oder:
von Heiko Idensen gerettete Archivdateien[1]
nach einem Systemabsturz[2]
[1] Ossi Wiener leitet den fulminanten
15-seitigen Index, der als intertextuelles Quellenarchiv fungiert, zu seinem
Roman "Die Verbesserung von Mitteleuropa, Roman" mit folgender literarischer
Speicherutopie ein: "literaturhinweise: das folgende ist eine
zusammenstellung von schriften, auf die ich mich im verlaufe des vorliegenden
bandes ausdrücklich oder stillschweigend bezogen habe; ich verzeichne auch
bücher, deren kenntnis nichts weiter als einen generellen hintergrund
besorgt; bücher aus den sektoren kunst, mode, architektur und musik habe
ich mit wenigen ausnahmen nicht aufgenommen, und die internationalen
'klassiker', deren kenntnis man bei jedem einigermassen gebildeten voraussetzen
kann, habe ich gestrichen. ich hatte gute lust, auch eine liste sonstiger
quellen beizugeben - habe in der tat auch schon begonnen, sie zusammenzutragen
(schaufenster, gespräche, landschaften, daten, gesichter, pornografische
photos, zufälle, schallplatten, filme) - doch musste ich vor der
fülle aufgeben." (Oswald Wiener: Die Verbesserung von Mitteleuropa, Roman,
Reinbeck bei Hamburg 1969, S.CXCIII) Statt der schon lange angekündigten
"Poetik des wissenschaftlichen Zeitalters" erscheint dann unter dem Pseudonym
Evo Präkogler eine literarische Abrechnung mit der künstlichen
Intelligenzforschung, die sich in der Herausgeberfiktion auch der
Speicherfunktionen des Aufschreibesystems Computer selbst bedient: ein Beamter
der Ministeriums für Öffentlichkeitsarbeit entdeckt auf zwei
Disketten die Datei "Prekog.BAK" von unbekannter Herkunft, die er hiermit
unredigiert vorlegt und um einige Anmerkungen erweitert. Der Held des Romans
ist seines Kurzzeitgedächtnisses beraubt - und kann so zum idealen Medium
frei flottierender Textfragmente werden, wobei ihm schließlich die
Erkenntnis nicht erspart bleibt, daß er selbst eine Simulation ist, ein
'bioadapter', der nur über mediale und medizinische Prothesen wahrnimmt.
Weh dem, der Symbole sieht oder dem, der auf den Gedanken kommt, er laufe auf
einem Computer! (Evo Präkogler (Hg.): Nicht schon wieder...! Eine auf
einer Floppy gefundene Datei, München 1990.
[2] Zum Glück gibt es Sicherheitskopien,
CD-Rom-Archive, in Netzwerken zirkulierende Texte und (zur Not) doch
zwischendurch immer wieder mal ausgedruckte oder anderweitig
veröffentlichte Texte, so daß ein Autor selbst nach einer totalen
Löschung all seiner jemals geschriebenen oder abgeschriebenen Texte doch
immer wieder durch umfangreiche Suchoperationen oder schlimmstenfalls durch
Einscannen mit Texterkennung die Texte sozusagen re-importieren kann auf seine
heimische Festplatte. Da jeder beliebige Leser dieses auch tun kann, verwischen
sowohl die Grenzen zwischen Autor und Leser, als auch zwischen den
verschiedenen Texten. Die Autorenfiktion Heiko Idensen scheint allerdings die
Speicher- und Übertragungstechnologien digitaler Text-Universen geradezu
auszunutzen für die Textgeneration, -Kompilation und die rhetorische
Strukturierung von ihm angestifteter Hypertexte: scheinbares Einnehmen der
Leser-Rolle, lexikalische Anordnungen, Spiel mit Fußnoten und Verweisen,
Scheindialoge mit Suchmaschinen, Auslesen von Cache-Dateien,
Science-Fiction-Zwischentexte gehören genauso zu den ver- und entwendeten
"Netzwerk-Kulturtechiken" wie die Simulation von Dialog-Generatoren oder das
Experimentieren mit Kommentar-Techniken, die auch möglichst an die Leser
zum Gebrauch weitergegeben werden, z.b. über WWW-Seiten, zu denen online
weitere Anmerkungen von den Lesern hinzugefügt werden können. Siehe:
Text-Netz-Werke & Hypertextarchiv (Heiko Idensen)