Zitatsammlung zu Pierre Lévy: Die Kollektive Intelligenz


2001: Die Odysse des Wissens. hyper/text/science/fiction


"Daten, Texte, Bilder, Klänge, also Botschaften aller Art, werden digitalisiert [...]. Dabei haben die Werkzeuge zur elektronischen Datenverarbeitung schon ihren Sonderstatus innerhalb der Gesamtheit der menschlichen Aktivitäten verloren und sind zu einer Alltäglichkeit geworden. "<7>

Zitat, Collage, Cut-Up (Wer spricht?)

aus: Pierre Lévy: Die Kollektive Intelligenz. Eine Anthropologie des Cyberspace, Mannheim 1997, OT: L' intelligence collective. Pour une anthropologie du cyberspace, Paris 1995

Das Programm (Computer als Theater?)

Experimentelle Schreibweisen haben ebenso wie poetische Verfahren, mediale Interferenzen sowie Konfigurationen schon immer Eingang in die (Medien-) Theorie gefunden: Filmische Schreibweisen (im Noveau Roman), intertextuelle Theorieformen und kollektive Schreibweisen (aus den emanzipatorischen Theorieexperimenten der 60er Jahre) Cut-Up-Techniken (aus der amerikanischen Medientheorie), die verschlungenen Pfade des französischen Post-Strukturalismus ... bis hin zu vernetzten online-Theorieformationen, Theorie-Performances, -Sampling-Sessions ...
Hallo, ich bin Ihr Agent. Was möchten Sie wissen?
Beispiele hypermedial vernetzter Wissensräume aus einer in Arbeit befindlichen CD-ROM zur Erweiterung und Dekonstruktion eines Tagungsbandes (Konfigurationen zwischen Kunst und Medien, Kassel 1997) dramatisieren den Vortrag und werfen zusätzliche Fragen auf:
Was ist das Interface der Theorie?
Womit bildet die Theore ein/aus?
Wer spricht?
(Das Rauschen der Theorie in Netz der Systeme)

Aus Projekten Projektile machen! (Cruise missiles: zu schnell zum Denken der Kritik?)

"Die Menge der in Umlauf befindlichen Botschaften war nie so groß wie heute, aber wir verfügen nur über sehr wenige Instrumente, die uns erlauben würden, die relevanten Informationen herauszufiltern und entsprechend unseren zwangsläufig subjektiven Sichtweisen und Bedürfnissen Bezüge herzustellen, uns also im Fluß der Information zurechtzufinden. Hier ist der Raum des Wissens kein protokollierbarer Gegenstand mehr, sondern wird zum Projekt. Einen Raum des Wissens errichten hieße, sich mit institutionellen, technischen und begrifflichen Instrumenten auszustatten, um Informationen "begehbar" zu machen, so daß sich jeder selbst in diesem neuen Raum lokalisieren kann und die anderen je nach seinen Interessen, Kompetenzen, Plänen, Mitteln und wechselseitigen Identitäten erkennen kann." <25>

Kunst am Netzbau: (Expropriation der Kollaborateure)

"Welchen Zweck sollen also die neuen Kommunikationswerkzeuge erfüllen? Vom sozialen Standpunkt aus gesehen, wäre es sicher am sinnvollsten, Gruppen von Menschen bestimmte Instrumente in die Hand zu geben, mit deren Hilfe sie ihre geistigen Kräfte bündeln und eine kollektive Intelligenz, eine kollektive Einbildungskraft erschaffen können. [...] Nach diesem Ansatz wäre das größte Architekturprojekt des 21. Jahrhunderts die Konstruktion und Einrichtung des interaktiven, sich bewegenden Raums des Cyberspace." <25, 26>

Kleine Werkzeugkiste/Bausteine zu einer Theorie .... (Zum Basteln & Experimentieren)

"Ich bediene mich der Form der erzählenden Darstellung, um einen handlichen Führer für die bereits stattfindenden Veränderungen zu geben, um Hindernisse aufzuspüren und mögliche Richtungen für weitere Erkundungen aufzuzeigen. Ich erheben nicht den Anspruch auf historische oder wissenschaftliche Exaktheit, sondern möchte eine fruchtbare und praktische Auseinandersetzuung initiieren. "<35>

Das Medium ist ... (Cut & beam me up!)

"Das archetypische Medium Schrift hat sich schon seit jeher verschiedenster Montage-, Misch- und Layouttechniken bedient. Ausdrucks- und Kommunikationsformen, die sich in keinster Weise nur auf einige simple Reproduktionen von Sprache beschränken.
Das Digitale hat demnach die Medien schon immer verfolgt, denn es ist Montage schlechthin - eine Montage, die sich auf die allerkleinsten Fragmente der Botschaft bezieht und in ihrer unendlichen Disponibilität für alle Kombinationen, Mischungen und Neuanordnungen der Zeichen offen ist. [...] Das Digitale ermöglicht es, Botschaften zu erzeugen, sie zu bearbeiten und sogar mit ihnen zu interagieren, Informationspartikel um Informationspartikel, Bit um Bit." <59, 60>

Potentielle Textualitäten: (Von Oulipo zu Digipop)

"Bei der trafitionellen schriftlichen Kommunikation werden alle Mittel der Montage im Moment der Ausarbeitung selbst eingesetzt. Sobald der Text einmal gedruckt ist, behält er in seiner Materialität eine gewisse Stabilität - bis sein Sinn vom Leser um- und neugestaltet wird. Der digitale Hypertext automatisiert und materialisiert diese Leseoperationen und erweitert deren Bedeutung ganz beträchtlich. Der für jede Reorganisation offenen Hypertext stellt ein dynamisches Reservoir, eine Matrix dar, von der aus ein durch den Text navigierender Leser oder 'User' sich seinen speziellen Text nach seinen momentanen Bedürfnissen zusammenstellen kann. Datenbanken, Expertensysteme, Kalkulationsprogramme, Hyperdokumente, interaktive Simulationen und andere virtuelle Welten sind potentielle Texte, Bilder, Klänge oder sogar taktile Qualitäten, die in spezifischen Situationen auf tausend verschiedenen Arten aktualisiert werden können. Das Digitale findet damit wieder zurück zur Sensibilität gegenüber dem Kontext, wie sie für körpergebundene Technologien kennzeichnend ist." <60,61>

Der Werbeblock (Where do we go today? nowhere! What we gonna do? Nothing!)

"Dies alles gilt nur, wenn man die Möglichkeiten der Computer voll ausschöpft."<61>

Von der Sinnlichkeit zum Intelligiblen: (Von der Hand in den Mund)

"Bis vor kurzem war die Arbeit des Schreibens sicherlich eines der wirksamsten aller bislang erprobten Mittel, um kollektives Denken zu erzeugen. Das Netz der Bibliotheken registriert die Kreativität und Erfahrung einer Unzahl von toten und lebenden Menschen. Das über Generationen hinweg stattfindende Lesen und Interpretieren hat den zerbrechlichen Faden des Gedächtnisses geknüpft und schlummernde Gedanken wiedererweckt. Übersetzungen, von einer Sprache oder einer Disziplin in die andere, verbinden getrennte Denkräume. Aber die klassische Schrift ist von Natur aus ein statisches, diskontinuierliches Spurensystem. Sie ist ein träger, zerstreuter, ins Gigantische anwachsendr Körper, den der einzelne nur durch mühevolle Recherchen, Interpretationen und In-Verbindung-Setzen gliedern und beleben kann.
Um dem abzuhelfen, werden die virtuellen Welten der kollektiven Intelligenz neue Formen der Schrift entwickeln: animierte Piktogramme, kinetische Schriften, welche die Spur der Interaktionen der Navigatoren bewahren können." <117, 118>

Was ist Interpretation? (Sprachspiele, Sprachspiele ...)

"Der subtile Geist, der versucht, den trägen Körper des Buchstabens zum Tanzen zu bringen, der angesichts toter Zeichen den Atem des Autors herausbeschwören will. Sie ist die gewagte Rekonstruktion eines Knotenpunktes von Gefühlen und Bildern, denen der Text entstammt. Und zu guter Letzt die Produktion eines neuen Textes, des Textes des Interpreten. Aber angenommen, die Zeichen lebten? Wenn das Text-Bild, der Gedanken-Raum, unaufhaltsam im Rhythmus der kollektiven Intelligenz wachsen, wuchern, sich wandeln würde? Wenn die undurchsichtigen, gigantischen Schichtungen des Texte sich angesichts eines flüssigen, kontinuierlichen Milieus auflösten, in dem der Forschungsreisende immer das Zentrum besetzt?" <118>

Zap me, Baby! (Against Interpretation)

"Ein Individuum, das den Kontakt zu seinem Leben und seinen Interessen verloren hat, das seine Kompetenzen nicht nutzen kann und von den anderen abgesondert ist, "hat nichts zu sagen". Die Schwierigkeit besteht darin, die Menschen in Gruppen zusammenzufassen - im emotionalen und topologischen Sinn - und sie in ein Abenteuer zu verwickeln, in dem sie wieder Lust bekommen, zu phantasieren, zu erforschen und gemeinsame Sinneswelten zu schaffen. Die 'direkten' und Echtzeit-Technologien steuern zwar ihnen Teil zu diesem Unterfangen bei, aber die dem imaginierenden Kollektiv eigene Zeit geht weit über die zerhackte, beschleunigte, fast punktuelle Zeit der 'Interaktivität' hinaus. Das unmittelbare, das Zappen, von dem keine Erinnerung bleibt, kann uns nicht in Kontakt bringen mit den langen Interpretationsketten, mit der unendlichen Geduld der Tradition. [...] Der Rhythmus des imaginierenden Kollektivs ähnelt dem eines sehr langsamen Tanzes. Ihm liegt eine Choreographie der Verzögerung zugrunde." <131>

Das unmögliche Denken! (Ole Matrosen ole!)

"Seien wir ehrlich: Der Raum des Wissens existiert nicht. Er ist im etymologischen Sinn des Wortes ein U-tope, ein Nicht-Ort. Er ist nirgends verwirklicht." <145>

Kapitalismus, Zirkulation und virtuelle Welten (Doom)

"Welche Konzepte und Technologien könnten diesen Raum des Wissens und gleichzeitig die Identität des einzelnen in diesem Raum sichtbar machen? [...] Kollektive Intelligenzen tauchen auf und vernetzen sich, verlagern sich und verwandeln einander. Aus der Zirkulation , Verbindung und Metamorphose denkender Gemeinschaften entsteht und erhält sich der Raum des Wissens. Jede kollektive Intelligenz erzeugt eine virtuzelle Welt, in der die Beziehungen, die sie bestimmen, die Probleme, die sie in Bewegung bringen, die Bilder, die sie sich von ihrem Umfeld macht, ihr Gedächtnis und ihr Wissen im allgemeinen zum Ausdruck kommt. Die Mitglieder einer kollektiven Intelligenz produzieren, strukturieren und verändern ständig die virtuelle Welt, die Ausdruck ihrer Gemeinschaft ist: Die kollektive Intelligenz hört nicht auf zu lernen und zu erfinden. "<159>

Language is a virus (Klau mich, klon mich, verführ mich!)

"Die Melodie, die wir im Radio hören, die auf einer Platte aufgezeichnet ist, wurde nie so gesungen, wie wir sie hören [...] Das große Kaufhaus des Zeichens, des Spektakels wird zu einer Über-Realität, durch die jedes Wort, jedes Bild hindurchgehen muß, wenn es irgendeine Art von Wirkung erzielen will. Der Auftriff der Medien löst die Repräsentation ab: "Ich habe das im Fernsehen gesehen ...".
Das Zeichen verweist hier nicht mehr auf einen Sinn oder ein Objekt. es fließt, strahlt, verbreitet sich, setzt sich fort, es klont und vermehrt sich. Es ist kein durch eine Transparenz beglaubigter Repräsentant, sondern ein Virus, das sich replizieren will [...]."<171>

Sortierfolge: aufsteigend (Material für eigenes Schreiben)

18., Abläufen, Ära, Aufzeichnungs-, ausdehnt, bereist, bewegliches, Bewegung, Beziehung, Bibliotheken, Buch, Crusoe, dabei, Das, das, das, Datenbanken, der, der, der, der, derselben, des, des, Die, die, ein, ein, ein, ein, einem, einem, einer, eines, einziger, Elektronen, Encyclopédie, Ende, Enzyklopädie, Es, es, Forschungszentren, Gedächtnis, Gesamtheit, geschlossenen, Gruppen, im, in, in, in, in, in, in, Institutionen, ist, ist, Jahrhundert, keine, konnte., Laboratorien, lebendiger, markiert, Medien, mehr, mehr, Mensch, Menschen, Menschen, Menschen, Meßinstrumenten., Moleküle, Netz, Netz, nicht, Nicht-Menschen, oder, oder, Pyramide, Raum, Raumes, Robinson, ruht, setzt., sich, sich, Sie, soziale, spinnt, statische, System:, technischen, Übersetzungen, unablässig, und, und, und, und, und, und, und, und, unter, vereinen, Verweise., Das, vielleicht, von, Waren, weites, Wissen, Wissens, zirkuliert
(812 Zeichen, 113 Wörter)

Wissensräume, Wissensbäume, Topographien (Klick Overview!)

"Das Wissen ist keine statische Pyramide mehr, es spinnt und bereist ein weites, bewegliches Netz von Laboratorien, Forschungszentren, Bibliotheken, Datenbanken, Menschen, technischen Abläufen, Medien, Aufzeichnungs- und Meßinstrumenten. Es ist ein Netz, das sich unablässig in ein und derselben Bewegung unter Menschen und Nicht-Menschen ausdehnt und dabei Moleküle, soziale Gruppen, Elektronen und Institutionen in Beziehung setzt.
Das 18. Jahrhundert eines Robinson Crusoe und der Encyclopédie markiert vielleicht das Ende einer Ära, in der ein einziger Mensch die Gesamtheit des Wissens in sich vereinen konnte. Die Enzyklopädie des Raumes der Waren ruht nicht mehr im Gedächtnis lebendiger Menschen oder in einem Buch oder geschlossenen System: Sie zirkuliert in einem Raum der Übersetzungen und Verweise." <210, 211>

User hört die Signale! (das Rauschen in den Kanälen)

"Bereits Diderot und d'Alembert haben das architektonische Diagramm, die hierarchische Ordnung aufgegeben, denn ihre Encyclopédie ist nach der alphabetischen Unordnung aufgebaut. Im Sinne eines Hypertextes besteht ihre eigentliche Ordnung in einem Netz innerer Verweise. Die enzyklopädische Bibliothek verjagt das Buch. Und die Bibbliothek dehnt sich aus, quillt über und versucht, sich selbst mittels Katalogen und Indexsystemen zu lokalisieren. Zitate und Referenzen zeichnen ein Netz der Lektüren und Kreisprozesse des Wissens, das die alten Grenzen in Frage stellt. [...] Wie kann man die wissenschaftliche und technische Information, aber auch die Bilder eines Museums oder eines audiovisuelen Archivs [...] klassifizieren und organisieren? All diese ungeschickten Versuche, sich zu diesem Zwecke doch immer der erstarrten Korpora alter Disziplinen zu bedienen, müssen zum Scheitern verurteilt sein, wenn das Wissen lediglich an den sich bewegenden Rändern, an den Kreuzungen, in den Interferenzen existiert und alles eine Frage des Imports und Exports ist?" <211>

Fade-out (think twice!)

"Die Frage ist, ob man ein Netz konstruieren kann, das frei von Kreuzungen, Verteilern und Schnittpunkten wäre, an denen sich Parasiten niederlassen. Wo jedes beliebige Element mit jedem anderen in Beziehung treten könnte, ohne auf einen Vermittler angewiesen zu sein. Es gilt entschieden, eine Philosophie ohne Verteiler zu schreiben."
(Michel Serres )