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Daß die Archive des Wissens nicht nur rein kumulativer Natur sein können und dürfen, zeigt das historisch-kritische Wörterbuch, das Pierre Bayle nach zehnjähriger Forschungs- und Kompilationsarbeit herausbrachte - und das zu einem einflußreichen Konversationslexikon der aufklärerischen Salons wurde. Es liest sich wie das Projekt einer `historisch kritischen' Neu-Auflage aller bisherigen Wörterbücher: ein Lexikon der Fehler, Irrtümer, Auslassungen und Verdrehungen der gängigen Lexika seiner Zeit: "Ich habe mir in den Kopf gesetzt, die größte mir mögliche Sammlung von Fehlern zusammenzustellen, die sich in den Nachschlagewerken finden [...]."[23] Bayles Verfahren der Textauswahl und der -generierung beruht auf einem endlosen Prozeß der Relativierungen (Behauptungen und Erwiderungen, Meinungen und Gegenmeinungen usw.). Als fortwährende Textkritik ist es eine Frühform des intertextuellen Verfahrens. Die Autor-Funktion gleitet über zu der eines Kompilators, Transformators, Herausgebers, Kommentators.[24]Die überbordende Verwendung von Fremdmaterialien treibt Form und Aussehen der Buchseiten an die Grenze der Buchkultur.[25]
Bayles Paradigmenwechsel in der Wissensverarbeitung - Abwendung vom Vollständigkeits-Anspruch einer Universalenzyklopädie, Hinwendung zur Ausdifferenzierung vielschichtiger Materialienbestände - wurde von einigen seiner Zeitgenossen (u.a. von Leibniz, der u.a. die chaotische Organisationsweise nicht akzeptieren konnte[26]) vehement kritisiert; die umfangreichen Such- und Stöbermöglichkeiten jedoch übten gleichzeitig eine große Faszination auf Leser aus den untrschiedlichsten sozialen Schichten aus. Die von allen Enzyklopädien her bekannten Schwierigkeiten bei der Lokalisation von Wissensfragmenten wurden hier gleichsam auf die Spitze getrieben. Die vorherrschende Gebrauchsweise ("nicht zielstrebiges Suchen [...], sondern bildungshungriges Lesen und Blättern, dessen Lohn der überraschende Fund [sei] " (Neumeister 1990, S. 75) [27] hat bereits eine strukturelle Ähnlichkeit mit dem Navigieren in Informationsnetzen.


[23] Neumeister 1990, S. 62
[24] Komplexe Texte und Textsammlungen sind in der Regel gespickt mit einer ganz besonderen `Textauszeichnungsart', die zumindest einige dialogische Elemente aus des Diskurszusammenhängen der oralen Kultur in die Schriftkultur gerettet hat: dem Kommentar. In den sogenannten Büchern der Bücher, wie dem Koran oder der Bibel, finden sich verschiedenste Schichten von Kommentaren und Auslegungen, die sich schon im Verlaufe handschriftlicher Reproduktionen von Schreibern, Kopisten und Lesern um den feststehenden Haupttext in breiten Bändern herumlegen und so Spalte um Spalte hinzufügen. Literarische wie wissenschaftliche Texte antizipierten oft diese Form der Textverarbeitung, indem sie durch umfangreiche `gelehrte' Kommentare zum poetischen oder sachlichen `Haupttext' weitreichende Erklärungen, historische oder biographische Anspielungen für die zukünftigen Leser mit einflechten (etwa bei Dante, Petrarca, Keppler).
[25] Kurze Sachartikel in großen Lettern stehen einer enormen Masse an Anmerkungs-Materialien gegenüber, die von Buchstaben, Ziffern, Zeichen, Abkürzungen und Randbemerkungen durchsetzt sind. Im Artikel über Epikur, der nach Diogenes Laertius über 300 Bücher ohne fremdes Gedankengut geschrieben haben soll, stehen beispielsweise 93% eng gedruckte doppelspaltige Anmerkungen den nur 7% des Buchumfangs füllenden Artikeln gegenüber.
[26] "... denn jede frei umherschweifenden Reden, bei denen sich sich die Zusammenhänge wie in einer Konversation rein zufällig ergeben, sind für irgendein galantes Werkchen gut, das eher zu gefallen als zu nützen bestimmt ist, doch sind sie nicht gut zur Aufklärung der Sachverhalte, bei denen oft schon die gute Anordnung den Kommentar ersetzt und Wort sparen hilft." (Leibniz 1961, S. 16-20)
[27] Neumeister führt auch ein Fülle von Anekdoten und prominente Leseszenen (z.B. bei Goethe) an.


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