Über Hypertext wird gerne gesagt, daß der Leser bei ihnen mehr
Freiheit hat und daß ein Teil der Autorenrolle vom Schriftsteller an den
User übergeht. Mir kommt es dagegen so vor, als ob der Autor bei
Hypertexten eigentlich noch viel mehr Kontrolle über den Leser hat, als
bei einem konventionellen Text, bei dem ich trotz seiner Linearität selbst
entscheiden kann, wie ich mich durch den Text bewege und zum Beispiel mit den
Gedanken abschweifen kann...
Das ist der härteste Vorwurf gegen den Hypertext: daß er die assoziative Struktur eines Textes veräußerlicht und die Imaginationen des Lesers, die zum Beispiel durch metaphorische Verweise angeregt wird, nicht zuläßt. Daß Lesen eine Art Zappen ist, wo man nur noch Links folgt, und weder Erkenntnisgewinn noch ästhetische Lust dabei ist.
Aber
solche Vorwürfe hat es schon viel früher gegeben. Schon bei Plato
heißt es ja, daß die Schrift ein Medium des Vergessens ist. Das
Ideal des Redners ist es, frei zu sprechen. Alles andere ist zu verdammen, weil
es bloß äußerliche Zeichen sind, die nicht wirklich gelernt
sind. Noch im 15. Jahrhundert gibt es von dem Abt Johannes Trithemius in seiner
berühmten Schrift "Zum Lob der Schreiber" Aussagen, in denen er die
Mönche seines Klosters auffordert, weiter mit der Hand zu schreiben, weil
das gedruckte Wort nicht verkörpert und sich nicht richtig "in die Seele"
einschreibt.
"Anregungen
zur Interaktion hat es in der Literatur auch schon in `Tristam Shandy'
gegeben"
"Ein postzugelassenes Modem hat damals 3500 Mark gekostet"
"Technologisch fängt die Hypertext-Idee nach dem Zweiten Weltkrieg mit der
Umstellung von Kriegswissenschaften zu ziviler Technik an"
"Zum Hypertext gehört auch die Neuerfindung der alten
Gedächtniskünste"
"Wie können wir damit umgehen, wenn die Literatur räumlich wird?"
10.09.98 20:57:22
aus:
Tilman Baumgärtel: "net.art - Kunst im Internet", erscheint Anfang 1999 im
supposé-Verlag, Köln, enthaelt 19 Interviews mit
Netzkünstlern, ein historisch einordnendes Vorwort, Link und
Literaturlisten