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ARCHIVX003: DIE GEBURT DER GEDäCHTNISKUNST AUS EINER KATASTROPHE (556 V.U.ZT.)

"Die Aura späterer Zitate ist der Urszene der Mnemotechnik schon in der Simonides-Geschichte eigen [...]: besagter Simonides, der [...] die ars memoria erfunden haben soll, überlebt den Einsturz einer Festhalle, in der er eben noch zur Feier des Tages ein Gedicht vorgetragen hat. Weil der Gastgeber und seine Verwandten bis zur Unkenntlichkeit entstellt sind, wird ihre Identifizierung nötig. Das individuelle Begräbnis der Toten [...] ist der tiefsinnige Anlaß der mnemotechnischen Übung, die einzig der Dichter mit seiner Routine im Memorieren von Texten zu vollbringen weiß. Er allein weiß sich die Sitzordnung zu vergegenwärtigen - eine banale Leistung, wie es scheint, und Ciceros Antonius referiert sie allein der Pointe wegen, daß es bei der rhetorischen memoria am meisten auf die Ordnung der Dinge ankomme."[5]
Die Kulturrevolution im Zuge der Durchsetzung des Buchdrucks im frühen modernen Europa stellt die Geschichte der kulturellen Speichertechnologien auf eine neue Basis und trägt zu einer breiteren Streuung von Wissensformationen bei. Literatur ist nicht mehr nur konstitutiv auf das deponierte Wissen von Archiven bezogen, sondern: In jedem dicken Buch steckt ein dünnes, das heraus will. D.h. Wissen wird zu einer handwerklich-industriellen und allgemein zugänglichen wissenschaftlichen Praxis:

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[5] Berichtet nach: Anselm Haverkamp: Auswendigkeit. Das Gedächtnis der Rhetorik, in: Anselm Haverkamp und Renate Lachmann: Gedächtniskunst. Raum - Bild - Schrift. Studien zur Mnemotechnik, Frankfurt am Main 1991, S. 25-52, hier S. 25-26
[6] Gerade die Tafeln und Abbildungen der Enzyklopädie setzen neue Standards im Wissensdesign und tragen wesentlich zur praktischen Umsetzung und Anwendung des Wissens - vor allem in den Bereichen Handwerk, Kunst und Buchdruck bei.
Von den insgesamt fünfunddreißig Bänden sind allein zwölf Bände den Tafeln und Abbildungen gewidmet, zwei Registerbände verzeichnen Schlagworte, Wissensgebiete und Stichworte. Auch die Zeichnungen und Tafeln sind in das komplexe Verweissystem einbezogen, indem sie einerseits bestimmte Zusammenhänge und Mechanismen darstellen, Details am Rande erklären - und gleichzeitig Verweise auf übergreifende Artikel enthalten, die diese Einzelfunktionen wiederum in einen größeren Zusammenhang stellen. Die enzyklopädische Montage zeigt Querschnitte durch Maschinen und Arbeitsvorgänge, breitet die einzenen Objekte vor dem Leser so aus, daß dieser diese wieder zum eigenen Gebrauch zusammensetzen kann. Als großangelegtes erstes kapitalistisches Buchprojekt beinhaltet sie gleichzeitig Gebrauchsanweisungen zur Buch-Herstellung (von der Papierproduktion über das Setzen bis zum Druck).


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