Die Wissensarchitekturen von Bibliotheken, Universitäten, Konferenzen,
persönlichen Bücherregalen, Schreibtischen, Buchhandlungen,
Zeitschriften ... lassen sich - mehr oder weniger komfortabel - direkt auf dem
Bildschirm realisieren.
Während sich die Gedankenbilder der Moderne noch hauptsächlich auf
den Oberflächen von Buchseiten[15]
vollzogen, spielen sich postmoderne Denk-, Forschungs- und Einbildungsprozesse
direkt auf oder vor Monitoren ab - und die 'Literatur' des
Informationszeitalters wird zu einem Netzwerk untereinander verknüpfter
Dateien.
In der Druckkultur blieben die produktiven Momente der Entstehung von neuen
Text-Kompilaten, Versionen und Konstellationen ein Privileg der Schreiber - die
virtuell 'online' mit der Literatur, der Wissenschaft, dem kollektiven
Gedächtnis waren. Online-Texte glänzen weniger durch
stilistische und rhetorische Figuren oder den Gebrauch metaphorischer
Formulierungen, sondern eher durch kontextbezogene Aktivitäten, Hin- und
Herschalten zwischen verschiedenen Ebenen, Querverbindungen, Schnelligkeit des
Austausches - sie thematisieren den Raum zwischen verschiedenen Text-Fragmenten
- inszenieren und bearbeiten intertextuelle Strukturen.
Als Modell für Hypertext Entwicklungen hat Nelsons frühe Vision des
universellen und offenen online Informationsnetzwerks "XANADU"[16] die entscheidenden Paradigmen[17] bereitgestellt: Verknüpfung einer Vielzahl von
Dokumenten in einem verteilten Netzwerk zu einem globalen Metadokument,
Multimedialität, objektorientierte Zugriffsweisen ...
Die Entwickler des WWW beziehen sich in vielfacher Weise auf Nelsons
Entwürfe, während dieser allerdings in der Manier des verkannten
Genies jegliche Ähnlichkeit zwischen dem WWW und seinen
Docuverse-Entwürfen abstreitet.
Die thematischen Gliederungen von Suchmaschinen im WWW oder aber spezielle
thematische Indexverzeichnisse behandeln das 'ganze Web' als ein
weltumspannendes Archiv, das es nur gilt zu durchsuchen bzw. die Informationen
entsprechend aufzubereiten.
Geschichte ist immer aus der Sicht der Seßhaften geschrieben ... Die
Generationslisten des alten Testaments sind hierarchische Stammbäume, die
ein lineares Geschichtsbild mit sich fortpfanzenden Machtstrukturen
konstituieren. Wie lassen sich aber die kleinen vielfach verschlungenen
Biographien, die radikalen Fluchtlinien, Utopien. Leidenschaften, private
Obsessionen ... erzählen, ohne auf die großen Erzählungen
zurückzugreifen? Aufbrechen, sich davonmachen, den Horizont
überschreiten, abreisen ...
[15] Die aufkommenden technischen Medien
beflügelten die Literatur seit der Jahrhunderwende und führten zu
einer Reflektion medialer Auflösungserscheinungen in der Literatur
(Futurismus, Noveau Roman, James Joyce). "Das Wort Aufschreibesystem [...] kann
auch das Netzwerk von Techniken und Institutionen bezeichnen, die einer
gegebenen Kultur die Entnahme, Speicherung und Verarbeitung relevanter Daten
erlauben. [...] Nun sind zwar alle Bibliotheken Aufschreibesysteme, aber nicht
alle Aufschreibesysteme Bücher. [...] Archäologien der Gegenwart
müssen auch Datenspeicherung, -übertragung und-berechnung in
technischen Medien zur Kenntnis nehmen." Friedrich Kittler: Aufschreibesysteme
1800/1900, München 1987, S.429
[16] Xanadu home page
mit
einer Vielzahl von Links und einer kompletten Bibliographie Nelsons.
Weiterführende Links zu Ted Nelsons
Docuverse-Konzept (Auf der CD-ROM)
[17] WWW Paradigma
WEB Publishing Paradigms by Tim Guay (Auf der CD-ROM)
Hier
findet sich ein sehr fundierter Überblick über die historischen
Entwicklungen des Web-Konzepts aus den verschiedensten Quellen - (Bush, Nelson,
Engelbart, CERN) nebst medientheoretischen Hintergrund (Mc Luhan, Landow).
siehe auch:
Tim Berners-Lee: Ted Nelson and Xanadu