alle Autoren in 'technische Autoren' umgeschult werden, kann sich auch der Leser nicht mehr auf den Lorbeere seiner Reader-Response-Schlaffheit ausruhen, sonder muß in den Informationskrieg eingreifen:
... daß wir teilweile ganz naiv Operationen technologischer Kommunikation wie poetologsiche Praktiken behandeln, ist ein rhetorischer Trick. Wir wollen dadurch den Eindruck erwecken, die Computer ließen sich als ein dekonstruktivistischer Baukasten von Werkzeugen benutzen, in diesem Gebrauch der Informationstechnologie gingen alle Utopien des Strukturalismus etc. ... in Erfüllung.
Aber was kann man nicht alles auf dem Papier entwerfen! Wir haben es satt, immer nur nach (literarischen) Vorläufern neuer Technologien zu suchen (die immateriellen Schreibweisen zu erden ... )
Was sind die Medien überhaupt?
Doch keine Erweiterung der Sinne ...


[1] (artware/Medienzentren) als hîchste Form des Medienkitsches (nachgeäffte Picassos/ Mondrians/ Cocteaus/ Muybridges.. bzw. digitales Hobbymalen am Computer)
[2] V. FLusser, Ins Universum der technischen Bilder
[3] V. FLusser, Ins Universum der technischen Bilder
[4] EIS = Elektronisches Invasionsabwehr-System
[5] William Gibson, Cyberspace
[6] "Der Rundfunk ist von einem Distributionsapparat in einen Kommunikationsapparat zu verwandeln. Der Rundfunk wäre der denkbar gro·artigste Kommuniaktionsapparat des îffentliches Lebens, ein ungeheures Kanalsystem, das hei·t er wäre es, wenn er es verstÅnde, nicht nur auszusenden, sondern auch zu empfangen, also den Zuhîrer nicht nur zu hîren, sondern auch sprechend zu machen und ihn nicht zu isolieren, sondern ihn in Beziehung zu setzen."
[7] "BÅndel" = "fasces"(V.Flusser)
[8] In der Enzyklopädie gibt es Inhalts-Themenbezogene ("solche auf Sachen") und Sprachbezogene("solche auf Wîrter"). Während die ersteren Zusammenhänge mit angrenzenden Gegenständen SACHLICH erläutern, ruft die Begriffsarbeit ähnliche PRINZIPIEN in Erinnerung. Durch diese Methode ist offene ANFECHTUNG, WIDERLEGUNG, LéCHERLICH MACHEN dem Leser ermîglicht durch das Verfahren der KOPPLUNG - der Herstellung von BezÅgen und Analogien. Durch die Kunst des Wechselspiels von Bestätigung und Widerlegung gewinnt das Projekt der Enzyklopädie fÅr seine Organisatoren seine "innere Stärke" und seine Sprengkraft: "Dieser Charakter zielt auf eine énderung der herkîmmlichen Denkweise ab."
Diderot/d´Alembert, Enzyklopädie, 1751
[9] F. Kittler, Alan Turing, Intelligence Service
[10] I.Calvino, Kybernetik und Gespenster


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