"Die Aura späterer Zitate ist der Urszene der Mnemotechnik schon in der
Simonides-Geschichte eigen [...]: besagter Simonides, der [...] die ars
memoria erfunden haben soll, überlebt den Einsturz einer Festhalle, in
der er eben noch zur Feier des Tages ein Gedicht vorgetragen hat. Weil der
Gastgeber und seine Verwandten bis zur Unkenntlichkeit entstellt sind, wird
ihre Identifizierung nötig. Das individuelle Begräbnis der Toten
[...] ist der tiefsinnige Anlaß der mnemotechnischen Übung, die
einzig der Dichter mit seiner Routine im Memorieren von Texten zu vollbringen
weiß. Er allein weiß sich die Sitzordnung zu vergegenwärtigen
- eine banale Leistung, wie es scheint, und Ciceros Antonius referiert sie
allein der Pointe wegen, daß es bei der rhetorischen memoria am
meisten auf die Ordnung der Dinge ankomme."[5]
Die Kulturrevolution im Zuge der Durchsetzung des Buchdrucks im frühen
modernen Europa stellt die Geschichte der kulturellen Speichertechnologien auf
eine neue Basis und trägt zu einer breiteren Streuung von
Wissensformationen bei. Literatur ist nicht mehr nur konstitutiv auf das
deponierte Wissen von Archiven bezogen, sondern: In jedem dicken Buch
steckt ein dünnes, das heraus will. D.h. Wissen wird zu einer
handwerklich-industriellen und allgemein zugänglichen wissenschaftlichen
Praxis:
[5] Berichtet nach: Anselm Haverkamp:
Auswendigkeit. Das Gedächtnis der Rhetorik, in: Anselm Haverkamp und
Renate Lachmann: Gedächtniskunst. Raum - Bild - Schrift. Studien zur
Mnemotechnik, Frankfurt am Main 1991, S. 25-52, hier S. 25-26
[6] Gerade die Tafeln und Abbildungen der
Enzyklopädie setzen neue Standards im Wissensdesign und tragen wesentlich
zur praktischen Umsetzung und Anwendung des Wissens - vor allem in den
Bereichen Handwerk, Kunst und Buchdruck bei.
Von den insgesamt fünfunddreißig Bänden sind allein zwölf
Bände den Tafeln und Abbildungen gewidmet, zwei Registerbände
verzeichnen Schlagworte, Wissensgebiete und Stichworte. Auch die Zeichnungen
und Tafeln sind in das komplexe Verweissystem einbezogen, indem sie einerseits
bestimmte Zusammenhänge und Mechanismen darstellen, Details am Rande
erklären - und gleichzeitig Verweise auf übergreifende Artikel
enthalten, die diese Einzelfunktionen wiederum in einen größeren
Zusammenhang stellen. Die enzyklopädische Montage zeigt Querschnitte durch
Maschinen und Arbeitsvorgänge, breitet die einzenen Objekte vor dem Leser
so aus, daß dieser diese wieder zum eigenen Gebrauch zusammensetzen kann.
Als großangelegtes erstes kapitalistisches Buchprojekt beinhaltet sie
gleichzeitig Gebrauchsanweisungen zur Buch-Herstellung (von der
Papierproduktion über das Setzen bis zum Druck).