Der Musiker Arnold Dreyblatt benutzt eine in einem Antiquariat in Istanbul
gefundene Enzyklopädie "Who is Who in Eastern Europe 1933" als
'Steinbruch' für Hypertext-Opern, Performances, Installationen und
Buch-Projekte[18]:
Dieses Archiv des kollektiven Gedächtnisses - die gesammelten
Lebensläufe von Künstlern, Wissenschaftlern, Politikern
osteuropäisher (größtenteils jüdischer) Herkunft in einem
historischen Moment belichtet (Wien 1933) kurz vor deren massenhaften
Vernichtung durch den Faschismus: so finden sich Ausschnitte aus den
Lebensläufen unter Schlagworten wie "Musik", "Oper", "Kunst", "Vergessene
Provinzen", "Untergrundarbeit", "Individuelle Philosophien" etc. wieder. Lesen
und Schreiben vollzieht sich in diesem immer wieder aktualisierten
Gedächtnisraum als ein Reisen ("Navigieren") von einem Lebenslauf zum
anderen. Die antike Lehre von den Gedächtnisorten erfährt hier eine
sinnliche und narrative ästhetische Ausformung: Die Geschichten
kollektiver Erinnerungen können nicht mehr linear erzählt werden. Was
(er)zählt sind die Ensembles und Plateaus von Momentaufnahmen.
Zwischenräume, Markierungen, Wegkreuzungen, an denen sich etwas ereignet,
Verzweigungen passieren.
Wem gehörren die Spuren und Überreste sozialer Bewegungen? Wie
lassen sich Revolten, Revolutionen und subkulturelle Einbrüche
aufzeichnen, dokumentieren und vermitteln?
[18] Arnold Dreyblatt: Who's Who in Central and
East Europe 1933. Eine Reise in den Text, Berlin 1995;
Arnold Dreyblatt: Memory Arena