"Wie bekannt entwickeln Kulturen unterschiedliche 'Gedächtnisverfahren'
(z.B. Bibliotheken oder Mediotheken[13]);
vielleicht könnte man einmal genauer der Frage nachgehen, ob kulturelle
Gedächtnisverfahren gerade deshalb in Form von Speichern bzw. Daten
organisiert sind, weil das menschliche Gedächtnis gerade nicht als
Bibliothek und Erinnerung gerade nicht als Abruf aus einer Datenbank
funktionieren, während bis heute meist eine topologische und funktionale
Äquivalenz zwischen Gedächtnis/Erinnerung und kulturellen
Speicherprozessen unterstellt wird. Und schließlich wäre auch einmal
genauer zu klären, welche strukturellen und prozessualen Äquivalenzen
zwischen Erinnern und Lesen bestehen - etwa im Unterschied zur Rezeption
audio-visueller Medienangebote. [...]
Die ehrwürdige und bis heute weitverbreitete Vorstellung von
Bedeutungsspeicherung in Texten und dem Bedeutungstransport durch Texte bzw.
andere Dokumente ist heute theoretisch wie empirisch kaum zu verteidigen. [...]
Texte und Dokumente sind [...] keine Bedeutungsspeicher, sondern Anlässe
für subjektgebundene semantische Operationen, für nachdenken und
Erinnern. Sie bieten Anlässe, Wahrnehmungen und Erfahrungen zu
objektivieren und weitere Wahrnehmungen und Erfahrungen daran
anzuschließen."[14]
[13]Vgl. zu diesem Komplex den äußerst
lesenswerten Studienbrief "Das Gestern im Heute. Medien und soziales
Gedächtnis" von A. & J. Assmann (Funkkolleg Medien und
Kommunikation, Studienbrief 5, Weinheim/Basel 1990. S. 41-82).
[14] Siegfried J. Schmidt: Gedächnis -
Erzählen - Identität, in: Aleida Assmann und Dietrich Harth (Hg.):
Mnemosyne. Formen und Funktionen der kultureller Erinnerung, Frankfurt am Main
1991, S. 378-397, hier: S. 390,391