Fußnoten zu/in Fußnoten
    Schreiber Fische Joyce Boxen Luftzug

    Als narrative Stilfigur findet sich die Fußnote extensiv eingesetzt im 10.Kapitel von Finnegans Wake (James Joyce, New York 1947), in dem der Haupttext in der Mitte (Textmaterialien einer Schulstunde) von Marginalien an den seitlichen Rändern (Bezugsstellen und Anmerkungen zweier Brüder zum studierten Text) und Fußnoten (die Beziehungen zwischen den Brüdern und der Schwester herstellen) umrahmt wird. Der Leser wird hier in einen Dialog zwischen verschiedenen Texten und Lesarten verwickelt, der Akt des Lesens, das Navigieren im Text wird konstitutiver Bestandteil des Textkörpers

  • Fußnote zu Plato
  • Buchseite vs. Desktop?: Macht der Schrift-Ohnmacht der Theorie
  • aus der Werkzeugkiste: Macht Karten - keine Kopien!
  • pragmatische Vorschläge & Tips zum Überleben
  • Hypertext- universelle FUßßnote?

    Hypertext- universelle Fußnote?

    Deshalb ist die oft vorgenommene Analogisierung zwischen der klassichen Fußnote und dem link in elektronischen Texten auch nur bedingt tauglich. Der narrativen Funktion von links kommt man aber doch auf die Spur, wenn man extreme Gebrauchsweisen von Fußnoten in literarischen oder theoretischen Texten verfolgt: Fußnoten weisen über die (auch physische) Abgeschlossenheit nicht digitaler Texte hinaus. Sie ermöglichen ein Schreiben über den Rand des jeweiligen Diskurses. Als Absprungstellen für den Leser fordern sie Interpretation, Kritik, eigene Suchbewegungen heraus und bewirken einen Perspektivewechsel, der das diskursive und auktoriale Zentrum des Textes aufsprengt und für Anschlußmöglichkeiten an andere Texte und Diskurse sorgt. In dem Essay "Living On" (Derrida, Jacques (1979), "Living On", in: Harold Bloom (Hg.). Deconstruction and criticism, New York, S.75-176) untersucht Derrida Grenzlinien in Mairice Blanchots Texten und kommentiert den Prozeß seiner Gedanken gleichzeitig, indem er eine einzige Fußnote einsetzt, die unterhalb des gesamten Textes parallel weiterläuft. Als narrative Stilfigur findet sich die Fußnote extensiv eingesetzt im 10.Kapitel von Finnegans Wake (Joyce, James (1947), Finnegans Wake, New York), in dem der Haupttext in der Mitte (Textmaterialien einer Schulstunde) von Marginalien an den seitlichen Rändern (Bezugsstellen und Anmerkungen zweier Brüder zum studierten Text) und Fußnoten (die Beziehungen zwischen den Brüdern und der Schwester herstellen) umrahmt wird. Der Leser wird hier in einen Dialog zwischen verschiedenen Texten und Lesarten verwickelt, der Akt des Lesens, das Navigieren im Text wird konstitutiver Bestandteil des Textkörpers. Weitere Beispiele finden sich in dem Essay: (1983) "At the Margin of Discourse: Footnotes in the Fictional Text". Leider ist in keinen mir bekannten Textverarbeitungs-Programm die Möglichkeit gegeben, in Fußnoten wiederum Fußnoten einzufügen - und somit eine Mehrfachverschachtelung zu erreichen, wie sie etwa in Raymond Roussels Texten gegeben ist.


    [1] In der Folge der kulturellen Revolutionen, die Elizabeth Eisenstein so schön und plastisch als Folgen der Druckerpresse beschreibt. Vgl. Eisenstein 1997
    [2] Deren (vermeintliches) Ende wird in der Nachfolge McLuhans (Mc Luhan 1968) von der aktuellen Medientheorie besungen und teilweise auch durch die Entwicklung neuer Diskursformen entsprechend in Szene gesetzt. (Lyotard 1982, Baudrillard 1982, Kittler 1993, Bolz 1993, Flusser 1987, Rötzer 1991 und 1993, Virilio 1993) - Solche "leeren Verweise" sind in digitalen Texten nicht üblich. Während die Autoren (gedruckter) Texte sich durch eine Überfülle von Verweisen auf 'anerkannte' Diskurse selbst einen Autoritätszuwachs erhoffen - dieser 'hermeneutische Zirkel' schließt natürlich auch den Leser mit ein, der die geläufigen 'Stellen' zu kennen hat -, verzweigen digitale Texte tatsächlich zu den entsprechenden 'Stellen'. Eine solche radikaldemokratische Zugriffsweise auf die neuen Wissensformationen läßt die telematischen Kulturen auch im Lichte utopischer Gesellschaftsentwürfe erscheinen. (Vgl. Idensen (1993).
    [3] Vgl. Grassmuck 1985

    Fußnote zu Plato

    Plato warf der Schrift - neben der zersetzenden Wirkung auf die für die orale Kultur so fundamentale Kunst des Gedächtnisses - vor, daß die Texte jetzt völlig unabhängig von den Sprechern bzw. Autoren zirkulieren können - unautorisiert und ohne Kontrolle.
    Genau in dieser Befreiungsbewegungen der Schrift von linearen Befehls- und Repräsentationsfunktionen zu vielfältigen Vernetzungs- und Kommunikationsstrukturen liegt allerdings die enorme Sprengkraft, die die Schriftentwicklung historisch so eng an soziale Bewegungen gekoppelt hat: an die Herausbildug demokratischer Stellvertreter-Prinzipien, die Entstehung bürgerlicher Subjektivitäten (als Sprecher und Schreiberfunktionen), die Verbreiterung des Adressaten-Kreises von Texten, die Entwicklung `kritischer' Diskurse[1] (Reformation, Aufklärung, enzyklopädische Wissensutopien ...) und moderner Aufschreibesystene bis hin zur noch offenen aktuellen Umbruchsituation von der Gutenberggalaxis[2] zu postindustriellen Produktions- und Rezeptions-Strukturen. Das Informations-Zeitalter ist schon mit vielen, teils blumenreichen, teils metaphorischen Bezeichnungen bedacht worden: Turing-Galaxis[3], Cyberspace, Universum elektronischer Texte (Docuverse) oder schlicht xxx .

    Buchseite vs. Desktop?: Macht der Schrift-Ohnmacht der Theorie

    Die enormen gesellschaftlichen Macht-Potentiale der Schrift lassen somit auf den Oberflächen der verschiedenen Schrift-Systeme ihre Spuren zurück: sie werden gerade in historischen Momenten des Medienwechsels zu den entscheidenden Paradigmen neuer Produktionsweisen - ebenso wie zu Phantasmen, Projektionen und ambivalenten Begrifflichkeiten - zu den Werkzeugen und Waffen einer sich immer wieder zu den neusten Schrift-Entwicklungen positionierenden Medientheorie.

    aus der Werkzeugkiste: Macht Karten - keine Kopien!

    Die visuellen Darstellungsweisen von Informationen haben im Verlaufe der Geschichte der Buchillustration und der Typographie vielfältige Gestaltungsmöglichkeiten durchlaufen: von den visuellen Gebrauchsanweisungen der Enzyklopädie bis hin zu computer-generierten 3-dimensionalen Röntgenaufnahmen, Tabellen, Flow-Charts. Aber die Funktionsweise von Schrift und Bild ändert sich in den Scheib- und Navigationsräumen der Hypermedien grundlegend: die Schrift selbst wird räumlich, spielt sich durch die vielfältigen Verknüpfungs- und Link-Möglichkeiten in einem mehrdimensionalen Informationsraum ab. Der grundlegende Unterschied zwischen Schrift und Bild wird dadurch aufgehoben, daß die Bilder keineswegs lediglich nur einen illustrativen Charakter haben, sondern durch programmierbare aktive Bereiche (z.b. image-maps in HTML) programmtechnisch auf derselben Ebene funktionen wie die Schrift: Absprungstellen, Übersichtsfunktionen, Visualisierung von Dokument- und Linkstrukturen.
    Ein Hypermedia-Bildschirm hat deshalb eher die Funktionalität einer Karte: der Nutzer kann vielfache Pfade wählen, hat verschiedenste Optionen zur Verfügung (Bodenschätze, Höhenangaben, politische Grenzen) nach denen er Navigieren kann. Eine Karte kann verschiedene Ansichten/Zugänge zu einem Set von Materialien - spezifiziert nach verschiedensten Anforderungen und Aufgaben - ermöglichen. Auf der Karte überschneiden sich auch Form und Inhalt, Informationen und Navigationshinweise bzw. Programm-Informationen.

    pragmatische Vorschläge & Tips zum Überleben

    Zahlreiche `Tips und Tricks' aus unzähligen Hand- und `Koch'büchern sollen bei der Konvertierung kulturwissenschaftlicher Materialien, Diskurse und Arbeitsweisen ins die Netzwerke hilfreiche Gebrauchsanweisungen sein und einen schmerzlosen Übergang in das `wissenschaftliche Arbeiten im Netz' gewährleisten: Recherchemöglichkeiten, Suchen und Finden, Format und Designfragen, Anmeldungs bei Suchmaschinen, das Setzen von Metatags, Zitierweisen und Copyrightprobleme nehmen einen breiten Raum in dieser durch und durch affirmativen `Gebrauchsliteratur' ein, die allzu oft den Anschein erweckt, das Netz sei lediglich eine technische Verschaltung verschiedener bisher getrennt vorliegenden medialer Ströme. Das Docuverse sei eine weltweite Bibliothek, eine Webseite entspreche einer Buchseite, Links den Fußnoten ..., Suchmaschinen den Zettelkästen, Hotlists sind Lesezeichen, das Klicken entspicht dem Umblättern ...
    Autoren blieben diejenigen, die Texte erfassen, speichern und zur Übertragung bereitstellen für die eifrigen Leser im Netz. Das seien diejenigen, die Texte im Netz suchen, aus dem Netz downloaden, in eigenen Archiven abspeichern ... ggf. ausdrucken - selten auch lesen.
    Alle seien eben User - am besten desselben universellen Betriebssystems!
    Alle Störungen, Verfallssymptome, Unklarheiten und Unzulänglichkeiten seien lediglich `Übergangsphänomene' ...

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