Als Denis Diderot und Jean Le Rond d'Alembert am Vorabend der
französischen Revolution mit dem Projekt Enzyklopädie ein
universelles Wörterbuch der schönen und mechanischen Künste
zusammentragen, ist dieses Unternehmen nur als ein kooperatives Schreibprojekt
unterschiedlichster Experten zu bewerkstelligen. Die Vernetzung der einzelnen -
alphabetisch geordneten Wissensbausteine - geschieht über die Darstellung
eines Wissensbaumes[7], der die 'Weltkarte des
Wissens' im Überblick darstellt und somit Hierarchien, Verzweigungen und
Kontexte deutlich macht.
Im Gegensatz zum linearen Lesen arbeitet man sich durch die Enzyklopädie
mittels sachbezogener, struktureller und sprachlicher Verweise. Der Leser kann
selbst - unterstützt durch Karte und alphabetische Register - eigene
Wissenspfade abschreiten.
Das Pariser Parlament bezieht sich in seinem Verbot der Enzyklopädie 1759
explizit auf die subversive Funktion der Querverweise: "[...] das ganze in
diesem Wörterbuch verstreute Gift findet sich in den Verweisen."[8]
Experimente mit Text-Strukturen und mehrdimensionale Visualisierungen des
Schreibraumes hat es aber jenseits der linearen abendländischen Buchform
auch in der Literatur schon in den verschiedensten Ausformungen gegeben:
drehbare Scheiben für kombinatorische Sprachspiele (Raimundus Lullus),
ausfaltbare Randbemerkungen (die Paperassen von Marcel Proust) oder
Zettelkästen als Textdatenbanken (Arno Schmidt, Niklas Luhmann). Auch
für eine produktive Rezeption moderner offener Kunstwerke mußten
Konzept, Geräte und Apperaturen gefunden werden ...
[7] Ein Ausschnitt aus dem antiken Druck zum
Wissensbaum findet sich in der Imaginären Bibliothek (wie Anm.3).
Eine Transkription des Schematas in Jean Le Rond d'Alembert, Denis Diderot
u.a.: Enzyklopädie. Eine Auswahl, Frankfurt am Main 1989, S. 28-29).
[8] Mit Verweisen von einem Band zu einem (erst
später erscheinenden) anderen wurde die Zensur geschickt umgangen, etwa im
berühmt gewordenen Verweis von 'Menschenfresser' (Anthropophages) im
ersten Band auf die Begriffe 'Kommunion' und 'Eucharistie' oder vom orthodox
gehaltenen Artikel 'Jesus Christus ' auf den eher ketzerischen Eintrag
unter 'Eklektizismus ' (s.a. Enzyklopädie, S. 20 ff. - wie Anm.6)