Jacques
Derrida hat 1974 mit Glas ein Diskursexperiment vorgelegt, das mittels
typographisch-struktureller Textoperationen auch praktische Konsequenzen aus
seiner radikalen Diskurskritik[1] zieht: das
klassische Modell des Buches wird konkret auch auf der Oberfläche des
diskursiven Layouts dekonstruiert. Der Diskurs (bezogen auf Hegel einerseits
und Genet andererseits) entfaltet sich in einem zweispaltigen Text-Umbruch, der
ständig durch weitere Einfügungen, Umleitungen, Einschübe etc.
unterbrochen wird.
Geradezu beispielhaft für die Entwicklung kritischer hypermedialer
Diskurstechniken werden verschiedene textuelle und theoretische Genres und
Schreibweisen gemischt, zwischen denen der Leser wechelseiteige Bezüge
herstellen kann: Hermeneutik, philosophische Textinterpretation, experimentelle
literarische Verfahren (wie Cut-Up, Collage).[2]
Es
klingelt. Hallo. Wer spricht?
Radikal in der Adaption medialer Diskurstechniken ist Avital Ronells
Theorie-Experiment "The Telephone Book". In Layout und Organisationsweise
strukturell an die Funktionnaltät eines Telefonbuches angelehnt,
führt es die 'Dekonstruktion des Phonozentrismus' konsequent in den
eigenen Sprachgebrauch ein: Das Medium Telefon arbeitet als aktive Metapher im
Hintergrund eines zur einer Telefonzentrale umgerüsteten Buches. Die
verschiedenen Diskurse ('Technology', 'Schizophrenia', 'Electric Speech')
werden im Sinne telekommunikativer Verbindungen zusammengeschaltet: weiße
und gelbe Seiten, long-distance calls, return calls (z.B. Derrida mit Freud),
local calls. Die Diskurspartner heben ab, legen auf, lassen das Telefon
klingeln. Ein Spiel mit Typographie und Layout führt den Leser vom
linearen Leseweg ab und verführt ihn dazu, Querverbindungen herzustellen,
von einem Strang zu einem anderen zu springen, sich zu verirren. Das Manual[4] für Benutzer warnt mich ausdrücklich
vor dem Gebrauch dieses Buches.[5]
(Accessed
7.5.1998) <hr>
Krapp, Peter 1996: "Lesegruppe Glasweb" (CD-ROM)
[1] "Es geht nicht darum, der Buchhülle
noch nie dagewesene Schriften einzuverleiben, sondern endlich das zu lesen, was
in den vorhandenen Bänden schon immer zwischen den Zeilen geschrieben
stand. Mit dem Beginn einer zeilenlosen Schrift wird man auch die vergangene
Schrift unter einem veränderten räumlichen Organisationsprinzip
lesen. [...] Was es heute zu denken gilt, kann in der Form der Zeile oder des
Buches nicht niedergeschrieben werden." (Derrida 1974: S.155)
[2] "George Landow ist nicht der erste, aber
wohl der bekannteste Propagandist einer Konvergenz von Hypertextualität
und den literaturtheoretischen Mikrologien der letzten drei Jahrzehnte. Eines
der merkwürdigsten und zugleich beliebtesten Beispiele für diese
These ist Jacques Derridas Glas. Seit seinem Erscheinen beinahe zeitgleich mit
dem Personalcomputer gilt Glas als gleichermaßen hypertextuell wie
unlesbar. Seine zwei Kolumnen beginnen und enden mitten im Satz, sind
durchlöchert von Einsprengseln, zitieren eine große Zahl von
philosophischen und literarischen Texten, manchmal satztechnisch abgesetzt,
manchmal nur in Anspielungen. Der Balanceakt zwischen Hegel auf der linken und
Genet auf der rechten Seite bleibt unreduzierbar auf Themen, Kontraste, oder
Thesen. "Was, nach alldem, vom Rest, heute, für uns, hier, jetzt, von
einem Hegel?", so beginnt es, und zugleich, in Anspielung auf einen Text
ähnlichen Layouts von Jean Genet: "Was blieb von einem in kleine, sehr
gleichmässige Quadrate zerrissenen und ins Klo gestopften Rembrandt ist
zweigeteilt. Als Rest." Was bleibt zu lesen von Glas, beinahe ein
Vierteljahrhundert später, hier und jetzt? Daß Glas eine
Textmaschine ist, bleibt jedenfalls ein ernstzunehmener Lektüre-Vorschlag;
ob Glas zu Recht oder zu Unrecht von den Medientheoretikern unter die Ahnen des
Hypertext eingereiht wird, bleibt noch zu klären."
Krapp, Peter 1997: Hegel hissen. Glas lesen (CD-ROM)
[3] Screenshots auf der CD-ROM:
Screenshots zu: Avital 1989: The Telephone Book. Technology - Schizophrenia - Electric Speech, Lincoln (auf der CD-ROM)