1000 Add 1 Frame - medien-mini-dramen
(Europäisches Medienkunstfestival Osnabrück 1993-94:
Workshops, künstlerische Projektleitung, CD-ROM-Gestaltung)
Pool-Processing
Von Heiko Idensen und Matthias Krohn
Während
der Markt digitaler multimedialer Kulturträger von einer Unmenge
verschiedener - größtenteils konkurrierender - Standards und
Medien-Integrationskonzepten überschwemmt wird, scheint sich die Schere
zwischen privatem Konsum (CDs, Kabel-TV, Spiele...) und öffentlichen
Medien-Kulturräumen (Mailboxen, Medienzentren und -Festivals...) immer
mehr zu vergrößern. Die Utopie von der Auflösung zentralistisch
ausgerichteter Massenmedien zugunsten persönlicher Meta- und Hypermedien
scheint sich - bis auf autonome Zonen subkultureller telematischer Zirkel oder
institutionalisierter Forscherteams - kaum zu erfüllen ...
Im
Gegensatz zur medialen Aufbruchsstimmung der 70er Jahre (Medieninitiativen,
Videogruppen ...) scheinen vergleichbare soziale Felder zu fehlen, in denen die
vielbeschworene digitale Revolution ihre soziale Wirksamkeit entfalten kann.
Die apparativen Voraussetzungen für einen digital vernetzen Verbund der
verschiedensten Medien (Schreiboberflächen, Telefon, Television, Video-
und Audiogeräten, Computern ...) sind zwar gegeben, haben aber - jenseits
von pragmatischen Optimierungs- und Rationalisierungsschüben - noch nicht
zu einer breit angelegten vernetzen Kulturtechnik geführt, die die
technischen Möglichkeiten auch in entsprechende (syn-) ästhetische
Handlungen und Produktionsweisen übertragen kann.
Zunächst
scheinen gerade die Hypermedien die postmoderne Zerstreuung von
Erzählungen und Aussagen in allerkleinste Partikel voranzutreiben. Die
zwischen einzelnen (Daten-)Sätzen, zwischen unverbundenen
Bilderströmen, zwischen den Interaktionsreizen des Gameboys ...
herrschende Leere wird aber gerade zum entscheidenden Ort kultureller
Transformationen: Erfindung vernetzter Interfaces, neuer Anordnungen und
Sichtweisen von Daten durch ständig aktualisierte, situative, noch nie
dagewesene Verknüpfungen, das Einlassen auf extensive Interaktionsprozesse
... sind grundlegende Operationen hypermedialer Kultur.
Damit
verlagert sich der Ort der Wissens- und Kulturproduktion in externalisierte
Netzwerke verschiedenster Medienkonfigurationen. Es gibt nicht mehr die
'klassische' (manipulierte oder zu mobilisierende) Öffentlichkeit - die
Frage nach den Medien-Schaltungen, nach Vernetzung, Verkettung und
Verknüpfung der im Netz zirkulierenden 'Ladungen' (Mischungen aus Texten,
Bildern, Tönen, Interaktionen ...) wird entscheidend für eine
tele-politische Kultur.
Die
Initiative Shared Screen Projections will die neuen Speicher-,
und Interfacetechnologien in kooperativen Austauschprozessen öffentlich
zugänglich und künstlerisch benutzbar machen.
Als ein CD-Rom-Publikations-Projekt mit wechselnder Herausgeberschaft,
begleitenden Workshops und Ausschreibungen für das EUROPEAN MEDIA ART
FESTIVAL 1994 soll "1000 Add 1 Frame" dazu anstiften, die
Verteilungskanäle und Marktstrategien digitaler Kulturproduktion nicht nur
den großen Verlagen und "Medieninhabern" zu überlassen, sondern
(analog zur Vernetzung der Video-Produzenten über das Video-Kunstmagazin
INFERMENTAL) hypermediale ästhetische Produktionsweisen
(Veränderbarkeit, Kontextualisierung, Verknüpfung und Vernetzung)
anzuregen und gleichzeitig alternative Verbreitungs- und
Zugangsmöglichkeiten digitaler Medienkunst auszuprobieren ...
Workshop
Die bisher verfügbaren CD-Roms haben entweder starken Material-Charakter (indem sie Bilder, Töne, Sequenzen, Schriften, Programme ... zum Gebrauch bereitstellen - eine Fortsetzung der Public-Domain-Idee) oder lexikalischen bzw. Archiv-Charakter (die Utopie einer elektronischen Enzyklopädie) oder sie stellen eine bloße Transformation aus einem anderen Medium dar (Beatles Filme, Video-Clips, Reiseführer). Künstlerische Arbeiten, die direkt auf das Medium Computer und die Bildschirmoberfläche hin produziert worden sind, finden sich noch selten - zumeist verstreut auf CD-Rom Zeitschriften oder Demo-Kompilationen.
m
Kontext des Projekts 1000 Add 1 Frame: medien-mini-dramen soll
zunächst ein Überblick über die aktuelle CD-ROM Produktion
gegeben werden (aus den verschiedensten Gebieten, mit Schwerpunkt auf
künstlerisch-experimentelle Arbeiten). Im Anschluß werden
grundsätzliche hypermediale Produktionsmittel in Anwendungsbeispielen
vorgestellt. Video- und Sound-Digitizer und vor allem Hyper-Text und
Hyper-Media-Editoren zur Verknüpfung der verschiedenen
Medienströme.
Auf der Basis von "Quicktime" und "Video for Windows" werden dann im Laufe des
Festivals in Arbeitsgruppen verschiedene Entwürfe für die
CD-ROM-Produktion des EMAF 94 vorbereitet: Ausschnitte aus Videos,
digitalisierte Sequenzen von Installationen, Einzelbildsequenzen,
Interaktionen, Interviews...
Es geht nicht um ein reines "Design" medialer Oberflächen oder um
Verbraucherschulung, sondern um die Entwicklung von Medienkompetenzen und
ästhetischen Gebrauchsweisen der Hypermedien.
Was
ist das Schicksal der Bilder, Sequenzen und Töne in der Medienintegration?
Werden sie als briefmarkengroße 'Kurzfilme', als Bild-Schirm-Schoner im
Hintergrund alltäglicher Anwendungen enden? ... wenn man die
Copyright-Bestimmungen der CD-Roms anschaut, bekommt man eine Ahnung davon,
daß noch mehr möglich sein muß!
(Unter anderem) sind folgende Gebrauchsweisen mit Materialien von CD-Roms
ausdrücklich verboten: kopieren, dublizieren, reproduzieren, transferieren
(auf ein anderes Trägermedium), dekompilieren, umkehren oder 'umdrehen' -
in eine andere, vom Menschen wahrnehmbare Form bringen, ... modifizieren,
vermieten, verleihen oder gar eigene Arbeiten aus Teilen dieses Materials
abzuleiten ...
Für die Shared Screen Projections sollen diese
Operationen gerade erlaubt und sogar unterstützt werden. Verteilte
Urherberschaft, verteilte Produktion und Rezeption. Gerade das Hin- und
Herschalten zwischen verschiedensten Genres und Produktionsweisen soll
unterstützt werden ... Die hypermedialen mini-dramen werden - das
wird allein schon durch technische Parameter wie Größe,
Auflösung, Länge, Farbtiefe etc. deutlich - wohl kaum in direkter
Konkurrenz zu Film, TV, HDTV, VHS-VIDEO etc. treten, sondern grundsätzlich
einen anderen Gebrauch von Material, Zeit, Kompression, Interaktion ...
einleiten.
Eine Poesie digitaler Medienströme kann (nur) von allen gemacht werden,
nicht von wenigen Spezialisten!
connect it!
(In Kooperation mit dem Institut für Audiovisuelle medien (A.M.I.),
Universität Hildesheim)