previous next Up Title Contents Index

README.FIRST: Konfigurationen des Schreib/Lese-Raumes


Netzspezifische Austausch- und Ausdrucksformen (Kontextualisierung, Annotation, Mischung verschiedenster Kontexte, Multimedialität) lassen neue Textformen entstehen, deren Zirkulation im Netz auch Leseräume und -konfigurationen verändern: kleine Erzählungen[10], Cybertexte, Hypermedia, Games, MUDs usw. Charakteristisch für online-Texte ist das kollaborative Entwerfen und Inszenieren von Ideen sowie der deren Beschleunigung im Prozess eines vorher nicht fixierbaren Austausch- und Verteilungsprozesses. Erstellung und Überarbeitung von Texten[11] sowie ihre Einbindung in andere Kontexte vollziehen sich nicht mehr im Kopf eines einzelnen Autors, sondern konfigurieren sich von vornherein im öffentlichen Raum: jeder ist der Möglichkeit nach Sender und Empfänger, Leser und Schreiber, Produzent und Rezipient. Im Sinne eines solchen Hypertextes versuche ich im folgenden, einen Dialog zwischen einem netzessayistisch verfaßten Text und einem Anmerkungsapparat, in dem verschiedene Theoriesegmente versammelt sind, zu initiieren. Dieser `Dialog' wiederum ist verknüpft bzw. verknüpfbar mit weiteren Texten über den veränderten Status von Netz-Texten[12] wie mit der diesem Band beiliegenden CD-ROM - ein experimenteller Testdurchlauf also für eine hypermediale Schreibweise, die - noch weit mehr als jeder `normale' Text - von der Mitarbeit der Leser lebt.[13]


[10] Die Produktion solcher `kleinen Erzählungen' im Kontext eines netzorientierten kulturwissenschaftlichen Forschungsansatzes der 'Kleinen Wissenschaft' (d.h. der Vernetzung minoritärer und interdisziplinärer Forschungsfelder im Zwischenbereich von Kultur-, Politik-, Medien-, Informations- und Geisteswissenschaften) beschreibt Idensen 1998a; auf der CD-ROM unter:
Heiko Idensen: DISKURSTECHNIKEN IM NETZ. Anmerkungen zu "Kleinen Wissenschaften" - gegen universelle deregulierte Wissenordnungen.>

.
[11] Vgl. zur Autorfiktion als ein `auslesbarer' Computerspeicher: Idensen 1998b; auf der CD-ROM:
Idensen, Heiko 1998b: Speichern - Erinnern - Übertragen: Zur Archäolgie (hyper-) textueller Speichertechiken oder: von Heiko Idensen gerettete Archivdateien nach einem Systemabsturz>


[12] Eine ausführliche Bibliografie (auch mit Netzwerktexten) findet sich auf der CD-ROM unter
ausführliche Bibliografie (auch mit Netzwerktexten)


[13] Das vielleicht allzu naive und oberflächliche Modell der 'Entstehung der Gedanken beim Hyperlesen', wie es dieser Text belegen will, wird kritisiert in einem Artikel von Uwe Wirth zu den Problemen und Freuden des Lesens im Internet:
"Nur wenn das assoziative, hypertextuelle Lesen aktiv in den Prozeß des abduktiven Hypothesenaufstellens integriert ist, wird die rhizomatische Verweisstruktur des Netzes zu einem 'produktiven Feld', in dem sich 'Entdeckungen, Erfindungen und Innovationen abspielen' (Idensen 1996a, S.149). Dies setzt allerdings voraus, daß, anders als Idensen behauptet, 'das Denken selbst' nicht darauf reduziert wird, 'sich in den Zwischenräumen, im Übergang von einem Gebiet in ein anderes' zu ereignen (Idensen 1996a, S.149). Die Frage ist, ob damit die Zwischenräume im Hypertext oder die Übergänge zwischen Hypothesen über den Hypertext gemeint sind. Das Denken muß nicht bloß assoziativ, sondern auch argumentativ anschließbar sein. Erst durch geistige Interaktion werden Anschluß- und Schnittstellen informativ und interessant." (Wirth 1997, S. 330) Wer zitiert hier eigentlich wen? Oder eben: Wer spricht?


previous next Up Title Contents Index