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ARCHIVX011: DOCUVERSE-WWW (1991)

Die Wissensarchitekturen von Bibliotheken, Universitäten, Konferenzen, persönlichen Bücherregalen, Schreibtischen, Buchhandlungen, Zeitschriften ... lassen sich - mehr oder weniger komfortabel - direkt auf dem Bildschirm realisieren.
Während sich die Gedankenbilder der Moderne noch hauptsächlich auf den Oberflächen von Buchseiten[15] vollzogen, spielen sich postmoderne Denk-, Forschungs- und Einbildungsprozesse direkt auf oder vor Monitoren ab - und die 'Literatur' des Informationszeitalters wird zu einem Netzwerk untereinander verknüpfter Dateien.
In der Druckkultur blieben die produktiven Momente der Entstehung von neuen Text-Kompilaten, Versionen und Konstellationen ein Privileg der Schreiber - die virtuell 'online' mit der Literatur, der Wissenschaft, dem kollektiven Gedächtnis waren. Online-Texte glänzen weniger durch stilistische und rhetorische Figuren oder den Gebrauch metaphorischer Formulierungen, sondern eher durch kontextbezogene Aktivitäten, Hin- und Herschalten zwischen verschiedenen Ebenen, Querverbindungen, Schnelligkeit des Austausches - sie thematisieren den Raum zwischen verschiedenen Text-Fragmenten - inszenieren und bearbeiten intertextuelle Strukturen.
Als Modell für Hypertext Entwicklungen hat Nelsons frühe Vision des universellen und offenen online Informationsnetzwerks "XANADU"[16] die entscheidenden Paradigmen[17] bereitgestellt: Verknüpfung einer Vielzahl von Dokumenten in einem verteilten Netzwerk zu einem globalen Metadokument, Multimedialität, objektorientierte Zugriffsweisen ...
Die Entwickler des WWW beziehen sich in vielfacher Weise auf Nelsons Entwürfe, während dieser allerdings in der Manier des verkannten Genies jegliche Ähnlichkeit zwischen dem WWW und seinen Docuverse-Entwürfen abstreitet.
Die thematischen Gliederungen von Suchmaschinen im WWW oder aber spezielle thematische Indexverzeichnisse behandeln das 'ganze Web' als ein weltumspannendes Archiv, das es nur gilt zu durchsuchen bzw. die Informationen entsprechend aufzubereiten.
Geschichte ist immer aus der Sicht der Seßhaften geschrieben ... Die Generationslisten des alten Testaments sind hierarchische Stammbäume, die ein lineares Geschichtsbild mit sich fortpfanzenden Machtstrukturen konstituieren. Wie lassen sich aber die kleinen vielfach verschlungenen Biographien, die radikalen Fluchtlinien, Utopien. Leidenschaften, private Obsessionen ... erzählen, ohne auf die großen Erzählungen zurückzugreifen? Aufbrechen, sich davonmachen, den Horizont überschreiten, abreisen ...


[15] Die aufkommenden technischen Medien beflügelten die Literatur seit der Jahrhunderwende und führten zu einer Reflektion medialer Auflösungserscheinungen in der Literatur (Futurismus, Noveau Roman, James Joyce). "Das Wort Aufschreibesystem [...] kann auch das Netzwerk von Techniken und Institutionen bezeichnen, die einer gegebenen Kultur die Entnahme, Speicherung und Verarbeitung relevanter Daten erlauben. [...] Nun sind zwar alle Bibliotheken Aufschreibesysteme, aber nicht alle Aufschreibesysteme Bücher. [...] Archäologien der Gegenwart müssen auch Datenspeicherung, -übertragung und-berechnung in technischen Medien zur Kenntnis nehmen." Friedrich Kittler: Aufschreibesysteme 1800/1900, München 1987, S.429
[16] Xanadu home page
mit einer Vielzahl von Links und einer kompletten Bibliographie Nelsons.

Weiterführende Links zu Ted Nelsons Docuverse-Konzept (Auf der CD-ROM)

[17] WWW Paradigma
WEB Publishing Paradigms by Tim Guay (Auf der CD-ROM)
Hier findet sich ein sehr fundierter Überblick über die historischen Entwicklungen des Web-Konzepts aus den verschiedensten Quellen - (Bush, Nelson, Engelbart, CERN) nebst medientheoretischen Hintergrund (Mc Luhan, Landow).
siehe auch:
Tim Berners-Lee: Ted Nelson and Xanadu


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